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Sabeth schreibt

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie

Über den autoritären Charakter, Faschismus, Unterwürfigkeit, Macht-, Dominanzbedürfnis, Rassismus, Konservatismus, Trieb, Männerphantasien und Kindheit, Prägung, Erziehung ...

"[...] Fromm sieht im Streben nach Freiheit und nach Gerechtigkeit fundamentale Wesenszüge aller Menschen. Viele Menschen seien dieser Freiheit jedoch nicht gewachsen bzw. haben durch Erziehung einen Sozialcharakter erworben, der an Macht und Gehorsam orientiert sei. In seinem Buch Escape from Freedom (1941) beschrieb Fromm die Psychodynamik dieser Furcht und Flucht vor der Freiheit. Der geistige Konformismus verträgt keine Andersdenkenden und keine pluralistische Welt. Als typische Züge des autoritären Charakters nannte Erich Fromm die Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen, außerdem Destruktivität (Zerstörungslust), Selbsterhöhung und starre Konformität. Zu dieser durchgehenden Orientierung an Macht und Stärke gehört eine Denkweise, die an Konventionen hängt, zugleich abergläubische und stereotype Züge hat, sensible und künstlerische Seiten zurückweist und vor allem alles Fremde, fremde Menschen und Sitten, ablehnt. Die autoritäre Persönlichkeit tendiert dazu, Ideologien zu folgen, ist konform, bei extremer Ausprägung „potentiell faschistisch“ und destruktiv. Den tieferen Grund, weshalb sich diese Charakterstruktur herausbildet, sah Fromm primär nicht in einer Triebstruktur, sondern in der Unfähigkeit von Menschen, mit ihrer prinzipiellen Freiheit umzugehen – sie fliehen vor dieser selbstverantwortlichen Freiheit in eine konforme Sicherheit und orientieren sich an der Autorität. Dieser soziale Charakter wird vor allem durch typische Grunderlebnisse innerhalb der Familie und im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse und Anpassungen vermittelt.
 
Hier verwendete Fromm den Begriff „autoritärer Charakter“ synonym mit der aus der Psychopathologie stammenden Bezeichnung „sadomasochistischer Charakter“. Dieser tritt in der aktiven Variante überwiegend mit sadistischen Tendenzen (Freude an Beherrschung eines Schwächeren, Befriedigung durch Machtausübung) und in der passiven Variante überwiegend mit masochistischen Tendenzen (Freude an Unterwerfung unter einen Stärkeren, Befriedigung durch Gehorsam) in Erscheinung. In gesellschaftlichen Hierarchien fügt sich, so argumentiert Fromm, der autoritäre Charakter kritiklos ein, weil er sich in der Identifikation mit Machtträgern nicht länger mit seiner Nichtigkeit und Ohnmacht konfrontiert sieht, sondern diese Gefühle kompensieren kann. Die autoritäre Gesellschaftsstruktur produziert demnach Bedürfnisse nach Gehorsam, Unterwerfung und Machtausübung und bindet gleichzeitig das Individuum an Autoritäten und hierarchische Strukturen, die diese Bedürfnisse befriedigen.
 
Die Bezeichnungen „Sadismus“ und „Masochismus“ verwendet Fromm nicht in Bezug auf sexuelle Praktiken, sondern im Verhältnis zur Autorität. Er begründet dies folgendermaßen:
 
„Diese Terminologie ist auch dadurch gerechtfertigt, dass der Sado-Masochistische immer durch seine Einstellung zur Autorität gekennzeichnet ist. Er bewundert die Autorität und strebt danach, sich ihr zu unterwerfen; gleichzeitig aber will er selbst Autorität sein und andere sich gefügig machen.“ (1941/1978, S.163)
Zudem nenne sich das faschistische System – auf Grund des überragenden Anteils der Autorität an seinem Aufbau – selber ein „autoritäres“. Durch die Bezeichnung autoritärer Charakter wird zugleich auf Faschismustheorien verwiesen. Der Gehorsam gegenüber etablierten Autoritäten und die Intoleranz bzw. Aggression gegen den ideologischen Gegner hängen laut Fromm oft mit anderen Einstellungen zusammen: mit unbedingter Loyalität zur eigenen Bezugsgruppe und deren Führer, mit der Bereitschaft, eine Ideologie unkritisch zu übernehmen, mit Nationalismus und religiösem Fundamentalismus. Die autoritäre Persönlichkeit ist konformistisch: Abweichungen vom „Normalen“ werden abgelehnt, unter Umständen verfolgt, Individualismus und liberale Einstellung oder ein kultureller Pluralismus werden nicht toleriert.
 
Fromm als alleiniger Verfasser des sozialpsychologischen Teils der 1936 erschienenen Studien über Autorität und Familie erarbeitete damit Grundlagen für die berühmte, später in den USA entstandene Studie The Authoritarian Personality, die 1950 von Theodor W. Adorno et al. veröffentlicht wurde. [...]
 
Quelle: Wikipedia - "Autoritärer Charakter"
 
"[...] Erich Fromm nun wendete diesen Ansatz ins Gesellschaftliche. Freud, sagte er, habe nur gesehen, daß die Autoritäten der Gesellschaft die Verlängerungen der Vaterfiguren seien; übersehen aber habe er, daß die Autorität der Väter ihrerseits nie absolut ist, sondern sich ihrerseits „an die in der Gesellschaft herrschende Autorität anschließe“. Aufgabe des Gewissens (der verinnerlichten Autorität) sei es, die Triebe zu unterdrücken. Je weniger Bedürfnisse in einer Gesellschaft oder Klasse befriedigt werden, um so größer sei auch die Notwendigkeit, Triebe zu unterdrücken. Je schlechter es einer Gesellschaft oder Klasse gehe, desto starrer und härter ihr Über-Ich. „Je mehr ... die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft anwachsen und je unlösbarer sie werden, je mehr Katastrophen wie Krieg und Arbeitslosigkeit als unabwendbare Schicksalsmächte das Leben des Individuums überschatten, desto stärker und allgemeiner wird die sadomasochistische Triebstruktur und damit die autoritäre Charakterstruktur, desto mehr wird die Hingabe an das Schicksal zur obersten Tugend und Lust.“ [...]
 
Es war etwas gewagt Neues, nicht nach den politischen, den ideologischen, den ökonomischen Würzein des Faschismus zu suchen, sondern nach den psychischen. Wie kam Adorno dazu? Erstens, fand er, seien alle Menschen irgendwann faschistischer Ideologie ausgesetzt, aber nur manche zeigen sich dafür empfänglich. Zweitens „wird immer deutlicher, daß die Menschen sich sehr oft nicht im Sinne ihrer materiellen Interessen verhalten“, ihnen sogar zuwiderhandeln. Das marxistische Axiom, das (materielle) Sein bestimme das Bewußtsein, wurde von Adorno also verworfen.
 
