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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

"Populisten verstehen? - Lehren für eine Renaissance unserer Demokratie" von Claus Leggewie, ndr Kultur

"[...] Wie immer man das Phänomen nennen will, für das die Namen Trump, Le Pen oder AfD stehen – es ist nicht bloß eine Denkweise, sondern eine Gefühlswelt. Wird sie beschrieben, dann fallen Vokabeln wie Hass, Wut, Frust, Sorgen und Nöte. Und so viel steht fest: "Man kann diese Gefühle nicht einfach als zufällig oder den Menschen eingeredet abtun; sie gehören zum Grundbestand der modernen Gesellschaft. Misstrauen, Abhängigkeit, Sich-ausgeschlossen-fühlen, Angst und Desillusionierung fließen in eins zusammen und ergeben einen grundlegenden Zustand des Menschen im heutigen Dasein: das große Unbehagen." Kluge Worte, sie wurden vor 70 Jahren geschrieben.
So lange ist es schon her, dass die beiden Emigranten Leo Löwenthal, ein Deutscher, und Norbert Gutermann, ein Pole, ihre Untersuchung über die Reden rechtsextremer Führer in den USA veröffentlichten (Agitation und Ohnmacht). Ein Jahr später wurde auch ein zweites Buch fertig, das Theodor W. Adorno berühmt machen sollte: die sozialpsychologischen Studien zum autoritären Charakter. Die beiden Werke ergeben ein Bild protofaschistischer Verhetzung, das beklemmend aktuell wirkt. Und das eine Erklärung dafür anbietet, warum Menschen für Hetze so empfänglich sind. [...]

Adorno und seine Mitautoren wenden sich gegen die vulgärmarxistische Vorstellung, rechtsradikale Stimmungen seien einfach der Ausdruck sozialer Missstände. Sie vermuten stattdessen, dass "lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen". Zu diesen Sehnsüchten zählte schon damals, dass der permanente Veränderungsstress endlich aufhören möge. Das ist verständlich, aber doch regressiv: die Verweigerung eines erwachsenen Umgangs mit der Welt. [...]
 
Sie zeigen, dass sich Vorurteile gegen Minderheiten durchaus unabhängig von sozialen Lagen herausbilden. Ein weiterer Befund ist der "Bruch zwischen angeblichem und wirklichem Denken". Etliche Befragte hatten ihre Fragebögen so ausgefüllt, wie sie es für erwünscht hielten ("politisch korrekt", würde man heute sagen) – erst im Gespräch zeigten sie ihre wahren Ansichten, oft in Form neurotischer Fixierungen. Das waren beispielsweise pathologische Überlegenheitsfantasien ("Ich kenne alle Hintergründe") oder auch sexuelle Triebe, die man sich nicht gern eingesteht, sie vielmehr anderen – namentlich den Fremden – zuschreibt, um diese sodann zu verurteilen.
 
Um Verborgenes geht es also. Theodor W. Adorno schreibt in seiner Analyse der Rundfunkreden von Martin Luther Thomas, einem faschistischen Prediger der dreißiger Jahre: "Unter der Maske christlicher Ekstase versteckt sich die Ermutigung zu Heidentum, orgiastischer Entfesselung der eigenen emotionalen Triebe, zur Regression auf die unartikulierte Natur." Der Autor sieht darin einen "Gefühls-Befreiungs-Trick".
 
Namentlich der Faschismus lebe "von dem Mangel an emotionaler Befriedigung in der Industriegesellschaft" und davon, "dass er den Menschen jene irrationale Genugtuung verschafft, die ihnen durch die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse vorenthalten wird". Der faschistische Führer gebe "ein Modell für das Verhalten, das seine Zuhörer nachahmen und annehmen sollen. Sie sollen sich nicht zivilisiert benehmen, sie sollen schreien, gestikulieren, ihren Gefühlen freien Lauf lassen." So erklärt sich, warum die Anhänger Trumps oder ihre hiesigen Pendants dann besonders jubeln, wenn ihre Idole ein Tabu brechen: Das löst die Spannung zwischen dem, was man sagen darf, und dem, was man sagen will. Entzivilisierung macht glücklich.
 
"Bezeichnend für den Faschistenführer ist ein Hang zu geschwätzigen Erklärungen über die eigene Person", erklärt Adorno weiter. Das sei nicht bloß Narzissmus, "es ist ein Teil des Geheimnisses totalitärer Führung, der Gefolgschaft das Bild eines autonomen Charakters vor Augen zu stellen, der zu sein ihr in Wahrheit verwehrt wird". [...]
 
