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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über Freiheit - durch Anerkennung, Kooperation, Solidarität, denn Freiheit kann nie singulär sein

IV. Putnam und Bourdieu - die politische Wirkung zweier Konzepte

Mit einer Definition, die soziales Kapital als wohlfahrtssteigernde soziale und moralische Kompetenz der Gesellschaft begreift, verliert man soziale Ungleichheiten, zu denen soziales Kapital als individuelle Ressource immer beiträgt, leicht aus den Augen. Insofern ist es auch wenig überraschend, dass sich der von Putnams Arbeiten inspirierte politische Diskurs bislang kaum von Problemen der sozialen Ungleichheit provozieren ließ. Mehr noch: Dieser Diskurs hat eine Weltversion erzeugt, der - wie US-amerikanische Sozialwissenschaftler zuletzt mehrfach kritisierten - selbst eine "elitäre Sichtweise" von der sozialen Welt eingeschrieben ist. [22]

Denn für "The strange disappearance of civic America" [23] werden in erster Linie die "non-elite classes" [24] verantwortlich gemacht; und von ihnen wird auch mehr oder weniger explizit gefordert, durch Solidarität, Partizipation und Engagement in der assoziativen Lebenswelt den Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu kompensieren. Diese eindimensionale Sichtweise hat nicht zuletzt durch die Einfachheit an Evidenz gewonnen, mit der Putnam seine einfühlsam ausgebreiteten empirischen Daten auf einen Punkt konzentrierte: auf den Erosionsprozess sozialen Kapitals. Dieser Prozess wurde im politischen Diskurs einem ausufernden abstrakten liberalen Individualismus in modernen Gesellschaften zugeschrieben, der in Verbindung mit der Kulturindustrie den passiven TV-Zuschauer hervorgebracht habe.

 
Wenig beachtet wurde bislang hingegen jener gesellschaftsstrukturelle Wandel in politischer, ökonomischer und technologischer Hinsicht, der in den letzten Jahrzehnten gerade für die wirtschaftliche Erfolgsstory der USA so bedeutsam war: die Verkündung des Marktes und des Minimalstaates als einzig legitime und lebensfähige Zukunft. Die neokonservative Wende in den USA, die den Menschen massive Veränderungen in ihren Arbeits- und Lebensweisen sowie Vergemeinschaftungsformen zumutete, wurde aber gerade nicht vom einfachen Bürger, sondern von Eliten in Wirtschaft, Politik, Administration und auch Wissenschaft forciert. Dass diese Zusammenhänge in dem an Putnams Arbeiten sich orientierenden politischen Diskurs bisher kaum diskutiert wurden, bezeichnet ein fundamentales Wirklichkeitsdefizit.
 
Diesem Defizit hat Jean Cohen unlängst eine explizit politische Stoßrichtung verliehen. [25] Demnach spielt dieser Diskurs all jenen in die Hände, die an zweierlei interessiert sind: einerseits daran, traditionelle und autoritäre Formen der Bürgergesellschaft (einschließlich des "klassischen" Familienmodells) wieder zu beleben anstatt eine weitere Demokratisierung zu forcieren; und andererseits daran, die Institutionen des Wohlfahrtsstaates sukzessive zu zerschlagen, anstatt sie reflexiv zu modernisieren. "Wer diesen Angriff nicht zu erkennen und zu analysieren bereit ist", so argumentiert David Held in einem ähnlichen Zusammenhang, "ignoriert eine der größten Gefahrenquellen für die Freiheit in der gegenwärtigen Welt - die enorm angewachsene Ungleichheit." [26]

Genau diese Ungleichheiten, die aus dem Wandel gesellschaftsstruktureller Rahmenbedingungen resultieren, hat Bourdieu immer wieder ins Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeiten und zuletzt vor allem seines politischen Engagements gestellt. Exemplarisch dafür ist seine Untersuchung über "Das Elend der Welt", in der es nicht nur um eine Kritik an den ökonomischen Ungleichheiten zwischen "Modernisierungsgewinnern" und "Modernisierungsverlierern" geht. [27] Vielmehr wird anhand ausführlicher Interviews gezeigt, was Modernisierung für all jene bedeutet, die als Jugendliche chancenlos, als Facharbeiter überflüssig, als Landwirte ohne Erben, als Einzelhändler ohne Markt sind oder als Sozialarbeiter und Therapeuten in sozialen Brennpunkten vergeblich mit unmotivierten Jugendlichen arbeiten.