Die grundlegende und höchst produktive Einsicht des Adorno-Kreises war die: Faschistische Einstellungen treten meist nicht einzeln auf. Sie bilden ein typisches Denkmuster, eine Einheit. Was sie zusammenhält, ist der Charakter – nämlich „die mehr oder weniger beständige Organisation von Kräften im Individuum, die in den verschiedenen Situationen dessen Reaktionen und damit weitgehend (sein) Verhalten... bestimmen“. Es gibt ein autoritäres, nämlich potentiell faschistisches Reaktionspotential. Wer es besitzt, ist für faschistische Propaganda eher empfänglich als der nicht-autoritäre Charakter.
 
Die Liste der Eigenschaften, die den autoritären Charakter ausmachen und die in jahrelangen Befragungen ermittelt wurden, ist lang. Der autoritäre Mensch ist ein besonders konventioneller Mensch, starr gebunden an hergebrachte Werte. Er hat einen Hang, die Welt anhand vorgefertigter Stereotypen zu beurteilen, er denkt in rigiden Kategorien von Gut und Böse, Richtig und Falsch – alles Ambivalente ist ihm verdächtig, wie auch alles Subjektive, Phantasievolle, Sensible. Er unterwirft sich willig und unkritisch den Autoritäten der eigenen Gruppe. Er sucht sich Andersartige, die er verurteilen, verteufeln und bestrafen kann. Er glaubt an wüste und gefährliche geheimnisvolle Vorgänge in der Welt. Er beschäftigt sich im Übermaß mit Sexuellem.
 
Um zu messen, wie autoritär der einzelne ist, entwickelte der Adorno-Kreis eine Skala, die F-Skala (F steht für Faschismus). Die F-Werte korrelieren deutlich mit IQ, Bildungsgrad und sozio-ökonomischem Status – autoritäre Charaktere sind in den Unterschichten, bei den weniger Gebildeten und bei den unterdurchschnittlich Intelligenten stärker vertreten. [...]
Der heutige Rechtsextreme ist Adornos autoritärer Persönlichkeit sehr nahe. Vor allem anderen kennzeichnen ihn Haß und Abneigung gegen alles Andersartige; außerdem fühlt er sich bedroht, schätzt Zucht und Disziplin; demokratischer Pluralismus ist ihm anrüchig.
 
Welches nun sind die Bedingungen, die den autoritären Charakter entstehen lassen oder seine Entstehung zumindest begünstigen?  [...]
 
Frenkel-Brunswik kam durch eingehende Beschäftigung mit den Lebensgeschichten ihrer Testpersonen zu folgendem Ergebnis: Die besonders „Autoritären“ hatten eine relativ harte und bedrohliche, vom Kind als willkürlich erlebte Familiendisziplin erfahren. Ihre Eltern hatten auf der exakten Erfüllung vorgegebener Rollen und Pflichten bestanden. Ein Austausch „frei strömender Zuneigung“ hatte kaum stattgefunden. Den Kindern waren starre Regeln und Sitten vermittelt worden; individuell hatten sich ihre Eltern kaum auf sie eingelassen. Entstanden war aus dieser Erziehung eine Neigung zu konventionellen, äußerlichen und flachen Gefühlsbeziehungen. Die Haltung zu den Eltern war teilweise feindselig; aber oft wurde diese Feindseligkeit hinter einer überschwenglichen Idealisierung der Eltern versteckt. Im späteren Leben, so Frenkel-Brunswik, setze sich das Syndrom fort: als „Überkonformität und untergründige Aggressivität gegen etablierte Autoritäten, Sitten und Institutionen“. Der deutlichste Zug ist wohl diese schwelende, untergründige Feindseligkeit, die sich gegen vermeintliche Feinde richtet: Juden, Schwarze, Zigeuner, Homosexuelle, Langhaarige, Bayern, Preußen...
 
Aus der analytisch-ethologisch orientierten Theorie des Bindungsverhaltens, wie sie von dem britischen Psychiater John Bowlby vertreten wird, wissen wir: Wenn das Kind, vor allem das sechs Monate bis drei Jahre alte Kleinkind keine engen, stabilen, verläßlichen Gefühlsbeziehungen zu einer festen Bezugsperson aufbauen kann, entsteht in ihm eine das ganze Leben überfärbende tiefe Feindseligkeit.
 
Die Lernpsychologie sieht es nicht anders. In einer Studie jugendlicher Gewalttäter (1959) stieß Albert Bandura auf die Wurzeln der Gewalt: „einen Mangel an gefühlsmäßiger Fürsorge und eine strafende Haltung“, eine „Störung der Abhängigkeitsbeziehung des Kindes zu „einen Eltern“. Sein eigener lernpsychologischer Ansatz brachte ihn dazu, von einer ungünstigen „elterlichen Erziehungstechnik“ zu sprechen. Mit „Technik“ im populären Sinn, als einem Arsenal von Rezepten und Kniffen, hat das wenig zu tun. Die „Erziehungstechnik“ ist wahrscheinlich wohl gleichgültig, solange das Kind nur in einer bedingungslosen Beziehung sicher aufgehoben ist.
 
Was die Zürcher Psychoanalytikerin Alice Miller in ihrem Buch Am Anfang war Erziehung (1980) so beredt beschreibt, die Familie als eine „Brutstätte des Hasses“, den „Mord am Kind“, den eine Erziehung begeht, die alles „Lebendige, Kreative, Emotionale“ in ihm unterdrückt, die „schwarze Pädagogik“ (Katharina Rutschky), reifend vom listenreichen Fallenstellen bis zur Mißhandlung und regelrechten Folter – viele Psychologen wissen schon lange: Gewalt zeugt Gewalt. Gewalttätige Eltern bringen gewalttätige Kinder hervor. Eine Untersuchung von Silver, Dublin und Lourie aus dem Jahr 1969 konnte die Linie der Gewalttätigkeit über Generationen zurückverfolgen. Miller gibt dem Befund eine psychoanalytische Deutung: Die „schwarze Erziehung“ versuche, die lebendigen Gefühle des Kindes zu töten, besonders die negativen Gefühle (Angst, Wut, Neid); sie werden „abgespalten“, Haben dann solche Menschen selber Kinder, so suchen sie das „Aufleben des einst in sich Umgebrachten und Verachteten im eigenen Kind zu verhindern“; was sie in sich selber „abspalten“ mußten, „projizieren“ sie auf ein verfügbares äußeres „Objekt“. Keines ist so wehrlos und verfügbar wie das eigene Kind: „Der innere Feind kann endlich draußen verfolgt werden“ – zu Hause.
Schon 1949 hatte Max Horkheimer versucht, die Befunde der empirischen Sozialforschung in einen weiteren Zusammenhang zu stellen, in den der Epoche. Es sei, schrieb er, die Krise der Familie, „die jene Haltungen hervorbringt, welche die Menschen zu blinder Unterwerfung disponieren“. Die Krise betreffe Mütter wie Väter, aber beide auf verschiedene Weise. [...]
 