"Der Agitator", so nennen Löwenthal und Gutermann diesen Typus des Volksverhetzers, "ist sehr besorgt, weil alle Informationsmittel in die Hände der Feinde des Vaterlandes gefallen sind" – Mainstream-Medien, Lügenpresse, man kennt das. Er "spielt mit dem Misstrauen, das seine Zuhörer grundsätzlich gegen alle sozialen Erscheinungen hegen, die in ihr Leben eingreifen, ohne dass sie verstünden, wie das eigentlich geschieht". Zu diesen Erscheinungen rechnen die Autoren ausdrücklich die Immigration.
 
"Der Agitator", fahren sie fort, "kann offenbar voraussetzen, es mit Menschen zu tun zu haben, die unter dem Gefühl ihrer Hilflosigkeit und Passivität leiden. Er kann sich der Zwiespältigkeit dieses Komplexes bedienen, der einerseits einen Protest gegen jede Bevormundung enthält, auf der anderen Seite den Wunsch, beschützt zu werden (...), von einem starken Mann geführt zu werden."
 
Fazit: Das Phänomen, für das die Namen Trump, Le Pen oder AfD stehen, lässt sich nicht allein auf heutige Umstände zurückführen. Nicht nur auf demografische Umbrüche, die Globalisierung oder das Internet. Vor dem "großen Unbehagen" in Überlegenheitsfantasien zu flüchten ist eine dauerhafte Option. Manchmal genügt eine Unwucht im Parteiensystem oder die offenkundige Abnutzung einer Führungsschicht, und es beginnt eine Dynamik, die sich ihren Brennstoff sucht – sei dieser auch "postfaktisch", also herbeifantasiert und zusammengelogen. Er zündet dennoch.
 
Fragt sich nur, was aus alledem zu lernen ist.
Die Studien beschreiben Leute, die längst gegen Erfahrungen immun sind, welche ihre Vorurteile infrage stellen könnten. So stellt sich nach der Lektüre ein Gefühl der Hilflosigkeit ein; zu den Kennzeichen der Frankfurter Schule, der die Autoren angehörten, zählte es, analytisch stark zu sein, aber politisch resignativ. Rückzug ins bessere Wissen.
Politisch lernen lässt sich daraus dennoch einiges:
 
Überzeugte sind für Argumente unerreichbar, auch wer sich auf ihre Emotionen einlässt, belohnt diese nur. Die Leute leben jedoch inmitten einer Mehrheit, die anders denkt als sie. Daher hängt alles davon ab, wohin diese Mehrheit insgesamt tendiert. Gewinnt der rechte Rand ideologische und emotionale Energie aus seinem Nahfeld, oder verliert er sie daran? Als politische Aufgabe formuliert: Die Radikalen sollen sich nicht wie der Fisch im Wasser fühlen, sondern wie der Fisch an Land. [...]

Nicht die Verhetzten muss die Politik gewinnen, sondern jene, die das "große Unbehagen" empfinden, ohne deswegen schon den Anstand verloren zu haben."
 
Quelle: zeit.de - "Theodor W. Adorno: Der Trick mit der Gefühlsbefreiung", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau markiert) habe ich vorgenommen.
 
"[...] Müller schreibt, daraus macht er keinen Hehl, aus der liberalen Perspektive. Es geht ihm darum, aus konkreten Beispielen und demokratietheoretischen Überlegungen einen Idealtypus des Populismus herauszufiltern. Denn der unscharfe Gebrauch des Wortes verhindere jede weiterführende Erkenntnis und schade der Demokratie, weil das Etikett Populist oft einfach auch benutzt werde, um politischen Alternativen die Legitimation abzusprechen.
 
Ein Kurzschluss bei der Definition, warnt Müller, sei die Fokussierung auf die Wähler. Die untere Mittelschicht, die sich vom Abstieg bedroht sieht, wählt zwar in einigen Fällen stark populistisch. In manchen aber auch nicht. Wer auf sozialpsychologische Kategorien wie Wut, Ressentiments und Ängste den Schwerpunkt lege, verfalle allzu schnell der Versuchung, die Herausforderung durch Populisten „als eine Art kollektiven Therapiefall zu behandeln“.
 
Müller bestimmt Populismus stattdessen von der gedanklichen Struktur her – als eine Politikvorstellung, in der einem moralisch reinen, homogen Volk stets unmoralische, korrupte Eliten gegenüberstehen. Wobei entscheidend ist, dass echte Populisten nicht nur antielitär, sondern auch antipluralistisch sind. An ihrem Anspruch, als Einzige den Willen des „wahren Volks“ vertreten zu können, sind Populisten erkennbar. Dabei geht es ihnen nicht darum, diesen Willen empirisch zu erfassen, sondern sie meinen, immer schon vorher zu wissen, was „das Volk“ eigentlich wünscht.
 
