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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Gegen TAFEL-fertiges Allerlei und (gruppenbezogene) Menschenfeindlichkeit sowie das bequeme Sich-aus-der-Affäre-ziehen des Staates

"[...] Werden hier zwei Problematiken zusammengeführt (Entsorgung noch brauchbarer Lebensmittel sowie die Nöte von Bürgern in prekärer Situation), in der Hoffnung, das eine Problem könne das andere aus der Welt schaffen?
Auffallend ist die Modifikation der zentralen Legitimationsfigur der Tafeln innerhalb einer großen Allianz der Lebensmittelretter. Von der frühen Figur einer sozialen Strategie (Hilfe für Wohnungslose) haben sich die Tafeln verabschiedet und setzen verstärkt auf eine ökologische Strategie, innerhalb derer sie sich als Umweltbewegung stilisieren. Problematisch ist, dass diese Legitimation auf falschen Annahmen und einer problematischen Verknüpfung von zwei nicht miteinander verbundenen Phänomenen basiert. Inzwischen konnte belegt werden, dass es durchaus keine alarmierende Lebensmittelverschwendung gibt, wie immer wieder behauptet wird. Auch lässt sich Armut nicht ursächlich durch Lebensmittelspenden abschaffen. Eine Reduzierung der Überflussmenge bei Lebensmitteln führt überhaupt nicht zu einer Senkung der Armutsquote. Die Tafelbewegung basiert also auf einer fragilen Grundannahme. Die für die Lebensmittelindustrie imagefördernde und kostensparende Entsorgung der Überschüsse durch die Tafeln löst aber weder das Überschuss- noch das Armutsproblem ursächlich.
 
Sie sind als Kritiker der Tafelbewegung bekannt. Worin liegt Ihrer Ansicht nach das Hauptproblem dieser Form der Hilfestellung?
Tafeln sind weder sozial noch nachhaltig, auch wenn sie mit solchen Etiketten versehen werden. Tafeln sind vielmehr Ausdruck eines schleichenden kulturellen Wandels. Sie sind ein Beispiel für sog. ‚Shifting Baselines’, d.h. sich langsam verändernder Orientierungsrahmen. Sie zeigen, wie sich der kulturelle Rahmen dauernd und in derart kleinen Schritten verändert, dass dies meist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt. Innerhalb der Tafelbewegung passen sich Werthaltungen und Standards flexibel der Praxis des eigenen (Nicht-)Handelns an. So kommt es immer wieder zu kollektiven Versäumnissen, die langfristig Folgen nach sich ziehen. Erstens ist für diese schleichenden Veränderungen die unhinterfragte Annahme von Sachzwängen verantwortlich. Diese vereiteln das Denken in Alternativen und ziehen eine Akzeptanz von Tafeln als Vereinfachungs- und Entlastungsstrategien nach sich. Zweitens werden schleichende Veränderungen durch gruppendynamische Prozesse stabilisiert.
Die eigene Wahrnehmung wird immer wieder mit ähnlich denkenden Personen abgeglichen. Es verwundert daher nicht, dass sich rund um die Tafelbewegung „Überzeugungsgemeinschaften“ herausgebildet haben, die sich wechselseitig in ihren Ansichten bestätigen. Und diese Hauptansicht lautet (aus meiner Sicht): Es ist heute einfacher (und besser) öffentliche Akzeptanz für symbolische Armutslinderung zu erhalten, als Legitimation für echte (d.h. nachhaltige) Armutsbekämpfung. [...]
 
Sehen sich Politiker möglicherweise durch die Tafelbewegung der Pflicht enthoben, sich um überfällige Grundsicherungsfragen jenseits der Hartz-Gesetzgebung zu bemühen?
Das ist das klassische Argument der Vertreter der Postdemokratie. Ich sehe das genauso. Im Armutsbericht von Rheinland-Pfalz wurde Hartz IV eine „staatlich verordnete Unterversorgung“ genannt. Tafeln sind sehr fleißig darin, diese Versorgungslücke zu füllen. Und dabei natürlich „Druck aus dem System zu nehmen“ – das sage nicht ich, das sagte selbst Sabine Werth, die Gründerin der ersten Tafel in Deutschland.
 