Die eine ist die destruktive, negative Autorität, wie sie dem Kind in der Tradition der schwarz zen Pädagogik entgegentritt, Sie regiert das Kind mit eisernen Verboten und Strafen, diszipliniert es willkürlich, macht es klein und lächerlich, will es brechen,
 
Die andere ist die konstruktive, positive Autorität. Auch sie ist unverkennbar Autorität und gibt nicht etwa jeder Laune des Kindes nach. Sie stellt ihre Forderungen aber vor dem Hintergrund einer nicht nur vorgegebenen, nicht nur behaupteten, sondern immer fühlbaren, stetigen Liebe, die das Kind so, wie es ist, und mit allem, was es tut, bedingungslos akzeptiert.
 
Die negative Autorität macht das Kind zum feindseligen Beziehungskrüppel, zur leichten Beute autoritärer Ideologien, Wer daran interessiert ist, daß die Kinder zu selbständigen, demokratiefähigen Menschen aufwachsen, für den ist sie zu Recht das große Negativbild. Aber das bloße Fehlen der negativen Autorität, oder jeder Autorität, genügt noch nicht. Damit aus dem Kind ein selbständiger, beziehungsfähiger, verantwortlicher Mensch wird, muß es frühmöglichst viel positive Autorität erfahren.
 
Daß die Menschen in der industriell-bürokratischen Großgesellschaft sich selber so oft als nichtig erleben, daß sie auf ihre entfremdete Arbeit keinen Stolz entwickeln können, daß sie auch sonst wenig Bestätigung für irgendein Tun und Lassen erhalten, daß sie menschliche Anerkennung suchen und nicht finden und mit der Anhäufung der bloßen Symbole der Anerkennung, Geld und Besitz, kompensieren, daß sie sich nirgends zugehörig fühlen und mit ihrer Gesellschaft und deren Autoritäten so oft nicht einverstanden sind und es vermeiden, sich mit ihr zu identifizieren – all dies beschädigt ihr Selbstbewußtsein und macht sie auch ihren Kindern gegenüber unsicher. Und es ist anzunehmen, daß Menschen mit einem beschädigten Selbstbewußtsein ihren Kindern gegenüber eher eine zerstörerische oder unsichere Autorität zeigen, die sich selber keinen Glauben schenkt.
 
Sind dies bloße Spekulationen? 1967 hat die amerikanische Psychologin Diana Baumrind eine kleine, aber sprechende Probe aufs Exempel gemacht, Sie untersuchte 32 drei- bis vierjährige kalifornische Kindergartenzöglinge und ihren Familienhintergrund.
 
Eine Gruppe bildete sie aus den selbstbeherrschten, selbstbewußten, neugierigen, geselligen, realistischen, zufriedenen und durchsetzungsstarken Kindern – es waren die, die dem Ideal des „autonomen“ Menschen am nächsten kamen. Ihre Eltern, so stellte sich heraus, waren „beständig, liebevoll, gewissenhaft und sicher in ihrem Umgang mit den Kindern. Sie achteten die Entscheidungen ihres Kindes,...begründeten ihre Anforderungen“, zeigten jedoch „feste Kontrolle und stellten hohe Ansprüche anihre Kinder“.
 
Eine andere Gruppe dieser Kinder war unzufrieden, unsicher, furchtsam, weniger offen für Gleichaltrige, in Streßsituationen eher feindselig, Ihre Eltern, so stellte sich heraus, waren weniger liebevoll, führten ein strenges Regime, begründeten ihre Forderungen nicht, ermutigten das Kind nicht zum Widerspruch.
 
Die dritte Gruppe schließlich umfaßte jene Kinder, welche die schwächste Selbstbeherrschung und das geringste Selbstvertrauen zeigten. Ihre Eltern waren – was Wunder – unsicher und desorganisiert, stellten keine Ansprüche an die Kinder, setzten nichts bei ihnen durch. [...]
 
In Autoritätsbegriffe zurückübersetzt, heißt das: Nicht aus der autoritären und nicht aus der autoritätsfreien Erziehung geht der autonome Mensch hervor. In dem Maß, in dem Erziehung den Charakter überhaupt formt und nicht vielmehr die genetische Mitgift und die Nötigung der Situation, ist er am ehesten von der autoritativen Erziehung zu erwarten. [...]
 
Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat 1980, im ersten Band eines vierteiligen Werks Zur politischen Psychologie, zu erklären versucht, warum die Autorität im politischen und wirtschaftlichen Bereich heute so mißvergnügte und aufsässige Untertanen und Untergebene erzeugt. Der Grund: Zwei völlig unannehmbare Formen von Autorität beherrschen das Feld. „Die eine ist die Autorität ohne Liebe... Sie ist anderen gegenüber gleichgültig und beruht auf einem selbstgenügsamen Expertentum, welches die Rebellion von unten absorbiert und dabei in den Rebellierenden höchst wirksame Schamgefühle erzeugt. Die andere Form war einst typisch für einzelne Kapitalisten, tritt aber heute in sozialistischen und kapitalistischen Bürokratien gleichermaßen auf. Sie ist die Autorität der falschen Liebe, die Autorität des Paternalismus. Sie gibt sich als wohltätig aus, aber ihre Wohltätigkeit geht nur so weit, wie sie den Interessen des Herrschers dient, und als Preis für die Fürsorge erfordert sie passive Ergebung... Die Verheißungen paternalistischer Stärke ist trügerisch und demütigend: Unterwirf dich, dann sorge ich für dich; wie ich das mache, ist meine Sache.“ Der Autorität ohne Liebe hingegen „fehlt jede Fürsorglichkeit: Du brauchst mich; ich brauche dich nicht; unterwirf dich“.
 
Eine Gesellschaft ganz ohne Autorität hält Sennett weder für möglich noch auch nur für wünschenswert. Der Traum der spanischen Anarchisten von einem völlig der Spontaneität des einzelnen überlassenen Leben sei ein Irrtum gewesen, schreibt er. „Nähme man ihn ernstlich als Plan für eine zu schaffende Gesellschaft, ist die Idee in der Tat furchterregend ... Niemand wäre je einem anderen verpflichtet. An die Stelle sozialer Herrschaft wäre ein allmächtiges Selbst gesetzt, das nur auf seine eigenen Wünsche hört.“
Sicher war es kein Zufall, daß gerade ein Japaner den Traum von einer Gesellschaft ohne Autorität, bestehend aus lauter spontanen, autonomen Individuen, als eine westliche Wahnidee erkannt hat. In zahlreichen Arbeiten zur „Anatomie der Abhängigkeit“ erklärt der Psychiater Takeo Doi, daß der Mensch ein naturhaftes Bedürfnis nicht nur nach der Ausübung, sondern auch nach der Erfahrung von Autorität habe, nicht nur nach der Liebe, sondern auch nach dem Geliebtwerden. Er beschreibt den Menschen als Wesen, das sich anderen anvertrauen, anheimgeben will. [...]
 
