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Sabeth schreibt

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Poesie Melancholie Philosophie

Konservatismus vs. Liberalismus - worin bestehen die Unterschiede zwischen konservativen und liberalen Menschen tatsächlich? Und was hat das mit Demokratie zu tun?

"[...] Der klassische Liberalismus ist nie den Weg in die Extreme mitgegangen. Dieser wurde von Teilen der rationalistischen Strömung, aus dem die Aufklärung und der Liberalismus sich herausbildete, gegangen, quasi am Liberalismus vorbei. Dieser hielt an der alten, gemäßigten Sichtweise fest. Rufen wir in Erinnerung, was die Kernpunkte sind. Das Hauptargument für die liberale Kernforderung der Herrschaft des Rechts (der rechtlichen Gleichstellung aller Menschen) ist seine zentrale Funktion bei der Sicherung der Zivilisation, d. h. der gesellschaftlichen Zusammenarbeit in Arbeitsteilung. Recht sichert Frieden, weil es faire Tauschbeziehungen definiert und absichert. Die marktwirtschaftliche Gesellschaft ist klassen- und kastenlos. Die persönlichen Unterschiede werden als Ursache für gesellschaftliche Unterschiede akzeptiert, und die wirtschaftlichen Unterschiede werden als Anreize für ein Gewinnstreben angesehen, das letztlich allen zugute kommt.
 
Das Ziel ist ganz klar die Überwindung der Klassengesellschaft, durch die Gleichstellung aller Stände, aller Menschen. Das Ziel ist die Verbesserung der Lebensbedingungen der Vielen durch die Freisetzung der wirtschaftlichen Dynamik des Kapitalismus. Der Liberalismus kämpft für die Freiheit und Gerechtigkeit, in der alle Menschen prinzipiell frei sind, sich nach ihren eigenen Möglichkeiten zu entfalten. Die Macht von Gruppen und Eliten über andere lehnt er ebenso ab, wie Eingriffe in die Eigentumsrechte zum Zwecke der Gleichmacherei. Die Kategorien rechts und links lassen sich nicht auf den klassischen Liberalismus anwenden. Es kann daher auch keinen Links- oder Rechtsliberalismus geben. Diese Begriffe stehen für Strömungen, die sich liberal wähnen, aber einen egalitaristischen oder elitaristischen Einschlag haben und daher nicht liberal sind. Es sind rechte oder linke Strömungen im liberalen Gewand.
 
Der klassische Liberalismus ist also weder weder rechts noch links. Diese Unterscheidungen beziehen sich auf in sich widersprüchliche und unhaltbare Ideologien, die jünger sind als der Liberalismus und die sich historisch längst überholt haben. Er ist auch nicht das Gegenteil von beiden, wie das die Anarchisten vorschlagen. Sie stellen Rechts und Links unter den Oberbegriff des Etatismus (verstanden als Staatsfreundlichkeit) und den Liberalismus als antietatistisch. Nein, auch die Stellung zum Staat in antithetischer Zuspitzung hilft nicht weiter. Die Koordinaten sind allesamt unbrauchbar. Der Liberalismus hält den minimalistischen Rechtsstaat für unverzichtbar und hat mit dem Anarchismus keine tragfähigen Gemeinsamkeiten.
 
Der Liberalismus ist eine Denkweise, die die Gesamtinteressen aller Menschen ins Auge fasst, die langfristigen Interessen aller den kurzfristigen und partikulären einzelner Gruppen vorzieht. Sie geht von der allen Menschen eigenen Freiheit aus. Der Liberalismus ist keine politische Partei, sondern eine humanistische Philosophie, die allen Menschen zugute kommt. Er tritt der ideologischen Überspitzung entgegen, führt zusammen, wo andere spalten; er glaubt an die Harmonie der Interessen, wo andere Hass säen. [...]"
 
Quelle: "Der Unterschied zwischen der Rechten und der Linken und warum ich weder das eine noch das andere bin", von Helmut Krebs, forum-freie-gesellschaft.de; Hervorhebungen habe ich vorgenommen. - Nicht allem, in diesem Text Erwähnten kann ich vorbehaltlos zustimmen. ;)
 
 
In oben stehenden Texten ist durchaus bereits herausgearbeitet, worin die grundsäztlichen Unterschiede zwischen konservativ und liberal eingestellten Menschen, ihren Haltungen, Überzeugungen, ihrem Denken bestehen.
Dennoch gibt es einige Missverständnisse bzw. werden auch absichtlich falsche, schlagseitige Definitionen der beiden Begriffe sowie auch des Unterschieds - zu manipulativen Zwecken - gegeben.
 