Diese Studie, die zum Bestseller in Frankreich avancierte, hat ihren politischen Sprengstoff vor allem darin, dass die Lebensgeschichte jedes Befragten "die Kluft zwischen Sorgen und Nöten des ‘Volkes‘ und dem hiervon völlig abgehobenen und dadurch zynischen Diskurs der ‘Volksvertreter‘ in ihrem ganzen, unüberbrückbar und unversöhnlich wirkenden Ausmaß zu Bewusstsein bringt und dadurch in eine offene gesellschaftliche Wunde unserer Zeit stößt" [28] . Denn in ihrer Zusammenschau verdichten sich die sehr verschiedenen Lebensgeschichten "von unten" zu einer radikalen Kritik an der Entwicklung moderner Gegenwartsgesellschaften, insbesondere an der schleichenden "Abdankung des Staates" [29] aus seiner Verantwortung für das "Gemeinwohl": von der sozialen Sicherung und der Durchsetzung von Verteilungsgerechtigkeit bis hin zu seiner Schiedsrichter- und Regelungsfunktion in der Arbeitswelt.

 
Insofern ist diese Studie auch eine fundamentale Kritik an jenen gesellschaftlichen Gruppen, auf die sich Bourdieu seit seinen Studien der sechziger Jahre besonders konzentrierte: die Eliten, die für ihn den eigentlichen Schauplatz der sozialen und symbolischen Auseinandersetzungen darstellen. Denn bei der heutigen Verfassung der Gesellschaftsordnungen läge es prinzipiell in ihren Händen, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit Verteilungsgerechtigkeit zu verbinden und in eine Kultur innen- und außenpolitischer Konfliktführung zu integrieren. Stattdessen ginge man aber, so Bourdieu, sukzessive "von einer staatlichen Politik, die auf eine Beeinflussung der Verteilungsstrukturen aus ist, zu einer Politik über, die nur noch eine Korrektur der Auswirkungen der ungleichen Ressourcenverteilung an ökonomischem und kulturellem Kapital zum Ziel hat, das heißt eine Staatswohltätigkeit für die ‘würdigen Armen‘ (deserving poors) wie zu den guten alten Zeiten religiöser Philanthropie" [30] .
 
V. Soziales Kapital, soziale Ungleichheiten und die Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts

Es ist vor allem den empirischen Studien einer Forschergruppe um Michael Vester zu verdanken, dass auch in Deutschland eine profunde Diskussion über die Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts geführt werden kann, ohne dabei ausschließlich in die Rhetorik von einem ungezügelten egoistischen Hyperindividualismus verfallen zu müssen, aus dem sich bislang die Sorge vor der "Auflösung des Sozialen" speist. [31]

Die umfangreichen, an Bourdieus Gesellschaftstheorie angelehnten Studien dieser Gruppe machen zweierlei deutlich:
 
Erstens widerlegen sie auf empirischer Basis die mittlerweile zum Common sense gehörenden Gegenwartsdiagnosen, dass sich die sozialen Milieus in Deutschland vollends aufgelöst hätten. Im Gegenteil: Gerade aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit an den sozialen Wandel erweisen sich die Klassenkulturen in der alltäglichen Lebenswelt offenbar als sehr stabil. Auffällig ist vor allem der Zusammenhang zwischen dem Gesellungsverhalten der verschiedenen Milieus in ihrem lebensweltlichen Umfeld - in Vereinen, mit Verwandten oder Freunden wie auch in Abgrenzung gegenüber anderen - und ihren gesellschaftspolitischen Grundeinstellungen. Ein bedrohliches Bild wird dabei für den wachsenden Teil der Modernisierungsverlierer gezeichnet, die sich vom rasanten sozialen Wandel überrollt fühlten und starke Ressentiments gegenüber allem Modernen, der "großen Politik" und nicht zuletzt gegenüber Ausländern hegten. Vor allem die jüngeren Modernisierungsverlierer ließen ihren ressentimentgeleiteten Aggressionen zunehmend freien Lauf und sympathisierten mit rechtsextremistischen Ideologien.