Die Schwierigkeit, welche die Autorität dem zeitgenössischen Denken und Fühlen bereitet, richtet sich nicht gegen Autorität an sich. Sie richtet sich bloß gegen bestimmte Formen. Es ist: die funktionale anstelle der persönlichen Autorität, die einen Anspruch auf Fügsamkeit erhebt, ohne einsehbare Qualifikationen vorzuweisen, nicht einen Anspruch von Mensch zu Mensch, sondern von Funktionsträger zu Funktionsträger. Es ist; die destruktive Autorität, die schon das Kind zerbrechen will. Es ist; die falsche Autorität, die nur zum Schein fürsorglich tut, aber nichts anderes verfolgt als ihre eigenen Interessen. Es ist; die gekünstelte Autorität, die ihre eigene Unsicherheit durch Kraftprotzerei verdeckt, Diesen vier Autoritätsformen gilt die Rebellion. Nichts wird die Menschen je dazu bringen, sich mit ihnen abzufinden; immer wird ihnen ihr Fühlen befehlen, sich dagegen zu wehren- [...]"
 
Entnommen aus "Das Unbehagen an der Autorität" von Dieter E. Zimmei, zeit.de
 

Zivilisation ohne Mitgefühl - Arno Gruen im Gespräch, Radio SRF2 Kultur - Es ist unentbehrlich, was Arno Gruen äußerte.

"[...] Die Autoren stellten sich die Frage, weshalb bestimmte Individuen antisemitische und ethnozentrische Ideen akzeptieren und andere nicht. Bei den ethnozentrischen und anderen Vorurteilen handele es sich nicht einfach um falsche und konformistische Meinungen, die einfach zu korrigieren wären, sondern diese hätten tieferliegende und weniger zugängliche Motive. Wer als Kleinkind von seinen Eltern autoritär behandelt werde, entwickle später selber einen autoritären Charakter, der kaum noch beeinflussbar sei und sich durch Feindseligkeit gegenüber Anderen oder Unterlegenen auszeichne.
 
In diesem Forschungsvorhaben ging es vorrangig um psychologische Variablen und im Kern um psychoanalytische Erklärungshypothesen mit der praktischen, wenn auch utopisch erscheinenden Absicht, zum demokratischen Prozess beitragen zu können. Im ersten Schritt sollten die Grundzüge der autoritären Persönlichkeit erfasst werden: starres Festhalten an Konventionen, Machtorientierung und Unterwürfigkeit, Destruktion und Zynismus. Über die bloße Beschreibung der Vorurteile hinaus sollte entwicklungspsychologisch erkundet werden, aus welchen grundlegenden Motiven, emotionalen Erfahrungen und Charaktereigenschaften solche Denkmuster entstehen. So wurde zwischen den geäußerten Meinungen und den zugrundeliegenden dynamisch miteinander verbundenen (und unbewussten) Strukturen des Individuums unterschieden. Die Autoren versuchten, Methoden der Sozialpsychologie und die psychoanalytisch orientierte dynamische Charakterlehre, interpretative und statistische Verfahren, miteinander zu verbinden.
 
Nach der Theorie der autoritären Persönlichkeit zeichnen sich Personen, die faschistischen Ideologien anhängen, durch eine unsachgemäße, vorurteilsvolle Betrachtung der sozialen und politischen Verhältnisse, unter anderem durch Antisemitismus und Ethnozentrismus, aus. Aus psychoanalytischer Sicht wird eine – weitgehend unbewussteFeindseligkeit auf andere Menschen gerichtet. Diese Projektion bezieht sich vor allem auf ethnische, politische oder religiöse Minderheiten, zumal hier weniger gesellschaftliche Sanktionen zu befürchten sind oder bereits solche Vorurteile existieren. Da die faschistischen Gruppierungen im Wesentlichen aus dem rechten oder konservativen Lager Unterstützung erfuhren, wurden Teile der konservativen Einstellung ebenfalls als Ausdruck dieser Persönlichkeitsstruktur gewertet. [...]
 
Demnach ist das autoritäre Syndrom die Folge eines Sozialisationsprozesses, der das Kind überfordert, wenn es zwar den Schutz einer Autorität suchen muss, sich aber gerade deswegen nicht zu einer autonomen Person entwickeln kann. Kinder identifizieren sich auf natürliche Weise mit ihren Eltern und anderen mächtigen Bezugspersonen. Statt sich dann abzulösen und sich zu unabhängig denkenden, selbständigen Personen weiterzuentwickeln, verbleiben sie in einer ängstlichen Unterordnung, in einer Überidentifikation mit Bezugspersonen oder mit weltanschaulichen, politischen und religiösen Bezugsgruppen. „In meinen bisherigen Untersuchungen habe ich zweierlei nachzuweisen versucht: 1. dass politische Krisensituationen autoritäre Reaktionen hervorrufen, die unter bestimmten Bedingungen zu einer Orientierung an politisch extremen Gruppen führen können, und 2. dass autoritäre Persönlichkeiten das Ergebnis einer zur Unselbständigkeit führenden Sozialisation sind.“ [...]
 
In der Mehrzahl der deutschen Lehrbücher der Sozialpsychologie wird die Autoritarismus-Forschung nur kurz abgehandelt, meist ohne die herausragenden Studien in den wichtigen Details zu referieren, ohne auf die aktuelle Forschung einzugehen oder den Alltagsbezug herzustellen. Wenn Publikationen über Rechtsextremismus und Linksextremismus noch nicht einmal die Begriffe Autoritarismus, autoritäre Persönlichkeit oder F-Skala zitieren, kann nur vermutet werden, dass vorwiegend soziologisch ausgebildete Sozialforscher weiterhin sehr reserviert sind gegenüber psychologischen Erklärungshypothesen für die Entstehung der individuellen Verhaltensunterschiede. Die psychoanalytischen Erklärungsversuche werden zumeist abgelehnt und im Sinne des verbreiteten Kognitivismus eher die kognitive Seite der extremen Einstellungen, also das fehlende Wissen, das Vorurteil oder die verzerrte Urteilsbildung gesehen – statt auch nach der tieferen Motivation, der Emotionsregulation und nach dem besonderen familiären Erziehungsstil zu fragen. Die übertriebene Abgrenzung zwischen dem soziologischen (und gesellschaftskritischen) Ansatz einerseits und der persönlichkeits- und entwicklungspsychologischen Forschung andererseits ist auf diesem Gebiet unfruchtbar, denn es handelt sich um einander ergänzende Perspektiven einer notwendig interaktionistischen Forschung. Vorrangig bleibt die gründliche Untersuchung der geäußerten Einstellung (Selbstbeurteilung), der auslösenden Situation und des tatsächlichen Verhaltens. [...]"
 