An diesem Punkt macht Müller seine Hauptthese fest, dass Populismus der Tendenz nach immer antidemokratisch ist – ganz gleich, wie hyperdemokratisch er sich gerieren mag. Denn Demokratie ist ohne Pluralität nicht zu haben, einen einheitlichen Volkswillen gibt es nicht, oder mit den Worten von Jürgen Habermas gesprochen: Das Volk „tritt nur im Plural auf“.
Aus der populistischen Vorstellung, allein berechtigt zu sein, das Volk zu vertreten, erklärt sich auch das notorisch misstrauische Verhältnis zu den Medien. Der als moralisch rein gedachte Volkswille könnte durch „mediatisierende Kräfte“ verfälscht werden, weshalb gerade rechte Populisten es vorziehen, direkt mit ihren Anhängern zu kommunizieren. Daher die überragende Bedeutung des Internets mit seinen Foren und Facebookgruppen, in denen das eigene Weltbild immer wieder neu bestätigt wird.
 
Nun ist Müllers Beschreibung des Antipluralistischen bei Rechtspopulisten gut nachvollziehbar. Wie ist es aber mit dem Linkspopulismus, wie ihn etwa Podemos mit den Ideen von Chantal Mouffe praktiziert? Der Volksbegriff ist hier offener gedacht – aber zugleich in scharfer Abgrenzung zu den „Kräften des Neoliberalismus“ (Mouffe). Auch hier ist Müllers Argumentation plausibel: Von links kann genauso nicht einfach behauptet werden, den „wahren“ Volkswillen zu repräsentieren, auch hier müssen abweichende Meinungen als legitim anerkannt werden – Stichwort: Minderheitenschutz.
 
... sondern um Demokratie
Dennoch zeigt sich an dieser Stelle auch eine Schwäche in Müllers Essay:
Die Folie, vor der er seine Überlegungen anstellt, ist eine ideal funktionierende Demokratie. In einer solchen haben alle Bürger die gleichen Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen und ihre Interessen zu vertreten. Dass repräsentative Demokratien in der Realität anders aussehen, dass mehr Geld in der Regel mehr Einfluss bedeutet (Lobbyismus) und soziale Ungleichheit sich in der Verteilung von Bildungs- und Partizipationschancen niederschlägt, kommt in seinen Überlegungen zu kurz.
 
Und so bleiben seine Ratschläge für den Umgang mit Populisten auch oft auf einer allzu ideal gedachten Ebene hängen. Sich mit Populisten auseinanderzusetzen, bedeute etwa, ihre Positionen zu einer Verteilung von Flüchtlingen in Europa erst einmal anzuerkennen und zu diskutieren – allerdings nur, wenn sich dabei an bestimmte Grundregeln gehalten und nicht mit menschenverachtenden Kommentaren Hass geschürt werde. Genau daran scheitert ja aber ein demokratisches Gespräch mit der AfD ständig: Weil deren Frontleute kaum eine Gelegenheit auslassen, ihre Anhänger mit völkischer Stimmungsmache aufzuheizen.
 
Jan-Werner Müllers Essay zieht in der Populismus-Debatte ein paar dringend notwendige Orientierungspfeiler ein. Aber die Herausforderungen der Demokratie beginnen da erst so richtig. [...]"
 
Quelle: der Freitag - "Im idealen Rahmen" (eine Populismus-Analyse von Jan Pfaff), farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
Wie bereits wiederholt gesagt: Das grundsätzlich zugrundeliegende Problem ist ein psychologisches:
 
Es sind die hysterisierten Ängste mehrheitlich konservativer Menschen - gleich, wo, in welchem Land.
 
Es ist der Konservatismus geprägt von übersteigerter Angst, anstrengungslosem Denken (Mangel an Differenzierungs-, Reflexionsfähigkeit), dem raschen Überfordertsein mit Komplexität, von außerdem ausgeprägter Ichbezogenheit (Selbstsucht), dem Mangel an Mitgefühl, von freiwilliger Knechtschaft und Führerprinzip (Wunsch nach autoritären Führern, "Entscheidern/Beschützern", um eigene Verantwortung abgeben zu können, siehe auch autoritärer Charakter, Identifikation mit dem Aggressor, patriarchalisches Denken, Fühlen, Verhalten, siehe daraus resultierend auch entsprechende Religionen, Ideologien, der Glaube an eine irgendwie "übergeordnete Ordnung", daher das Festhalten an Hierarchien) sowie weiterhin Abwehr, häufig narzisstischer Trotz, Verweigerung bpsw. von um Konsensfindung bemühten Diskurs.
 