Allgemeinhin gilt der konservative Mensch als bodenständiger Skeptiker, Zweifler, Bewahrer, als ein Mensch, der Verantwortung, Moral, Ordnung und Beständigkeit hochhält.
Der liberale Mensch wird üblicherweise dargestellt als am Fortschritt orientiert, auf Fortschritt ausgerichtet, als ein Mensch, der "Altes" gerne grundsätzlich verwirft, der den Menschen für "von Natur aus gut" hält – als sei er, der Liberale, ein romantischer, realitätsferner, schwärmerischer Idealist, ja Utopist in Rousseau´scher Gefolgschaft.
 
Doch ganz so einfach – wie es Konservative stets gerne hätten und daher herunterzubrechen versuchen ;) – ist es zu erwartenderweise nicht.
 
Vor allem ist Liberalismus nicht mit Egalitarismus gleichzusetzen.
 
Der Hauptunterschied zwischen Konservativen und Liberalen besteht darin, dass der Konservative sich prinzipiell mehr am Ich, am Ego, an egoistisch-egozentrischen Interessen entlang bewegt, während der liberal eingestellte Mensch stärker (als der konservative) auch den Anderen in den Blick nimmt, sich an dessen und nicht nur den eigenen Rechten, Interessen, Wünschen, Bedürfnissen, Verhältnissen, Möglichkeiten … orientiert – und dabei jeglichen "Anderen" meint, nicht nur den ihm privat (familiär …) Nahestehenden.
 
Der liberale Mensch ist dabei keineswegs ein Menschenfreund per se.
Sein Anliegen ist es jedoch, sich mit den Phänomenen, Umständen, Bedingungen von und für die Existenz, d.h. die Art und Weise des Existierens von "Welt und Mensch" bzw. vom Menschen in der Welt - und folglich mit anderen Lebewesen (also auch und gerade anderen Menschen) zusammen - immer wieder vor allem selbstreflexiv, selbstkritisch hinterfragend, ergründend auseinanderzusetzen, sich nicht vorschnell bequem mit Vordergründigem, scheinbar Gegebenem, "Richtigem" abzufinden, es sich darin für sich selbst behaglich einzurichten und es als unveränderliches Moral- oder gar "Naturgesetz" hinzunehmen, sondern stattdessen: alles daraufhin zu prüfen, ob es sich unter dem Aspekt humanistischer Werte, Grundsätze rechtfertigen und erhalten lässt oder als zu verändern erforderlich zeigt. – Siehe hierzu bspw. auch den oben stehenden Text/Link: "Der Unterschied zwischen der Rechten und der Linken (…)", Forum Freie Gesellschaft.
 
So gesehen ist der liberal eingestellte Mensch durchaus ein "Moralist", weshalb er ja auch abwertend als "Gutmensch" bezeichnet wird - als sei es irgendwie peinlich, verwerflich oder lächerlich, durch moralische Werte geleitet, d.h. empathisch zu sein und sich (alltäglich) entsprechend auch zu verhalten. - Nein, es ist viel mehr die Scham derer, die im Grunde durchaus wissen, dass sie selbst von Ich-Bezogenheit, von Selbstsucht, von Egozentrismus, Bequemlichkeit und Ängstlichkeit angetrieben sind bzw. sich davon treiben lassen, dem nichts (Humanistisches, keine kritische wie selbstkritische Reflexion) entgegensetzen. Sie sind von Komplexität überfordert und haben zumeist Angst, es würden ihnen ihre Privilegien abspenstig gemacht. Es hat somit auch mit Geiz, Gier und Neid zu tun. All diese niederen Gefühligkeiten werden selbstredend in dieser Weise nicht offen eingestanden und zugegeben, stattdessen versuchen solche Menschen diese ihre Unzulänglichkeiten begrifflich euphemisierend und vorgeblich "intellektualisiert" umzudeuten, auszudrücken bzw. hinter diversen Begriffen und Erklärungen zu verstecken.
 
Die eigentlich spannende Frage allerdings ist jene nach den Ursachen, Hintergründen des Entstehens von konservativen und liberalen Einstellungen und in Folge Verhaltensweisen.
 
Und die Antwort auf diese Frage ist psychologischer Art, ist also nicht ausschließlich in der Soziologie, sondern viel mehr in der (Entwicklungs-) Psychologie, Bindungstheorie auch Anthropologie und Pädagogik zu suchen und zu finden. - Siehe dazu auch die unten stehenden blog-Einträge zum Konservatismus.
 