Einerseits zählt Deutschland zu den reichsten Ländern der Welt, anderseits wird zunehmende Armut immer sichtbarer. Wo liegen die politischen Defizite?
Das ist eine Frage, die weit über das Thema Tafeln hinausgeht. Zunächst verweist das auf die neue Armutsökonomie. Tafeln profitieren aufgrund ihrer sozialen Erwünschtheit und dem „gefühlten Erfolg“ von steigenden Imagegewinnen, die sie innerhalb eines armutsökonomischen Marktes an Industriepartner und Sponsoren weitergeben. Sie passen zudem perfekt in die holzschnittartige Logik einer Medienlandschaft, die in personifizierbaren „Helden des Alltags“ einen Gegenpol zu Krisenerscheinungen sucht und findet. Die Unternehmen sind dann die kollektiven Helden, die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung durch Unterstützung der Tafeln gerecht werden.
 
Was damit verschwiegen wird ist die Tatsache, dass die Unternehmen an anderen (kostspieligen) Stellen, sich gerade vor genau dieser Verantwortung drücken. Armutsökonomie bedeutet, Armut wird eine Ware von der Dritte profitieren, die das dann als Engagement ausgeben können. Die politischen Defizite liegen dort, wo mit Selbstverständlichkeitsunterstellungen operiert wird, Tafeln einfach als Erfolg deklariert werden oder Antworten auf Anfragen an die Bundesregierung ins Leere laufen. Wir wissen nicht, was Tafeln langfristig mit Menschen machen, Tafeln sind kein Thema im Armuts- und Reichtumsbericht. Das alles sind Defizite. Aber das größte Defizit ist sicher die Problemverlagerung selbst. [...]
 
Tragen die „Hartz-IV“-Gesetzgebungen zu der bedenklichen Armutsentwicklung in Deutschland bei und falls ja, in welchem Maße?
Bedenklich ist für mich die Koppelung sozialstaatlicher Agenturen und der Freiwilligenagenturen. Konkret: Menschen, die Hartz beziehen, werden vom Jobcenter an die Tafel verwiesen. Bei Kürzungen ebenso. Das ist scheinbar so selbstverständlich – genau das ist der Skandal. Wo hören hohheitliche Verpflichtungen des Staates auf und wo beginnt freiwilliges Engagement? Eine Gesellschaft, die Engagement als Steuerungsgröße in ihre Politik einbaut, macht sich an ihren schwächsten BürgerInnen schuldig. Das ist genau der Rückfall in die Vormoderne.
 
Es gibt inzwischen Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Sehen Sie darin eine Chance, die Armutsproblematiken in den Griff zu bekommen?
Das Thema BGE überfordert mich maßlos, das gebe ich gerne zu. Viele Konzepte, viel Unvergleichbares. Aber: Dort wo es um die Autonomie des Bürgers geht, bin ich dabei. Deswegen habe ich das „Kritische Aktionsbündnis“ gegründet. Als Mitbegründer des „Kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln“ trete ich ein für eine „armutsvermeidende, existenzsichernde und bedarfsgerechte Mindestsicherung“. Sie soll der Garant für ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges und beschämungsfreies Leben“ sein. Das Ziel ist für mich eine politisch gewollte Verknüpfung von echten Nachhaltigkeitskriterien, den vielen inspirierenden Modellen alternativer Ökonomie und der Praxis der Tafeln. Und da gehört das BGE dazu. [...]"
 
Quelle: spreezeitung.de - "Tafeln sind weder sozial noch nachhaltig"
 

Das "Tafelunwesen"

muenchen.verdi.de

"Ganz am Anfang mag es mal eine gute Idee gewesen sein: Lebensmittel nicht wegschmeißen, sondern verteilen. Das klingt nett, das verstehen alle. In jedem anderen Land als diesem könnte diese Idee vielleicht funktionieren. In diesem unseren Land jedoch wird auch aus so einer harmlosen, lieben Idee ein Ungetüm, ein Schauplatz niederster Instinkte, ein ganzes Abbild der deutschen Gesellschaft im Kleinen. Noch im Kampf um Müll gibt es oben und unten, müssen sich die Braunhäutigen und Mandeläugigen hinten anstellen und doppelt so nett sein wie alle anderen. Noch im Kampf um Müll muss den Befehlen der Kommandanten gehorcht werden, muss Reih und Glied herrschen und schwebt über allem die Zuchtrute. Und noch im Kampf um Müll gibt es predigende Millionäre, die genaue Vorstellungen haben, wie die Ärmsten diesen Kampf zu führen haben.
 