Es äußert sich in all dem eines augenfällig: Eine psychisch-emotionale wie charakterliche Unreife solcher Menschen. Nicht selten auch eine intellektuelle Unreife, Schwäche, Defizite.

Und selbstredend haben Populisten hier leichtes Spiel, denn sie schüren diese Ängste und Hassgefühle, nähren sie, steigern sie - um die Menschen für ihre Zwecke/Ziele instrumentalisieren zu können.
 
"[...] In seinen "Überlegungen zur Judenfrage" beschrieb der französische Philosoph Jean-Paul Sartre die Weltsicht der Antisemiten so: "Für den Antisemiten ist das Böse sein Schicksal, sein 'Job'. Andere werden nach ihm kommen und sich um das Gute kümmern, wenn es sein muss Er steht an vorderster Front der Gesellschaft, er wendet den reinen Tugenden, die er verteidigt, den Rücken zu: er hat nur mit dem Bösen zu tun, seine Pflicht ist es, es zu enthüllen, bloßzustellen, sein Ausmaß zu ermessen. Seine einzige Sorge besteht darin, Geschichten zu sammeln, die die Geilheit des Juden offenbaren, seine Gewinnsucht, seine Schlauheit, seine Wortbrüchigkeit. Er wäscht seine Hände in Unrat."

Abrund einer paranoiden Welt
Lege ich meine eigene Erfahrung zugrunde, dann funktioniert die Selbstinszenierung der "besorgten Bürger", der "Merkel muss weg"-Schreier, der glühende AfD-Anhänger, der Flüchtlingsgegner und "Systemkritiker" auf Facebook und Co. heutzutage exakt nach demselben Muster. Ungeheuer schnell wird man in den psychologischen Abgrund einer paranoiden Welt gerissen, deren Nachrichtenauswahl sich auf Horror- und Ekelmeldungen beschränkt. Diejenigen, die diese Inhalte teilen und verbreiten, sehen sich selbst als Kämpfer für das Gute. Dort wieder herauszufinden und die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, ist ungeheuer schwierig, besonders wenn man dem "Unrat" gerne glauben schenken möchte.
 
Wie sieht die Welt aus der Sicht derjenigen aus, die all diese Dinge teilen und glauben? Oftmals sind die Quellen nämlich keine Gerüchteküchen, sondern Sensationsmeldungen von Boulevard- aber auch vermeintlich seriösen Medien, die zum Klicken verleiten sollen. Aus Sicht der Schreier gibt es also sogar journalistische Belege, die man seriöserweise kaum mehr ignorieren könne. Dass sie teilweise überhöht und spätestens im Resonanzraum der sozialen Medien verzerrt werden, verschweigen die Laut-Sprecher. Der Vorwurf an andere Journalisten und "Gutmenschen" wie mich lautet folgerichtig, wir würden die Probleme ignorieren, kleinreden oder gleich ganz verschweigen.
 
Zerrspiegel der Realität
Auf die Idee, dass es sich um eine extrem verengte Auswahl der Realität handelt, einen "Zerrspiegel", wie die Journalistin Ingrid Brodnig sagt, in der die große Mehrheit der von "Deutschen" an "Deutschen" verübten Verbrechen, gar nicht mehr vorkommt, kommt die Klientel, die die rechtspopulistischen Timelines bevölkert nicht. Und meiner Meinung nach glauben selbst führende Protagonisten dieser Bewegung bei Pegida oder in der AfD an die Realität des Zerrspiegels, den sie selbst erschaffen haben. Die psychologische Wirkung jedenfalls lässt sich kaum überschätzen. [...]"
 
Quelle des zitierten Textes: ndr.de - "Die Hass-Welt: Social Media am rechten Rand", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

Anatol Stefanowitsch: Die Grenzen des Sagbaren

soundcloud.com

Das Überfordertsein mit Komplexität ist typisch für vor allem ängstliche, rechtskonservativ eingestellte Menschen. Man müsste sich den Entstehungsursachen dieser Einstellung bzw. dieser Gefühligkeiten (!) - endlich - zuwenden und folglich präventiv tätig werden, also: bei den Kindern ansetzen.
 