Quelle: Wikipedia- "Autoritäre Persönlichkeit"; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Im Frankfurter Institut für Sozialforschung hatte sich um Max Horkheimer ein Kreis kritischer Sozialwissenschaftler versammelt, um die Gründe für die Rechtsentwicklung in der Weimarer Zeit zu untersuchen. Wie alle linken Intellektuellen hatten sie sich nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland eine sozialistische Entwicklung erwartet. Nachdem stattdessen eine faschistische Bewegung zunehmend an Stärke gewann, wurde Erich Fromm, der Sozialpsychologe der frühen Frankfurter Schule, beauftragt, die später dann so genannte Studie "Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches" durchzuführen, um Gründe für diese Entwicklung zu finden. Die Erwartung, daß sich bei den Arbeitern und Angestellten ein revolutionärer Charakter ausmachen ließe, der durch ein solidarisches, nicht konkurrentes und liebendes Ich gekennzeichnet sein sollte, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil: Viele Anhänger der politischen Linken waren gekennzeichnet durch den Widerspruch zwischen politischen Zielen, die auf eine Überwindung der Klassengesellschaft zielten, und persönlichen Haltungen, vor allem gegenüber Frauen und Kindern, die eindeutig einem autoritären Modell zuzurechnen sind.

Dieses Ergebnis begründete den Zweifel an politischen Meinungen als Indikator für "demokratisches Verhalten" und führte zu einer stärkeren Beachtung sozialpsychologischer Zusammenhänge in der Kritischen Theorie. Erich Fromm formulierte 1932 das Programm einer "analytischen Sozialpsychologie", in dem die Rolle der Familie als "psychologische Agentur" der Gesellschaft in den Mittelpunkt der Analyse gerückt wurde. In der Familie werden die grundlegenden Haltungen zur Welt geprägt, und wenn in den Familien ein autoritäres Modell bestimmend ist, dann wird darüber die Bereitschaft zur Unterwerfung begründet, auch wenn die bewußten politischen Überzeugungen dem widersprechen mögen.

In den "Studien über Autorität und Familie", die 1936 unter Leitung von Max Horkheimer schon in der Pariser Emigration veröffentlicht wurden, wird dieser Grundgedanke historisch und systematisch ausgearbeitet. Der Blick richtet sich jetzt vor allem auf die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft, die der väterlichen Autorität auch in den bürgerlichen Schichten die Basis entzieht. Die ökonomische Unabhängigkeit der Väter, als Basis für eine glaubhaft gelebte Autorität, geht im Zuge einer immer stärkeren Monopolisierung wirtschaftlicher Prozesse zunehmend verloren und es bleibt eine starre autoritäre Fassade, die für die Auseinandersetzung der nächsten Generation mit Autoritäten nicht mehr trägt. Es können sich keine Ich-starken Persönlichkeiten entfalten. Das starre Über-Ich bestimmt das Fühlen und Handeln. [...]"
 
Quelle: spektrum.de - "autoritäre Persönlichkeit", Hervorhebungen habe ich vorgenommen
 
"[...] „Ist der Imperialismus als höchste ... Form des Kapitalismus zu verstehen, so der Rassismus als die intensivste des Patriarchalismus. Dem Imperialismus nach außen entspricht der Rassismus im Inneren des Landes als tödlicher Kampf gegen die ‚Fremdrasse‘ selbst, als forcierter Klassenkampf, als antagonistischer Geschlechterkampf, als Kampf am Leib des Rassisten selbst: ‚Rasse‘ Mann gegen Masse“ Lust, Körperpanzer gegen die Wunsch Produktion des Unbewußten.“
Klaus Theweleit: „Männerphantasien 2: Männerkörper – Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors“ [...]
 
Phantasien können nur entstehen durch Nicht-Wissen, Nicht-Kennen, Nicht-Erfahren. In seinem ersten Band hat Theweleit die Frauenbilder beschrieben, die entstanden sind als Phantasien von der Frau, der Unbekannten. Unbekannt, weil verboten. Warum verboten? Weil der Mann nicht zum Vergnügen auf der Erde ist, sondern um zu arbeiten. Er hat einen Auftrag zu erfüllen: sich die Erde untertan machen. Der Mensch ist unvollkommen, heißt es. Das ist richtig. Wird der Mann geboren als einer, der sich die Welt Untertan machen will? Offensichtlich hat er andere Wünsche, abzulesen an den Verboten, Körperverboten: alles was „unten“ ist.
 
Das soll er, darf er nicht erfahren. Ein solcher Mensch ist tatsächlich unvollkommen, „nicht zu-Ende-geboren“ nennt Theweleit diesen Zustand, der den Mann in andere Umstände bringt: schwanger mit Ideen/Phantasien: Kulturbildung unter diesen Voraussetzungen ist Phantasiearbeit.
 
Nicht zu-Ende-geboren: der Zeitraum des Zu-Ende-geboren-Werdens ist die Zeit, die es braucht, sich selbst zu erfahren, ein Bewußtsein von sich selbst zu bekommen („Ich-Bildung“). Das sind die ersten zwei Jahre. (Daß Freud die ersten beiden Lebensjahre des Menschen nicht beachtet hat, mag vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß Männer – vor allem seiner Zeit – mit Babies nicht allzuviel anfangen mochten. Wissenschaft vermittelt auch Wissen darüber, weshalb es sie, als diese oder jene Aussage, überhaupt gibt.)
 
Das Ich bildet sich als Erfahrung der Körper-Peripherie, des Körpers, von innen nach außen und von außen nach innen. Der erste Eindruck (eindrücken: nicht hinauslassen). Die Wünsche sollen sich nicht auf der Welt ausbreiten. Der Wunsch soll sein: sich die Welt einzuverleiben, untertan machen.
 
Theweleit beschreibt die Energien, die zu Aufbau und Zerstörung des tausendjährigen Reiches (vieler Reiche) mobilisiert werden konnten, als Energien von Körpern, denen erst einmal etwas genommen wurde, damit sie es dann wieder haben wollten, über Umwege, versteht sich – des Menschen Wille ist sein Himmelreich.
 
Der Nicht-zu-Ende-Geborene ist ein Mensch, der sein Leben lang das sucht, was ihm genommen worden ist, und er sucht es auf die Weise, auf die es ihm genommen worden ist: durch Verbote oder durch Zerstörung. Rauben oder töten.
 
Was braucht die Welt (Welt – um nicht zu sagen: das patriarchalische Herrschaftssystem)? Männer. Produktive (in der Regel, das zeigt die Geschichte, sind das räuberische) Männer. Was brauchen Männer (Männer – um nicht zu sagen: die Herrschenden)? Ganze Kerle. Solche, die kämpfen können (kämpfen, das zeigt die Geschichte, heißt: zerstören können).
Das Marxsche Klassenbewußtsein wird bei Theweleit zu körperlicher Wirklichkeit. Zwei von gleicher Klasse sind: zwei von gleicher Sexualität. Klassen sind auf unterschiedliche Weise nicht-zu-Ende-geborene Körper. Der Unterschied: Umlenken des „Unten“ aufs „Oben“ oder nur Verbot dessen, was „unten“ ist. Was aber ist das „Unten“ der ersten zwei Jahre?
 