Zweitens - und damit eng verbunden - weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die Hegemonien der Parteien in ihren "klassischen" gesellschaftspolitischen Lagern erodieren. Insofern "haben wir auch heute keine Krise der Milieus (als Folge des Wertewandels), sondern eine Krise der politischen Repräsentation (als Folge einer zunehmenden Distanz zwischen Eliten und Milieus)" [32] . Aber genau in dieser Phase würden die Eliten "dem aktuellen Problem sozialer Desintegration kein Konzept entgegenhalten . . . - außer Sparkonzepten, die die sozial Benachteiligten nicht hinreichend schützen und reintegrieren" [33] . Insofern sei der gesellschaftliche Zusammenhalt vor allem durch die zunehmenden sozialen Ungleichheiten und Deklassierungen gefährdet, dem nur durch eine aktivere Verantwortung der Eliten für soziale Gerechtigkeit begegnet werden könne.

 
Folgt man den Ergebnissen dieser Studie, dann erhält der Diskurs über den sozialen Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft eine andere Stoßrichtung. Denn neben der gängigen Annahme, dass "in der ‘Hitze‘ von Individualisierungsprozessen das Soziale, der Konsens ‘verdampft‘ " [34] , avancieren offensichtlich die wachsenden sozialen Ungleichheiten abermals zu einem fundamentalen Problem der gesellschaftlichen Integration: von der strukturellen Massenarbeitslosigkeit über die wachsende Gefährdung des Lebensstandards der "Mittelschichten" bis hin zur Konfliktverschärfung zwischen "Einheimischen" und "Zugewanderten" oder verschiedenen Klientelen des Wohlfahrtsstaates. Eine Vielzahl anderer, teilweise längst überwunden geglaubter Ungleichheiten ließen sich hinzufügen. Dieser "moderne soziale Konflikt" sieht sich, wie Ralf Dahrendorf argumentiert, vor allem mit solchen Wirkungen sozialer Ungleichheit konfrontiert, "die die volle bürgerliche Teilnahme von Menschen mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln einschränken. Es geht also um Anrechte, die die Position des Bürgers zu einem erfüllten Status machen" [35] .
 
Es werde ersichtlich, konstatiert Bourdieu vor diesem Hintergrund, dass der Rückzug des Staates unerwartete Wirkungen verursacht habe - Wirkungen, die zwar niemals beabsichtigt gewesen seien, die aber das Zusammenspiel der demokratischen Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fundamental bedrohten. [36] Denn gerade in einer Zeit, in der es nicht um die Verteilung von Zuwächsen, sondern die Umverteilung der vorhandenen Ressourcen gehe, bestünde die eigentliche Herausforderung von Staat und Politik darin, das bisherige wohlfahrtsstaatliche Arrangement so zu reformieren, dass der generalisierte Anspruch auf Teilhabe an den Lebensmöglichkeiten der Gesellschaft garantiert werden könne. [...]"

https://www.bpb.de/apuz/26805/soziales-kapital-sozialer-zusammenhalt-und-soziale-ungleichheit?p=all

"[...] Die Sozialwissenschaften sind in der gesellschaftlichen Wirklichkeit präsent, wenn auch häufig in mehr oder weniger entstellter Form; wer sich über die Demokratie Gedanken macht, wird jene einbeziehen müssen. Es vergeht beispielsweise kein Tag, ohne daß Wirtschaftler oder Ökonomen zitiert werden, um Entscheidungen der Regierung zu rechtfertigen. Die Soziologie hingegen wird seltener hinzugezogen. Nur in Krisensituationen, angesichts "sozialer" Probleme - als ob alle anderen dies nicht wären! - wie derzeit die Frage der Universitäten oder der Vorstädte, wendet sich das Publikum, besonders die Medien, an Soziologen.
 
Nun steht demokratische Politik vor der modernen Form einer sehr alten Alternative - einerseits der Philosophenkönig, der aufgeklärte Alleinherrscher, und auf der anderen Seite der Demagoge. Anders ausgedrückt, vor der Wahl zwischen Arroganz des Technokraten, die vorgibt, alle Menschen glücklich zu machen, auch ohne oder gegen ihren Willen, und der Willfährigkeit des Demagogen, die einfach der Nachfrage gehorcht, ob es nun in Marktumfragen, Einschaltquoten oder Popularitätskurven sichtbar wird. Eine wirklich demokratische Politik sollte sich dieser Alternative entziehen.
 