-
 
"[...] Egoismus ist nicht bloß ein Aspekt meines Verhaltens, sondern meines Charakters. Er bedeutet, dass ich alles für mich haben möchte; dass nicht Teilen, sondern Besitzen mir Vergnügen bereitet; dass ich immer habgieriger werden muss, denn wenn Haben mein Ziel ist, bin ich um so mehr, je mehr ich habe; dass ich alllen anderen gegenüber feindselig bin - meinen Kunden gegenüber, die ich betrügen, meinen Konkurrenten gegenüber, die ich ruinieren, meinen Arbeitern, die ich ausbeuten möchte. Ich kann nie zufrieden sein, denn meine Wünsche sind endlos. Ich muss jene beneiden, die mehr haben als ich, und mich vor jenen fürchten, die weniger haben. Aber all diese Gefühle muss ich verdrängen, um (vor anderen und vor mir selbst) der lächelnde, vernünftige, ehrliche, freundliche Mensch zu sein, als der sich jedermann ausgibt.
Die Habsucht muss zu endlosen Klassenkämpfen führen. [...]
Habgier und Friede schließen einander aus. [...]
 
Der Kapitalismus des 18. Jahrhunderts machte schrittweise einen Wandel durch: Das wirtschaftliche Verhalten wurde von der Ethik und den menschlichen Werten abgetrennt. [...]
Das Elend der Arbeiter sowie der Ruin einer stetig zunehmenden Zahl kleinerer Unternehmen infolge des unaufhaltsamen Wachstums der Konzerne galten als wirtschaftliche Notwendigkeit, die man vielleicht bedauern konnte, jedoch akzeptieren musste wie die Auswirkungen eines Naturgesetzes.
Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? Die Schärfe dieses Konflikts versuchte man durch die These zu verschleiern, dass alles, was dem Wachstum des Systems (oder auch nur eines einzigen Konzerns) diene, auch das Wohl der Menschen fördere. Diese These wurde durch eine Hilfskonstruktion abgestützt, wonach genau jene menschlichen Qualitäten, die das System benötigte - Egoismus, Selbstsucht, Habgier - dem Menschen angeboren seien; sie seien somit nicht dem System, sondern der menschlichen Natur anzulasten. [...]"
 
Es dürfte kaum erforderlich sein, dass ich Quelle und Autor obiger Sätze nennen muss, der Vollständigkeit und Seriosität wegen tue ich es natürlich dennoch - einfach mal wieder lesen:
 
Erich Fromm - "Haben oder Sein"
 
Und es ist exakt das, das ich in meinem blog-Eintrag vor einiger Zeit bereits anmerkte (siehe oben): Der Unterschied zwischen rechtskonservativ und linksliberal eingestellten Menschen liegt nicht in ihrer "Einstellung", in ihrem Denken, sondern in ihrem Fühlen - das aus ihrer jeweiligen Prägung, Erziehung, Sozialisation und Indoktrination resultiert, vor allem aber daraus, wie mit ihnen in der (frühen) Kindheit umgegangen wurde.

Und es ist nicht eine Frage der bloßen "Einstellung/Überzeugung" - als sei das irgendetwas oberflächlich Aufgesetztes, sondern es ist zutiefst eine Frage, eine Sache des Charakters. Exakt. (Siehe ähnlich bei Erich Fromm).
 
Daher ist es auch nicht möglich, die Menschen irgendwie (als Erwachsene) durch Argumente "umzustimmen", rational zu überzeugen - vergiss es. Aus soeben genanntem Grund ist das ein absolut vollständig aussichtsloses Unterfangen. Denn es geht um nichts weniger als das Welt-, Menschen- und vor allem Selbstbild der Leute. Es geht um ihr je eigenes, ganz und gar persönliches Fundament. - Das lassen sie sich durch definitiv n i c h t s "abändern", entziehen. Durch: nichts.
Never ever. Das lehrt die Erfahrung - immer und immer wieder.
Immer noch.
 
Und ähnlich, eigentlich gleich, verhält es sich mit (dem Entstehen von) (Kultur-) Rassismus, Fremdenfeindlichkeit bzw. Fremdenhass (Xenophobie), aber auch Misogynie, Homophobie, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit; siehe unten verlinkten blog-Eintrag hierzu.
 
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Das kommt dabei heraus, wenn Menschen Linkssein so intensiv missverstehen als möglich: vollständig.
 
Die hier (nd-Artikel "Unverbindliche Linke") vorgebrachte Kritik an realen Verhältnissen und Vorkommnissen ist durchaus angebracht, greift aber letztlich etwas zu kurz.
 
Linkssein hat vor allem mit gerade Solidarität, Loyalität, Reflexion und Selbstreflexion - also: Selbstkritik ;) - zu tun und insbesondere damit, am Anderen, am Du, am GEMEINWOHL ausgerichtet zu sein, siehe Fürsorglichkeitsprinzip, Gebenwollen und -können, siehe Respekt, Anerkennung, Wertschätzung, Offenheit, Zugewandtheit, Konfliktfähigkeit, Diskursfähigkeit und Mitgefühl.
 
Das bedeutet für mich genuin und in Kurzfassung Linkssein.
 
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