Die Tafeln sind fester Bestandteil des Systems Hartz IV, man muss sie schon halbstaatlich nennen. Es gibt sie, wie es die Bahn gibt und die Post. Kaum waren sie flächendeckend eingerichtet, begannen die Sozialbehörden, die Anwesenheit von Tafeln in den Hartz-IV-Regelsatz einzubeziehen. Wenn es nicht reicht, können Sie ja zu den Tafeln gehen, war ein Satz, den plötzlich viele Abhängige zu hören bekamen. So wurde ein Grundrecht teilprivatisiert - die Existenz eines privaten, karitativen Vereins, der seine Arbeit jederzeit einstellen kann, wurde faktisch Teil einer Leistung des Staates, der genau dies nicht darf. Kein Wunder, dass alle dafür waren, dass sich Bundesministerinnen für die Tafeln ins Zeug legten und Medienhäuser große Kampagnen fuhren - denn alle profitierten davon: Der Druck auf den Staat und seine unzureichenden Regelleistungen wurde geringer, und die Unternehmen hatten eine billige Möglichkeit, ihren Dreck zu verklappen.
 
Wer immer noch das Bild von den Tafeln als freundliche Suppenküchen hat, sollte die Bücher von Kathrin Hartmann lesen. Wie da die »Helfer«, sich selbst als weiße Ritter imaginierend, ihre »Kunden« schikanieren, bevormunden, lächerlich machen, es ist schier ein Graus. Wer auf verfaultes Gemüse hinweist, gilt als undankbar; wer die geringe Auswahl beklagt, als gierig. Demütig, gehorsam und unterwürfig haben die »Kunden« zu sein. Ansprüche und Standards dürfen sie nicht haben, denn die »Helfer« machen das ja in ihrer Freizeit. Und in Not ist sowieso niemand in Deutschland, es gibt ja die Grundsicherung; was beschwert ihr euch also? Man zahlt bei den Tafeln nicht mit Geld, man zahlt mit seiner Würde.
 
Auch deswegen sind die Tafeln Teil des Systems Hartz IV: Wenn du hier angekommen bist, dann bist du nichts mehr: kein Bürger, kein Mensch, kein Träger von Rechten. Von deiner Persönlichkeit bleibt nichts übrig; jeder Bissen, den du isst, ist eine Gnade von oben. Und sie kann dir jederzeit weggenommen werden.
 
Lauter noch als der Sturm der Entrüstung, der dem Chef der Essener Tafeln galt, war der Rückhalt, den er in den Medien fand. Was erlaube man sich denn, über den Mann zu urteilen, der Nichtdeutschen ein »Nehmer-Gen« unterstellt und von Araber»rudeln« plappert, vor denen sich die deutsche Omi natürlich völlig zu Recht fürchte? Man sei doch nicht dabei gewesen, der Mann sei doch Experte, vielleicht stimme das alles ja. Sichtlich dankbar, dass es da jemanden gibt, der sich freiwillig dem Lumpenproletariat aussetzt, sprangen ihm FAZ-Herausgeber und ARD-Moderatoren bei. In einer Nebenbemerkung seiner letzten Sendung erwähnte Frank Plasberg empört, dass der arme Mann nun als »Nazi« abgestempelt werde. Der Millionär hat, man merkt es, sehr genaue Vorstellungen davon, wie mit den Ärmsten umzugehen sei, und dass der Essener Elendsverteiler alles richtig, das heißt genau in seinem Sinne gemacht hat, das hat er verstanden. [...]"
 
Quelle: neues-deutschland.de - "Die Tafeln"
 
Fraglos Zustimmung (mit einer Einschränkung: Rassismus ist keine Haltung, sondern eine Krankheit).
 
Und nochmal: Selbstverständlich ist einer neoliberalen Regierung nicht im Mindesten daran gelegen, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, gar Hartz 4 abzuschaffen/die Agenda 2010 rückabzuwickeln, denn genau das war das begehrte Instrument, das Unterwerfung und Ausbeutung (durch bspw. Niedriglöhne, folgende Anpassung/Konzessionen ...) erst möglich machte. Es sei an dieser Stelle nochmals an die Mont Pelerin-Society erinnert, aber auch daran, was wir für ein Menschenbild haben - dass wir Menschen durch Strafe, Dressur, Zwang, Druck, Kontrolle, absichtsvollem Schmerzzufügen vulgo Sadismus ergo Gewalt zu prosozialem Verhalten bringen zu können meinen - das ist vorsintflutlich und nicht mit Aufklärung und Humanismus zu vereinbaren - mit: dem Menschenwürdeprinzip.
 