Auf die Konsequenzen des technokratischen Irrtums, der eher im Namen der Wirtschaft begangen wird, will ich nicht näher eingehen. Dazu müßte man genau aufführen, welchen Preis die Gesellschaft an Leiden und Gewalt, aber auch ökonomisch für alle Wirtschaftsformen bezahlt, die im Namen einer eingeschränkten, verstümmelten Definition von Ökonomie durchgesetzt werden. Nur sollte man bedenken, daß es ein Gesetz der Erhaltung der Gewalt gibt. Wenn man die offen sichtbare Gewalt ernsthaft verringern will, die Verbrechen wie Diebstähle, Vergewaltigungen, sogar Attentate, muß man darauf hinwirken, die - jedenfalls von den Zentralen oder Orten der Herrschaft aus - unsichtbar bleibende Gewalt insgesamt zu verringern, wie sie tagtäglich überall in Familien, Fabriken, Werkstätten, Kommissariaten, Gefängnissen und sogar in Krankenhäusern oder Schulen ausgeübt wird. Sie ist Ergebnis der "trägen Gewalt" von Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen und von gnadenlosen Mechanismen, die ihre Reproduktion begünstigen.
 
Ich möchte indessen den Akzent auf den zweiten Teil der Alternative legen, auf den demagogischen Irrtum. Die Fortschritte der Sozialtechnologie - die auf keinen Fall mit der Sozialwissenschaft zu verwechseln ist, deren Instrumentarium sie sich manchmal bedient - sind so groß, daß die offensichtliche, aktuelle, punktuelle und ausdrücklich erklärte Nachfrage genauestens bekannt ist: Es gibt Techniker der dóxa, der Meinung.
Diese Meinungs- und Umfragenhändler sind die heutigen Nachfahren jener Scheinwissenschaftler des äußeren Anscheins, die Platon treffend Doxosophen nannte.
 
Die Sozialwissenschaft ruft dagegen in Erinnerung, daß ein Verfahren wie die Umfrage Grenzen kennt, weil, wie bei einer Abstimmung, nur aggregierte Meinungen berücksichtigt werden. Daher kann sie ein zweckmäßiges Instrument demagogischen Handelns werden, unmittelbar gesellschaftlichen Kräften unterworfen. Die Sozialwissenschaft macht sichtbar, daß eine Politik, die nur die offensichtliche Nachfrage bedient, ihr eigenes Ziel verfehlt: Das bestände nämlich darin, Zwecke zu definieren, die dem wirklichen Interesse einer Mehrheit entsprechen. Die oben beschriebene Politik hingegen ist nichts anderes als eine kaum verhüllte Form des Marketing. Die "demokratische" Illusion über die Demokratie besteht darin, zu vergessen, daß es Zugangsbedingungen gibt für die konstituierte und öffentlich formulierte politische Meinung: " Dóxazein, zustimmen", sagte Platon, "heißt sprechen", also zum Diskurs erheben. Und wir alle wissen, daß nicht alle gleich sind vor der Sprache. Die Wahrscheinlichkeit, daß man auf eine Meinungsfrage antwortet - besonders wenn es um ein politisches Problem geht, das die politische Welt als solches definiert hat -, unterscheidet sich sehr zwischen Männern und Frauen, Gebildeten und Ungebildeten, Reich und Arm. Folglich verbirgt sich hinter der formalen Gleichheit der Bürger eine tatsächliche Ungleichheit. Die Wahrscheinlichkeit, eine Meinung zu haben, birgt in sich ebenso viele Unterschiede wie die Wahrscheinlichkeit, diese auch durchsetzen zu können als tätige Meinung.
 
Wissenschaft klärt auf über die Mittel, nicht über die Ziele. Sobald allerdings von Demokratie die Rede ist, liegen die Ziele auf der Hand: Die wirtschaftlichen und kulturellen Zugangsbedingungen zur politischen Meinung müssen allgemein verfügbar gemacht, also demokratisiert werden. Einen entscheidenden Platz nimmt dabei die Bildung ein, die Grund- und die Weiterbildung. Sie ist nicht nur Voraussetzung für den Zugang zu Arbeitsplätzen und gesellschaftlichen Positionen, sie ist die Hauptvoraussetzung für die echte Ausübung der bürgerlichen Rechte.
 