Das erste Produkt, das ein Mensch herstellt, ist seine körperliche Ausscheidung. Die wird ihm – auf sicherlich unterschiedliche Weise – genommen, entfremdet, als mehr oder minder übles Produkt vermittelt. Die Produktionsweise scheint vorgegeben: Was aus dir rauskommt, was du produzierst, ist ungut, nicht zu lieben. Sauber sein, rein sein: der Sieg des Willens über den Wunsch. Der Anus, als Ort des Wunsches, ist Ort jener Produktionsweise (bei Theweleit „der Wunsch zu wünschen“ genannt), ist die des Unbewußten. Es wird tabuisiert, verheimlicht, verboten. Der Wunsch wird umgeleitet in den Willen, oder zerstört – und das gleich am Anfang des Lebens.
 
Tiere lecken das Geborene ab. Nicht aus (überlegter) Zärtlichkeit streicheln sie; das Ablecken bringt den Kreislauf in Bewegung; käme er nicht in Bewegung, würden die Jungen sterben. Wir schlagen – auch wegen des Kreislaufs. Der Schlag auf den Hintern ist richtungsweisend, bringt einen Kreislauf in Bewegung: hart sein, gegen sich, gegen andere.
 
Wer nicht hart (genug) ist, muß sterben. Das gilt für die, die überleben müssen. Über-leben: nicht Umlenkung des Wunsches auf das Versprechen späterer Erfüllung, sondern Verbot, keine Wünsche. Dem Leben „über“ sein: als Krieger, Kämpfer, Soldat mit dem Feindbild leben: todbringend. Die „Tracht“ Prügel ist das Kleid, das sie „tragen“, das ihnen angepaßt wurde, als Körperpanzer. Wer nicht hören will, muß fühlen. Fühlen – als Schmerz, nicht als Lust. Nicht zu-Ende-geboren werden heißt, den eigenen Körper nicht erfahren dürfen, heißt aber auch, ihn in einer bestimmten Weise nicht zu erfahren: nicht lustvoll. Das Gerede, sexuelle Freizügigkeit lasse Gefühle verelenden, trifft in der Weise zu, daß Lust selbst da, wo sie als bisher verbotene vermutet wurde, nicht erlebt wird. Lieben kann nur, wer sich selber liebt. Nach allem, was so wenig wünschenswert an einem ist, ist das ganz schön schwierig. [...]
 
Arbeiten: Für den „nicht-zu-Ende-geborenen“ Menschen ist das die normale Form der Ich-Erhaltung, die normale Abwehr gegen den Zerfall, die Fragmentierung eines Ichs, das die verbotenen, eingesperrten Wünsche unter Kontrolle halten muß (das Gegensatzwort: „Selbstverwirklichung“ bezeichnet, wie Arbeit empfunden wird).
 
Arbeiten ist unterdrücken: das eigene Leben, das Leben anderer. Arbeit macht frei – das war kein Zynismus: Es war körperliches Wissen: Arbeiten macht frei vom Leben.
 
Das „Arbeitsbeschaffungsprogramm“ der Nazis war in diesem Sinne. Ihre Verheißung: eins werden mit der Geschichte. Der geschichtliche Auftrag, den der abstrakte Vater aus den höchsten Höhen seinen Erdensöhnen hat übermitteln lassen, war (und daran hat sich wohl nichts geändert, oder?), sich die Erde Untertan zu machen, ihm gleich zu sein, nämlich „oben“ sein. Allerdings: Ein Mann ist auch „nur“ ein Mensch.
 
Theweleit macht die Unterscheidung von wirklicher und nichtwirklicher Homosexualität. Daß die Vorstellung von einer latent und eigentlich homosexuellen Kultur angesichts der permanenten Männerbegegnungen – sei es im Buhlen um, mit oder gegen den Mann – aufkommen kann, wäre nicht nur denkbar: es sieht tatsächlich so aus. Männergespräche, Männerbegegnungen, Männerverbindungen: Männer unter sich, wohin man sieht. Aber das ist nicht Homosexualität, das ist Hierarchie: Man(Mann) gehört zu den Herrschenden. Jeder Mann, der nicht zu den „Oberen“ gehören will, ist homosexueller als diese: weil er wahrscheinlich überhaupt sexuell ist. Der wirklich Homosexuelle ist, wer den heimlichen, den verbotenen Ort der Herrschaft der Herrschenden betritt, den Anus. Jenen „Ort des Wunsches“, der ihnen durch sein Verbot die Möglichkeit gibt, die Erfüllung von Wünschen in eine mehr oder weniger erreichbare Ferne zu rücken. Bestenfalls, einmal im Jahr, kommt der Weihnachtsmann – oder auch nicht, dann gibt’s die Rute, als Bestrafung (Rute: die Synonyme sind bekannt).
 
Der wirklich Homosexuelle ist ein Verräter (oder Befreier): Er veröffentlicht den heimlichen, verheimlichten Ort der Herrschaft.
Prügelrituale, ausgeführt an Homosexuellen in den Konzentrationslagern: der entblößte Hintern, über einen Bock gebogen, erhöht zur Schau gestellt und geprügelt. Die Anwesenden: Mithäftlinge und – der onanierende Kommandant.
 
Demonstration: Schmerz macht Lust (dem einen); Lust soll schmerzen (den anderen). Welche Lust? Der Wunsch zu wünschen: die Lust, zu leben. Welcher Schmerz? Verwunschene Wünsche: die Lust, zu töten.
 
Nachtrag: Die Frauen – wunschlos, unglücklich und glücklich? Theweleit fragt nur einmal nach ihnen, nach der Mutter, nach den Müttern der ersten zwei Jahre, nach der Mutter des Sohnes. Jener Söhne, die „nicht-zu-Ende-geboren“ werden („mein kleiner Räuber“, sagt sie, zärtlich), die von ihr, ihrer Liebe verlassen werden.
 
Weshalb verläßt die Mutter ihre Söhne (Töchter)? Gebiert sie die „nicht zu Ende“? Frauen produzieren nicht „nur“ Wünsche, sie produzieren auch Leben. Warum versuchen sie, das wieder rückgängig zu machen?
Theweleit: „Das Ganze ist die Gewalt, die nichts Halbes und Vereinzeltes leben laßt. Das Halbe und Vereinzelte aber sind die Menschen
Ich habe nur Halbes und Vereinzeltes nacherzählen können von Theweleits Männer(menschen)-Phantasien ..."
 
Quelle: zeit.de - "Heißt Liebe: Krieg?", von Gisela Stelly; Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Theweleit, 1942 in Ostpreußen geboren und heute Professor für Kunst und Theorie in Karlsruhe sowie Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie in Freiburg, arbeitete in seinem Buch als zentrales Motiv des faschistischen Geschlechterverhältnisses den aktiven Schutz des soldatischen Männerkörpers vor dem als bedrohlich empfunden Körper der Frau heraus.