"[...] Doch über das Mandat für eine «nationale Revolution», das die Rechten in beiden Ländern für sich in Anspruch nehmen, verfügen sie nicht wirklich. Orban verdankt seine erdrückende Parlamentsmehrheit einem auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Wahlrecht – er erlangte seine Zweidrittelmehrheit 2014 mit lediglich 45 Prozent der Stimmen. Die PiS unterstützten 38 Prozent. [...]
 
Dass dies durchaus ein produktiver Prozess ist, zeigen die Massenproteste in Ungarn. Auch in Polen demonstrierten letztes Jahr Hunderttausende für den Rechtsstaat und gegen die Entmachtung des Verfassungsgerichtes, später gegen die radikale Beschneidung des Rechts auf Abtreibung und eine umstrittene Bildungsreform.
Rechtsstaat, Frauenrechte, Bildung – es sind grundlegende Fragen, um die in Ostmitteleuropa gestritten wird: Orban und Kaczynski wie auch ihren Gegnern geht es um die zukünftige Gesellschaftsordnung. Tatsächlich steht viel auf dem Spiel, fürchten doch die gebildeten, weltoffenen Städter eine Provinzialisierung ihrer Länder, wenn sie sich von Europa abwenden; Millionen sehen die Freiheit, in Westeuropa zu studieren, zu arbeiten und zu reisen, als grundlegende Errungenschaft der Demokratisierung.
 
Dies wissen natürlich auch die gewieften Taktiker Orban und Kaczynski – und sie haben bisher ein feines Gespür dafür gezeigt, wie stark sie provozieren können, ohne irreparable Schäden anzurichten. Keiner der beiden fordert den Austritt aus der EU; die Vorteile sind zu gross. Dies wissen auch die Polen und die Ungarn, die zu den grössten EU-Enthusiasten Europas gehören, aller Polemik gegen Brüssel zum Trotz. Auch die antideutschen Ressentiments, welche die polnische Regierung periodisch schürt, störten die enge Partnerschaft bisher nur vorübergehend. Ziemlich risikofrei ist auch die Verweigerungshaltung gegenüber einer europäischen Lösung zur Verteilung der Flüchtlinge: Mit wenigen Ausnahmen sind EU-Staaten froh, ihre Untätigkeit hinter den flamboyanten Volkstribunen aus dem Osten zu kaschieren.
 
Dass eine harte Flüchtlingspolitik inzwischen europäischer Mainstream ist und in der übrigen Aussenpolitik keine grossen Würfe möglich sind, stellt ein Problem für Orbans Polarisierungspolitik dar. Fallen die äusseren Feindbilder weg, treten innenpolitische Probleme in den Vordergrund, die auch sieben Jahre Orban-Dominanz in keiner Weise gelöst haben – die tiefen Löhne, die Korruption, die schlecht ausgerüsteten Spitäler. Wie gross die Unzufriedenheit ist, zeigte der Widerstand gegen die Olympischen Spiele, welche die Ungarn als Geldverschwendung betrachten. [...]"
 
Quelle: nzz.ch - "Provokateure im Gegenwind"
 
"[...] Zu Beginn seiner politischen Laufbahn zeichnete sich Hitler vielleicht nur durch größeres Temperament, eine lautere Stimme und selbstsichere geistige Beschränktheit aus. Er brachte in die Bewegung keinerlei fertiges Programm mit – wenn man den Rachedurst des gekränkten Soldaten nicht zählt. Hitler begann mit Verwünschungen und Klagen über die Versailler Bedingungen, über das teure Leben, über das Fehlen des Respekts vor dem verdienten Unteroffizier, über das Treiben der Bankiers und Journalisten mosaischen Bekenntnisses. Heruntergekommene, Verarmte, Leute mit Schrammen und frischen blauen Flecken fanden sich genug. Jeder von ihnen wollte mit der Faust auf den Tisch hauen. Hitler verstand das besser als die anderen. Zwar wußte er nicht, wie der Not beizukommen sei. Aber seine Anklagen klangen bald wie Befehl, bald wie Gebet, gerichtet an das ungnädige Schicksal. Todgeweihte Klassen werden – ähnlich hoffnungslosen Kranken – nicht müde, ihre Klagen zu variieren und Tröstungen anzuhören. Alle Reden Hitlers sind auf diesen Ton gestimmt. Sentimentale Formlosigkeiten, Mangel an Disziplin des Denkens, Unwissenheit bei buntscheckiger Belesenheit – all diese Minus verwandelten sich in ein Plus. Sie gaben ihm die Möglichkeit, im Bettelsack »Nationalsozialismus« alle Formen der Unzufriedenheit zu vereinen und die Masse dorthin zu führen, wohin sie ihn stieß. Von den eigenen Improvisationen des Beginns blieb im Gedächtnis des Agitators nur das haften, was Billigung fand. Seine politische Gedanken waren die Frucht der rhetorischen Akustik. So ging die Auswahl der Losungen vonstatten. So verdichtete sich das Programm. So bildete sich aus dem Rohstoff der »Führer«. [...]
 