"[...] Die Ursachen für den Eklat sehen Schneider und Co. in der falschen Politik der vergangenen Jahre, die die Armut in diesem Land nicht bekämpfte, sondern noch beförderte. »Sozialstaatliche Leistungen müssen dafür sorgen, dass für alle hier lebenden Menschen, gleich welcher Herkunft, das Existenzminimum sichergestellt ist«, heißt es in ihrer Erklärung. Und vor allem: Arme Menschen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Egal welcher Herkunft. Für die Organisationen, zu denen unter anderem auch die Volkssolidarität, Pro Asyl, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Nationale Armutkonferenz (NAK) gehören, ist es ein »Skandal, dass die politischen Verantwortlichen das seit Jahren bestehende gravierende Armutsproblem verharmlosen und keine Maßnahmen zur Lösung einleiten«.
 
Wie sehr die Diskussion um die Tafeln derzeit die Öffentlichkeit umtriebt, zeigte die ARD-Sendung »Hart aber fair« am Montagabend. »Dass es die Tafeln gibt, ist ein großes Verdienst vieler Ehrenamtlicher. Dass es aber die Tafeln braucht, ist das Versagen aller bisherigen Bundesregierungen«, sagte dort die Vorsitzende der LINKEN Katja Kipping. [...]
 
Nun meldeten sich die Tafeln auch selbst zu Wort. »Die letzten Wochen haben gezeigt, wohin es führt, wenn der Staat ehrenamtliche Hilfsorganisationen wie die Tafeln mit Aufgaben alleine lässt, die größer sind als sie selbst«, so Jochen Brühl, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Tafel Deutschland. Die Zahl der Armen in Deutschland müsse nachhaltig gesenkt werden - und daran müsse sich eine Regierung, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, messen lassen. »Das betrifft genauso die Menschen, die auf der Suche nach Schutz und Sicherheit zu uns gekommen sind. Integration muss aktiv vom Staat gefördert werden.«
 
Dabei sind neben Alleinerziehenden und Rentnern vor allem auch Menschen mit Migrationshintergrund von Armut gefährdet. So ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung vor einem Jahr, dass Menschen mit Migrationshintergrund ein doppelt so großes Risiko haben, in Armut leben zu müssen, wie Personen ohne einen solchen Hintergrund.
 
»Deutschland ist reich, in Deutschland gibt es genug Geld und erst recht genug Nahrung für alle«, erklärte unterdessen der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt. »Flüchtlinge und Migranten werden als Sündenböcke instrumentalisiert und für Fehlentwicklungen wie Armut und Wohnungsnot verantwortlich gemacht, die die Politik zu verantworten hat.«
 
In ihrer Erklärung forderten Sozialverbände die zukünftige Bundesregierung auf, »die Regelsätze in Hartz IV und der Sozialhilfe auf ein bedarfsgerechtes und existenzsicherndes Niveau anzuheben«. Nach Berechnungen des Paritätischen Gesamtverbandes oder der Diakonie müssten diese zwischen 529 und 560 Euro liegen. »Wir werden als zivilgesellschaftliches Bündnis den Druck auf die zukünftige Bundesregierung erhöhen, der Armutsbekämpfung, insbesondere Hartz IV und den Regelsätzen, deutlich höhere Priorität einzuräumen, als es bisher der Fall ist«, kündigte Ulrich Schneider an. »Dieser Koalitionsvertrag kann nicht das letzte Wort gewesen sein.« Dort taucht das Thema Hartz IV nirgends auf."
 
Quelle des zitierten Textes: neues-deutschland.de - "Über 930 Zeichen des Versagens", farbliche Hervorhebungen (dunkelblau markiert) habe ich vorgenommen.
 