Kampf gegen die Lust
Die Freikorps als soldatische Verbände sind dabei ein geeignetes Untersuchungsfeld; hier finden sich die faschistischen Männerphantasien (die sowohl als Phantasien des Mannes vom Mann wie auch als Phantasien des Mannes über andere Geschlechter zu verstehen sind) vom Ideal eines soldatischen, männlichen Körpers exemplarisch vor. Es sind Phantasien, die mit einer faschistischen Art und Weise der Erzeugung von Realität, von Wünschen und Ängsten einhergehen. Das "Kernstück aller faschistischen Propaganda", so Theweleit, ist "der Kampf gegen alles, was Lust, was Genuss ist".
 
Den Kampf des soldatischen Mannes gegen das weibliche Geschlecht charakterisiert der Autor so als den Kampf einer festen, gestählten "Ganzheit" (denn das beschriebene männliche "Ich" stellte sich als "Ganzer Mann" vor) gegen unheimliche, bedrohliche "Fluten, Wellen, Brandungen", die abgewehrt werden müssen, um die faschistische männliche Identität nicht zu gefährden. Die in dieser männlichen Angstphantasie über Landesgrenzen, Körpergrenzen, Grenzen der Gewohnheit und des Anstandes hinwegfließenden Ströme, gegen die schützende "Körperpanzer" errichtet werden, erschienen dem soldatischen Geist als aufständische Masse, als Kommunisten ("Rote Flut") oder als Proletariat: "Die Niederlage Deutschlands im Krieg und die revolutionäre Veränderung der Verhältnisse in und um Deutschland unter dem Bild der Flut aufzufassen, scheint also möglich zu werden durch die Vorstellung von äußeren Einbrüchen und inneren Dammbrüchen." Eine mit einer gewalttätigen Unterdrückung der Triebe gekoppelten "Flutangst".
 
Ein Panzer gegen Flutangst
Vor allem auf Frau wird diese Flutangst projiziert. Das Bild der Frau teilt sich in verschieden besetzte Rollen auf: Ist die Mutter "Heimat", dann soll die Schwester die Braut des besten Kameraden sein. Und die bei Theweleit ausführlich diskutierte "weiße Krankenschwester" ist "Fiktion eines Körpers, die die Männer brauchen, um sich nicht bedroht zu fühlen". Darüber hinaus ist die Frau jedoch ein sinnlicher und damit ein gefährlicher Faktor: Sie ist Flintenweib, Kastrationsgefahr, Hure – ein den Mann und seine schöne Ordnung verschlingendes Element.

In der Kadettenanstalt und der Truppe – den, so Theweleit, "Maschinen" – findet der auf Hierarchiegläubigkeit fußende "Umbau des Leibs" zu einem Körperpanzer statt. Dieser Panzer kann nur funktionieren, wenn der Mann auch sein eigenes Geschlecht ignoriert und die so erzeugte Leerstelle durch die Projektion eines funktionalisierten Frauenbildes überdeckt: "So erschien in den Fluten der politische Feind und das feindliche Prinzip Weiblichkeit – beide fließen als Verkörperung des ausgebrochenen Unbewussten des soldatischen Mannes." [...]
 
Seine Frage, “wie das Geschlechterverhältnis als Machtverhältnis auf die Verhinderung menschlicher Beziehungen zwischen den Menschen in den verschiedenen historischen Epochen gewirkt hat“, bleibt auch für die Zukunft aktuell."
 
Quelle: fluter, Martin Conrads "Die Frau als Angstgegner" - über Klaus Theweleits "Männerphantasien"
 
"[...] Wir verfügen über einen riesigen Apparat aus Rechtfertigungsstrategien für Gewalt durch Männer. Mal greifen wir tief in die Kiste der Naturphänomene, bei denen es um Triebe und Hormone und im Zweifel um die Erhaltung der gesamten Menschheit geht. Mal ist es die Religion, also eine Glaubenssache, die sich auf übernatürliche Art jeglichen weiteren Fragen entziehen kann, weil sie sich im Bereich des Irrationalen bewegt. Mal ist es Kultur und Bildung, das Versagen der Kindergärten und Schulen im Vorleben diverser Männlichkeitsrollen, und mal ist es einfach Alkohol. All diese Gründe können zwar auf ihre Art und im jeweiligen Kontext ihren kleinen Teil dazu beitragen, ein Verhalten zu erklären - aber nie, es zu entschuldigen. Es ist schlicht nicht damit getan.
 
Die Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt ist ein weltweites Phänomen: Es gibt sie auf allen Kontinenten,selbst auf Südseeinseln mit zweistelligen Bewohnerzahlen.
Etwas als globales Problem festzustellen, kann natürlich auch heißen, sich der Verantwortung zu entziehen. "Ist doch überall so." Das wäre das Falscheste, was wir tun können. Ähnlich falsch wäre es, Männer dafür einfach zu hassen. Es geht nicht darum, Menschen abzulehnen, sondern etwas zu thematisieren und zu bekämpfen, das in ihnen steckt, und das ist viel komplizierter.
 
Immer sind es die Frauen, die ihr Verhalten anpassen sollen
Im Englischen gibt es den Begriff der "toxic masculinity", also einer Form von Männlichkeit, die auf Dominanz und Gewalt basiert und Gefühle nicht zulässt. Dazu gehört auch die Vorstellung einer gigantischen Ladung sexueller Triebhaftigkeit, die nur mit Mühe in zivilisierten Bahnen gehalten werden kann. Es ist ein Problem, wenn Jungs und Männern immer wieder erzählt wird, dass ein "richtiger Kerl" nicht weine, eine ausschweifende und geradezu animalische Sexualität habe und alles, was sich ihm in den Weg stellt, eigenhändig beiseite räumen müsse - ein Problem für Frauen und Männer.
 
Es ist diese Form von Männlichkeit, die wir thematisieren müssen. Dass sie weit verbreitet ist, heißt nicht, dass sie in der "Natur" von irgendwem liegt. Vor einer Weile fand man auch noch, dass es natürlich und gut ist, wenn Eltern und Lehrer Kinder schlagen. Heute denken die meisten von uns das nicht mehr, und wir halten es nicht für verhandelbar, ob Männer Frauen schlagen dürfen. Aber wir wundern uns auch nicht, wenn sie es tun.
 
Wir halten es für eine verdammte Selbstverständlichkeit, dass eine Frau in der Dämmerung nicht mehr im Wald joggen gehen sollte. Eine Frau. Immer sind es die Frauen, die ihr Verhalten anpassen sollen. Vielen Männern ist nicht klar, wie sehr Frauen die Angst und den Schutz vor Gewalt in ihren Alltag integrieren. Wie sehr wir ein Klima von Bedrohung für normal halten. Wie oft wir ein Taxi nehmen, um nach Hause zu kommen, nicht aus Bequemlichkeit, sondern um sicher nach Hause zu kommen. Wenn wir das Geld haben.
 