Die Scheiterhaufen, auf denen die verruchten Schriften des Marxismus brennen, werfen helles Licht auf die Klassennatur des Nationalsozialismus. Solange die Nazis als Partei handelten und nicht als Staatsmacht, fanden sie fast keinen Eingang in die Arbeiterklasse. Andererseits betrachtete sie die Großbourgeoisie, auch jene, die Hitler mit Geld unterstützte – nicht als ihre Partei. Das nationale »Erwachen« stützte sich ganz und gar auf die Mittelklassen, den rückständigsten Teil der Nation, den schweren Ballast der Geschichte. Die politische Kunst bestand darin, das Kleinbürgertum durch Feindseligkeit gegen das Proletariat zusammenzuschweißen. Was wäre zu tun, damit alles besser werde? Vor allem die niederdrücken, die unten sind. Kraftlos vor den großen Wirtschaftsmächten hofft das Kleinbürgertum, durch die Zertrümmerung der Arbeiterorganisationen seine gesellschaftliche Würde wiederherzustellen.
 
Die Nazis geben ihrem Umsturz den usurpierten Namen Revolution. In Wirklichkeit läßt der Faschismus in Deutschland wie auch in Italien die Gesellschaftsordnung unangetastet. Hitlers Umsturz hat, isoliert betrachtet, nicht einmal Recht auf den Namen Konterrevolution. Aber man darf ihn nicht abgesondert sehen, er ist die Vollendung des Kreislaufs von Erschütterungen, der in Deutschland 1918 begann. Die Novemberrevolution, die die Macht den Arbeiter- und Soldatenräten übergab, war in ihrer Grundtendenz proletarisch. Doch die an der Spitze der Arbeiterschaft stehende Partei gab die Macht dem Bürgertum zurück. In diesem Sinne eröffnete die Sozialdemokratie die Ära der Konterrevolution, ehe es der Revolution gelang, ihr Werk zu vollenden. Solange die Bourgeoisie von der Sozialdemokratie und folglich von den Arbeitern abhängig war, enthielt das Regime aber immer noch Elemente des Kompromisses. Bald ließ die internationale und die innere Lage des deutschen Kapitalismus keinen Raum mehr für Zugeständnisse. Rettete die Sozialdemokratie die Bourgeoisie vor der proletarischen Revolution, so hatte der Faschismus seinerseits die Bourgeoisie vor der Sozialdemokratie zu retten. Hitlers Umsturz ist nur das Schlußglied in der Kette der konterrevolutionären Verschiebungen.
 
Der Kleinbürger ist dem Entwicklungsgedanken feind, denn die Entwicklung geht beständig gegen ihn – der Fortschritt brachte ihm nichts als unbezahlbare Schulden. Der Nationalsozialismus lehnt nicht nur den Marxismus, sondern auch den Darwinismus ab. Die Nazis verfluchen den Materialismus, weil die Siege der Technik über die Natur den Sieg des großen über das kleine Kapital bedeuten. Die Führer der Bewegung liquidieren den »Intellektualismus« nicht so sehr deshalb, weil sie selbst mit einem Intellekt zweiter und dritter Sorte versehen sind, sondern vor allem, weil ihre geschichtliche Rolle es ihnen nicht gestattet, irgendeinen Gedanken zu Ende zu führen. Der Kleinbürger braucht eine höchste Instanz, die über Natur und Geschichte steht, gefeit gegen Konkurrenz, Inflation, Krise und Versteigerung. Der Evolution, dem »ökonomischen Denken«, dem Rationalismus – dem zwanzigsten, neunzehnten und achtzehnten Jahrhundert – wird der nationale Idealismus als die Quelle des Heldischen entgegengestellt. Die Nation Hitlers ist ein mythologischer Schatten des Kleinbürgertums selbst, sein pathetischer Wahn vom tausendjährigen Reich auf Erden.
 