"[...] Was die Tafeln so attraktiv für die rechte Polemik macht, ist dass sie der Inbegriff der paternalisierenden Sozialfürsorge sind: der deutsche Arme, so wie ihn sich die Rechte und der Herr Sartor wünschten, steht für sein Essen an und hält die Klappe. Ihm gegenüber sitzt, durch eine Tür getrennt, das Gegenbild, der selbstherrliche Tafelchef, der „keine Mutter Theresa und keine Flüchtlingshilfe“ sein will, Leute die Probleme machen „rauszieht“ und der, die arabische Lautsprache nachmachend, erklärt, dass natürlich nicht er, sondern „ältere Frauen“ damit ein Problem hätten. Dass er mit Leuten, die die „Anstellmentalität“ in seinem Laden noch nicht geschluckt haben, ein etwas größeres Problem hat, verwundert da nicht mehr.
 
Die „deutsche Oma“, von der der Essener Tafelchef Sartor tatsächlich in jedem Interview schwadroniert, ist hierbei Symbolbild für den den gesellschaftskonformen Armen: diese Frau hatte niemanden interessiert als Mutter oder als Ehefrau (da brauchte die Gesellschaft ihre unbezahlte Arbeitskraft); sie hatte nicht interessiert als Verkäuferin, Sekretärin oder Buchhalterin (da brauchte die Gesellschaft ihre Ausbeutung); sie hatte nicht interessiert als Rentnerin mit 1.000 Euro-Minirente (da brauchte der Staat die auf ihre Rente gelegte Steuer, um die Exportindustrie zu subventionieren) – sie interessiert jetzt, sobald sie als bloße Spielmarke gegen die Flüchtlinge instrumentalisierbar ist. Nicht ihr soziales Problem soll gelöst werden, sondern sie soll zur Rechtfertigung des Status Quo eingesetzt werden.
 
Interessant ist, dass tatsächlich von sehr vielen Seiten – den anderen Tafelchefs (außer Sartor), vielen Zeitungen (außer der Bild), vielen PolitikerInnen (außer der CSU) – darauf hingewiesen wurde, dass das eigentliche Problem nicht die drängelnden Flüchtlinge, sondern die wachsende Armut und insbesondere die von Hartz IV verantwortete Altersarmut ist. Zugleich hat es wenig Sinn, auf das Wohlwollen des Staates zu hoffen, der diese Armut selbst geschaffen hat und von ihr profitiert. Was es bräuchte, wäre sowohl weniger „Anstellmentalität“ als auch weniger Ellenbogenmentalität, sondern mehr sozialer Druck seitens der 4 Millionen Hartz IV-EmpfängerInnen. Aus Irland wird berichtet, dass dort Leute die letzte Kältewelle vor einigen Tagen genutzt hätten, um mit einem Bagger einen Lidl aufzubrechen und auszuplündern. Als die Polizei anrückte, wurde sie mit Steinen beworfen."
 
Quelle: kritischeperspektive.com - "Zu Gast an der deutschen Tafel"
 
"[...] Zurück zum Plakat: Darauf sehen wir eine Kiste mit Lebensmitteln, die so nach Biss und Geschmack aussehen, dass man sich unwillkürlich fragt, warum man selbst eigentlich nicht zur Tafel geht. Der Wirklichkeitssinn des Betrachters wird hier überstrapaziert. In der einen Ecke der Kiste eine Flasche „Apollinaris Classic“, in der anderen eine Flasche „Coca-Cola“. „Weil zum Essen auch Trinken gehört“ lesen wir auf dem Plakat und dann erfahren wir die eigentlichen Zusammenhänge: „Tafeln“ würden eine „wichtige soziale Aufgabe“ erfüllen und das schon so lange und so gut, dass Coca Cola Deutschland „gerne Partner der Tafeln“ sei. Dies passt ganz gut ins eigene Werbeimage. Coca Cola „ist für alle da“ – diese Unternehmensphilosophie macht einerseits das Engagement für die „Tafeln“ möglich, aber auch eine Verbreiterung der Zielgruppe „nach unten“. Bei 3,8 Milliarden Litern Absatzvolumen (2013) der konzerneigenen Flüssigkeiten werden nicht nur ein paar Flaschen Cola für die Tafeln übrig bleiben, sondern es werden wohl noch ganz neue Zielgruppen niedrigschwellig erreicht.
 