Selbst Männer, die sich für komplett harmlos halten, können etwas dafür tun, dieses Klima der Angst zu ändern. Wenn Sie zum Beispiel abends auf der Straße allein hinter einer Frau laufen und diese Ihre Schritte hört, oder wenn Sie ihr entgegenkommen, wechseln Sie doch die Straßenseite. Sie ahnen nicht, wie erleichternd das sein kann."
 
Quelle: spon - "Gewalt: Es ist ein Junge", Kolumne von Margarete Stokowski
 
"[...] Vor diesem Hintergrund scheint es umso merkwürdiger, dass in entsprechenden Berichterstattungen, nicht zuletzt im Fall München, psychische Erkrankungen als selbsterklärende Ursache für die Gewalt firmieren. Sicher, sowohl David S. als auch Breivik waren objektiv psychisch krank. Nur was erklärt das? Ist jeder Kranke ein potenzieller Mörder? Waren all die Schlächter der Geschichte, ob in der SS oder dem IS, dann klinische Psychopathen? Vielleicht kann man sich dieser monströsen Männlichkeit besser nähern, wenn man sie, schreibt Theweleit, als jene "politisch-körperhafte Konfiguration" versteht, wie man sie überall auf der Welt antrifft. Man müsste also darüber reden, warum es fast ausschließlich junge Männer sind, die ihren (Selbst-) Hass in einen mörderischen Nihilismus verwandeln. Konkreter: warum struktureller Faschismus in Männlichkeitsbildern mitunter noch so wirksam ist."
 
Quelle: der Freitag - "Männlichkeit und die Lust am Töten"
 
Zum Text "DIe Gewalt gekränkter Männer. Was AfD und IS, Brexit, Amokläufer und US-Cops verbindet" (berenblog, siehe oben stehenden Link):
 
Da muss man differenzieren. Kränkung ist nicht gleich Kränkung. Es kommt auf das Ausmaß, die Intensität, ggf. die Wiederholung und die Dauer an.
 
SCHMERZ (physischer wie psychisch-emotionaler) führt (wenn er lange andauert und/oder sehr intensiv ist und/oder sich wiederholt und nicht mehr "kompensierbar"/ertragbar ist) in der Tat zu Aggression und früher oder später auch zu Gewalt(tätigkeit) gegenüber anderen und/oder sich selbst.
Siehe dazu Joachim Bauers unentbehrliches Buch "Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt".
 
Wichtig ist tatsächlich Empathie, jedoch hierbei nicht "nur" das Sich-einfühlen-Können, sondern (im nächsten Schritt) vor allem das Mitfühlenkönnen. - Heilung durch Beziehung, ja.
Und grundsätzlich nur "ganzheitlich" möglich.
 
Bei den hier (Artikel) erwähnten Kränkungen (in Bezug auf genannte Personen) handelt es sich vornehmlich um ein geringes Selbstwertgefühl, gepaart mit einem Mangel an Selbstreflexion/Selbstkritik sowie mit Narzissmus und Egozentrik (der Narzisst hat letztlich immer ein geringes Selbstwertgefühl - er ist in sein Ego verliebt, er liebt nicht sein Selbst).
 
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"[...] Worum geht es nun in diesem Erfolgsbuch? Theweleits Arbeit befasst sich zunächst mit der Freikorps-Literatur der 1920er-Jahre; er untersucht die faschistischen Männlichkeits- und Gewaltphantasien dieser Soldateska in über 250 Romanen oder Erinnerungen. Dabei nimmt er Sprachstil wie Inhalt dieser Literatur auseinander und stellt Frauenbild, Körperverhältnis und Kampfberichte in das Zentrum seiner Analyse. Bei der Lektüre der Schriften der höchst unterschiedlichen sieben Hauptpersonen7 stellt sich heraus, dass diese im Grunde nur drei Frauentypen kannten: die Mutter, die „weiße Krankenschwester“ und die Hure.
 
Letztlich gehe es diesen Freikorps-Männern, so Theweleit, jedoch gar nicht um die (oft namenlosen) Frauen, sondern um eine Herrschaft über die weiblichen Anteile in sich selbst. Ihre weichen, leidenschaftlichen, lebendigen und erotischen Elemente wollten die Freikorpskämpfer „ent-lebendigen“ und töten. Sie seien „nicht-zu-Ende-geborene“ Männer, die ihre frei fließenden Gefühle im Körperpanzer einzukesseln trachteten. Dies gelinge ihnen, indem sie die Phantasie von der heiligen, anständigen und hohen Frau entwickelten, der sie alles Sexuelle nahmen. In dieser Literatur waren es die Ehefrauen und keuschen Gräfinnen, die sich tapfer gegen die proletarische Flut zur Wehr setzten. Das Gegenbild hierzu war die Vorstellung von der kommunistischen Hure, die schlichtweg zusammenzuschießen sei. Die „geilen Spartakistenweiber“ und „Kommunistenfotzen“ müssten zu „blutigem Brei“ verarbeitet werden. Solche Phantasien der Entlebendigung des Weiblichen werden in einem gigantischen Gewirr an Überlegungen und Zitatanalogien bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgt und assoziativ in einen jahrhundertealten Diskurs der Modellierung männlicher Emotionalität eingewoben.
 
Der Faschismus war nach Theweleit so attraktiv, weil er eine nicht sanktionierte Erfüllung dieser jahrhundertealten Wünsche versprach. Der Faschismus übersetzte somit, wie Theweleit schreibt, „innere Zustände in riesige äußere Monumente“. Drei „Wahrnehmungsidentitäten“ und Körperaktionen standen hierbei im Zentrum: erstens der „entleerte Platz“, also die (gewaltsame) Herstellung von Klarheit, Ordnung, Sauberkeit und Übersichtlichkeit ohne das weibliche „Gewimmel“ der „ungeordneten“ und „schmutzigen“ Masse; zweitens der „blutige Brei“, womit der befreiende Schuss, Hieb oder eine Explosion gegen eine zu nahe kommende, verschlingende weibliche Bedrohung und Sexualität gemeint war; drittens der „black out“, welcher wiederum die Selbstqual, die körperliche Abhärtung und Straffung des eigenen Körpers meint - bis die Soldatenmänner das Fließen der eigenen Lust nicht mehr verspüren (Bd. 2, S. 268-279). Die Furcht vor dem Weiblichen (die im ersten Band thematisiert wird) ist somit letztlich eine Furcht vor der Ich-Auflösung, der durch die im zweiten Band geschilderten männlichen Gewaltakte begegnet wird. Der Krieg wurde zu einer Art Geburt, insoweit mit dem Schmerzprinzip ein eigenes soldatisches Selbst erschaffen wurde. [...]"
 
Quelle: zeithistorische-forschungen.de (Heft 3/2006) "Klaus Theweleits `Männerphantasien´ - Ein Erfolgsbuch der 1970er-Jahre", von Sven Reichardt
 

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