Um die Nation über die Geschichte zu erheben, gab man ihr als Stütze die Rasse. Den geschichtlichen Ablauf betrachtet man als Emanation der Rasse. Die Eigenschaften der Rasse werden ohne Bezug auf die veränderlichen gesellschaftlichen Bedingungen konstruiert. Das niedrige »ökonomische Denken« ablehnend, steigt der Nationalsozialismus ein Stockwerk tiefer, gegen den wirtschaftlichen Materialismus beruft er sich auf den zoologischen.
Die Rassentheorie – wie besonders geschaffen für einen anspruchsvollen Autodidakten, der nach einem Universalschlüssel für alle Geheimnisse des Lebens sucht – sieht im Licht der Ideengeschichte besonders kläglich aus. Die Religion des rein Germanischen mußte Hitler aus zweiter Hand beim französischen Diplomaten und dilettierenden Schriftsteller Gobineau entlehnen. [...]
 
Auf der Ebene der Politik ist der Rassismus eine aufgeblasene und prahlerische Abart des Chauvinismus, gepaart mit Schädellehre. Wie herabgekommener Adel Trost findet in der alten Abkunft seines Bluts, so besäuft sich das Kleinbürgertum am Märchen von den besonderen Vorzügen seiner Rasse. Es verdient Beachtung, daß die Führer des Nationalsozialismus nicht germanische Deutsche sind, sondern Zugewanderte: aus Österreich, wie Hitler selbst, aus den ehemaligen baltischen Provinzen des Zarenreichs, wie Rosenberg, aus den Kolonialländern, wie der augenblickliche Stellvertreter Hitlers in der Parteileitung, Heß, und der neue Minister Darré. Es bedurfte der Schule barbarischer nationaler Balgerei in den kulturellen Randgebieten, um den Führern die Gedanken einzuflößen, die später ein Echo im Herzen der barbarischsten Klassen Deutschlands fanden.
 
Die Persönlichkeit und die Klasse – der Liberalismus und der Marxismus – sind das Böse. Die Nation ist das Gute. Doch an der Schwelle des Eigentums verkehrt sich diese Philosophie ins Gegenteil. Nur im persönlichen Eigentum liegt das Heil. Der Gedanke des nationalen Eigentums ist eine Ausgeburt des Bolschewismus. Obwohl er die Nation vergottet, will der Kleinbürger ihr doch nichts schenken. Im Gegenteil erwartet er, daß die Nation ihm selbst Besitz beschert und diesen dann gegen Arbeiter und Gerichtsvollzieher in Schutz nimmt.
Vor dem Hintergrund des heutigen Wirtschaftslebens – international in den Verbindungen, unpersönlich in den Methoden – scheint das Rassenprinzip einem mittelalterlichen Ideenfriedhof entstiegen. Die Nazis machen im voraus Zugeständnisse: Im Reich des Geistes wird Rasseneinheit durch den Paß bescheinigt, im Reich der Wirtschaft aber muß sie sich durch Geschäftstüchtigkeit ausweisen. Unter heutigen Bedingungen heißt das: durch Konkurrenzfähigkeit. So kehrt der Rassismus durch die Hintertür zum ökonomischen Liberalismus – ohne politische Freiheiten – zurück.
 
Praktisch beschränkt sich der Nationalismus in der Wirtschaft auf – trotz aller Brutalität – ohnmächtige Ausbrüche von Antisemitismus. Vom heutigen Wirtschaftssystem sondern die Nazis das raffende oder Bankkapital als den bösen Geist ab; gerade in dieser Sphäre nimmt ja die jüdische Bourgeoisie einen bedeutenden Platz ein. Während er sich vor dem kapitalistischen System verbeugt, bekriegt der Kleinbürger den bösen Geist des Profits in Gestalt des polnischen Juden im langschößigen Kaftan, der oft keinen Groschen in der Tasche hat. Der Pogrom wird zum Beweis rassischer Überlegenheit. [...]
 
Der deutsche wie der italienische Faschismus stiegen zur Macht über den Rücken des Kleinbürgertums, das sie zu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und die Einrichtungen der Demokratie zusammenpreßten. Aber der Faschismus, einmal an der Macht, ist alles andere als eine Regierung des Kleinbürgertums. Mussolini hat recht, die Mittelklassen sind nicht fähig zu selbständiger Politik. In Perioden großer Krisen sind sie berufen, die Politik einer der beiden Hauptklassen bis zur Absurdität zu treiben. Dem Faschismus gelang es, sie in den Dienst des Kapitals zu stellen. Solche Lösungen wie die Verstaatlichung der Trusts und die Abschaffung des »arbeits- und mühelosen Einkommens« waren nach Übernahme der Macht mit einem Mal über Bord geworfen. Der Partikularismus der deutschen Länder, der sich auf die Eigenarten des Kleinbürgertums stützte, hat dem polizeilichen Zentralismus Platz gemacht, den der moderne Kapitalismus braucht. Jeder Erfolg der nationalsozialistischen Innen- und Außenpolitik wird unvermeidlich Erdrückung des kleinen Kapitals durch das große bedeuten.
 