Denn genau das leisten die „Tafeln“ ja ganz hervorragend: Für alle diejenigen, die sich an die Armen dieses Landes heranpirschen wollen, um ihnen auch noch den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen oder eine der vielen kreativen Hilfsmaßnahmen zukommen zu lassen, ist das bestens institutionalisierte und vernetzte Almosensystem die perfekte Plattform und Zugangsmöglichkeit. „Tafeln“ sind einerseits ein moralisches Unternehmen, das Firmen wie z.B. Coca Cola gerne hilft, das Umverteilen ihrer Produkte als Teil ihrer „gelebten Verantwortung“ ausweisen zu können (z.B. in ihren sog. Nachhaltigkeitsberichten). Sie sind andererseits aber auch Teil einer Armutsökonomie, in der die Armen gnadenlos ausnutzt werden, weil Armut (wie auch das Soziale) nur noch nach ökonomischen Maßstäben behandelt und damit kommodifiziert (zur Ware (WL)) wird. Abgesehen davon, wird man sich trefflich darüber streiten können, ob die kostenlose Abgabe von Zuckerwasser an Arme eher eine Form der Verwirklichung von „sozialer Teilhabe“ darstellt, oder ob damit ungesunde Lebensverhältnisse und Erbarmen noch weiter zementiert werden.
 
So gesehen ist es nur konsequent, dass sich in Deutschland die erste „Initiative gegen Armutshandel“ gründet, die genau diese Warenwerdung von Armut anprangert. Beides, die perfekt inszenierte Partnerschaft eines Konzerns wie Coca Cola mit einem Sozialkonzern im Kontext einer wenig nachhaltigen „Goodwill-Industrie“ sowie die Proteste gegen die Umsätze mit und durch Armut bestätigen eine These, die ich in meinem Buch „Schamland“ aufstelle: Mittlerweile ist es zu einer perfekten Dauersynchronisation der Interessen von Politik, Wirtschaft und „Tafeln“ gekommen, die mit ihren Prämissen und Angeboten aufeinander verweisen, wobei sich die eigentlich angestrebte „gesellschaftliche Verantwortung“ verflüchtigt. Wenn Coca Cola die Lauf-App „Miles for Meals“ sponsert, einen Hilfsfond einrichtet oder als Groß-Caterer beim „Deutschen Tafel-Tag“ auftritt, dann zeigt sich einmal mehr, dass wir im Zeitalter der inszenierten Solidarität angekommen sind. Es ist heutzutage einfacher geworden, öffentliche Sympathie für rituelle Armutslinderung zu erhalten, als politische Legitimation für nachhaltige Armutsbekämpfung durch Realpolitik. Und es wird sicher nicht bei Coca Cola bleiben. Der Resonanzraum der Markentafeln sind die Markenfirmen dieses Landes. Dort wird die eigentliche Botschaft der „Tafeln“ sehr gut verstanden. Firma um Firma wird dazukommen, auf den Zug aufspringen und sich dem Reiz des „Social Washing“ mit einer inzwischen kaum mehr zu übertreffenden Perfektion hingeben. Und bei Coca Cola wird sie auch gleich im firmeneigenen Claim gespiegelt: „Mehr Wert für Sie“. Gemeint ist wohl eher Mehrwert im Sinne von mehr Umsatz.
 
Wertvoller wäre es, wenn in den Firmen selbst mehr soziale Verantwortung gelebt würde – dann gäbe es auch weniger Menschen, die als „Kunden“ die „Tafeln“ und ähnliche Almosensysteme aufsuchen müssen. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen dem eigentlich asozialen Verhalten in der neoliberalen Sphäre dieser Gesellschaft, den zahlreichen euphemistisch als „Freisetzungsprozessen“ titulierten Katastrophen unter dem Diktat vermeintlich ökonomischer Sachzwänge sowie dem Auftreten von „Tafeln“ und anderen eigentlich vormodernen armutslindernden Systemen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Vielleicht sollte der Spruch „Weil zum Essen auch Trinken gehört“ einfach in „Weil zur Gerechtigkeit auch das Soziale gehört“ umgeändert werden. Aber das schafft wohl keinen Mehrwert mehr – zumindest glaubt (fast) niemand mehr daran. Und das ist die eigentliche Katastrophe – politisch, sozial und humanitär. [...]"
 
Quelle: nachdenkseiten.de - "Auch Erbarmen geht nicht ohne Coca Cola (...)"; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

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