Das Programm der kleinbürgerlichen Illusionen wird dabei nicht abgeschafft, es wird einfach von der Wirklichkeit abgetrennt und in Ritualhandlungen aufgelöst. Die Vereinigung aller Klassen läuft hinaus auf die Halbsymbolik der Arbeitsdienstpflicht und die Beschlagnahme des Arbeiterfeiertags »zugunsten des Volkes«. Die Beibehaltung der gotischen Schrift im Gegensatz zur lateinischen ist eine symbolische Vergeltung für das Joch des Weltmarkts. Die Abhängigkeit von den internationalen – darunter auch jüdischen – Bankiers ist nicht um ein Jota gemildert, dafür ist es verboten, Tiere nach dem Talmudritual zu schlachten. Ist der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert, so sind die Straßen des Dritten Reiches mit Symbolen ausgelegt.
 
Indem er das Programm der kleinbürgerlichen Illusionen auf elende bürokratische Maskeraden reduziert, erhebt sich der Nationalsozialismus über die Nation als reinste Verkörperung des Imperialismus. Die Hoffnung darauf, daß die Hitlerregierung heute oder morgen als Opfer ihres inneren Bankrotts fallen werde, ist völlig vergeblich. Das Programm war für die Nazis nötig, um an die Macht zu kommen, aber die Macht dient Hitler durchaus nicht dazu, das Programm zu erfüllen. Die gewaltsame Zusammenfassung aller Kräfte und Mittel des Volkes im Interesse des Imperialismus – die wahre geschichtliche Sendung der faschistischen Diktatur – bedeutet die Vorbereitung des Krieges; diese Aufgabe duldet keinerlei Widerstand von innen und führt zur weiteren mechanischen Zusammenballung der Macht. Den Faschismus kann man weder reformieren noch zum Abtreten bewegen. Ihn kann man nur stürzen. Der politische Weg der Naziherrschaft führt zur Alternative Krieg oder Revolution. [...]
 
Je weniger das Polizeiregime der Nazis ökonomisch leistet, desto größere Anstrengungen muß es auf außenpolitischem Gebiet unternehmen. Dies entspricht völlig der inneren Dynamik des durch und durch aggressiven deutschen Kapitals. Das Umschwenken der Naziführer auf Friedensdeklarationen kann nur Dummköpfe irreführen. Hitler hat kein anderes Mittel, die Schuld an inneren Schwierigkeiten auf äußere Feinde abzuwälzen und die Sprengkraft des Imperialismus unter dem Druck der Diktatur zu steigern.
Dieser Teil des Programms, der noch vor der Machtergreifung der Nazis offen angekündigt wurde, realisiert sich jetzt mit eiserner Logik vor den Augen der ganzen Welt. Die Zeit, die uns bis zur nächsten europäischen Katastrophe bleibt, ist befristet durch die deutsche Aufrüstung. Das ist keine Frage von Monaten, aber auch keine von Jahrzehnten. Wird Hitler nicht rechtzeitig durch innerdeutsche Kräfte aufgehalten, so wird Europa in wenigen Jahren neuerlich in Krieg gestürzt."
 
Quelle: marxists.org - "Porträt des Nationalsozialismus", von Leo Trotzki
 
"[...] Ein Teil des Erfolges der AfD liegt darin, dass sie sich als diffamiert und von der politischen Elite an den Rand gedrängt darstellen kann. Für die Verunsicherten, für jene, die sich als Verlierer der Gesellschaft und der Politik sehen, ist diese Opferhaltung attraktiv. Medien und Politiker, die der AfD das Existenzrecht absprechen und die Auseinandersetzung in politischen Debatten scheuen, bestätigen die AfD und ihre Anhänger in dieser Opferrolle geradezu. [...]

Die Scheu vor der politischen Auseinandersetzung mit der AfD ist auch deshalb eine vergebene Chance, weil deren Vertreter zwar gerne mit beeindruckenden Zahlen und dramatischen Schilderungen aufwarten, aber wenig Lösungen zu bieten haben. Abgesehen von der Forderung, die Grenzen sofort zu schliessen und keine weiteren Flüchtlinge nach Deutschland zu lassen, gibt es wenig Vorschläge. Die AfD ist eine Protestpartei, die die Unsicherheit, Unzufriedenheit und Angst in Teilen der Bevölkerung ausnutzt, um Stimmung zu machen. [...]"
 
Quelle: nzz "Aufstieg der AfD: Die Saat der Verunsicherung"
 

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