Die Soziologie begnügt sich nun nicht damit, zur Kritik der gesellschaftlichen Illusionen beizutragen, was eine Bedingung demokratischer Wahlmöglichkeit ist. Sie kann darüber hinaus eine realistische Utopie begründen, die von einem unverantwortlichen Voluntarismus ebenso weit entfernt ist wie von wissenschaftsgläubiger Resignation in der bestehenden Ordnung. Tatsächlich widersetzt sie sich den Praktiken der Doxosophen völlig, die den Befragten nur Fragen vorlegen, die sich die politische Welt über sie stellt. Nein, die Absicht der Soziologie ist es, hinter den äußeren Schein - und den offen sichtbaren Diskurs über diesen äußeren Schein - zu blicken, ganz gleich ob es nun jener der Handelnden selbst ist oder der noch scheinhaftere, den die Doxosophen, die Meinungsforscher, politischen Kommentatoren und Politiker hervorbringen in einem Spiel der sich unendlich ineinander spiegelnden Spiegel.
 
In der Tradition des Hippokrates beginnt die wirkliche Medizin mit der Kenntnis der unsichtbaren Krankheiten, also der Dinge, über die der Kranke nicht spricht, weil sie ihm nicht bewußt sind oder er vergißt, sie zu erwähnen. Das gilt auch für eine Sozialwissenschaft, die sich um Kenntnis und Verständnis der wirklichen Ursachen des Unbehagens bemüht, das nur durch schwierig zu interpretierende gesellschaftliche Anzeichen zutage tritt. Ich denke an die willkürliche Gewalt in Stadien und anderswo, an rassistische Verbrechen oder an die Wahlerfolge der Propheten des Unglücks, die die primitivsten Äußerungen moralischen Leidens eilfertig ausbeuten und verstärken, die das Elend und die "träge Gewalt" der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen ebenso wie all die kleinen Nöte und Gewaltakte des täglichen Lebens hervorbringen.
 
Um über die sichtbaren Erscheinungsformen hinauszugelangen, muß man zurückgehen zu den realen, echten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Determinanten der zahllosen Verletzungen der Freiheit des einzelnen, seines legitimen Strebens nach Glück und Selbsterfüllung, die nicht nur durch die gnadenlosen Zwänge auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt zugefügt werden, sondern auch durch die Urteile im Bildungssektor oder durch die offenen Sanktionen oder heimtückischen Angriffe im Berufsleben. Nun löst man die Widersprüche nicht gleich, wenn man sie bloßlegt. Jene Mechanismen, die das Leben unerträglich, ja unlebbar machen, werden nicht ausgeschaltet, bloß weil man sie bewußtgemacht hat. Doch so skeptisch man auch darüber denken mag, wie wirksam die Botschaft der Soziologie gesellschaftlich ist, völlig wirkungslos kann sie nicht sein, wenn sie Leidenden zumindest die Möglichkeit eröffnet, ihr Leiden gesellschaftlichen Ursachen anzulasten und sich selbst so entlastet zu fühlen. Und was die soziale Welt geknüpft hat, kann sie im Besitz dieses Wissens auch lösen.
 
Natürlich stört die Soziologie. Sie stört, weil sie enthüllt. Darin unterscheidet sie sich in nichts von den anderen Wissenschaften. "Es gibt keine Wissenschaft ohne das Verborgene", sagte Gaston Bachelard. Doch dieses Verborgene ist besonderer Art. Häufig handelt es sich um ein Geheimnis - das man wie manche Familiengeheimnisse gar nicht lüften möchte - oder eher noch um etwas Verdrängtes. Namentlich wenn es Mechanismen oder Praktiken betrifft, die dem demokratischen Credo allzu offen widersprechen - ich denke etwa daran, nach welchen gesellschaftlichen Mechanismen in der Schule ausgewählt wird. Deshalb scheint der Soziologe zu denunzieren, wenn er sich nicht damit begnügt, den äußeren Anschein festzustellen und zu bestätigen, und statt dessen seine wissenschaftliche Arbeit tut und aufdeckt.
 
Wenn sie tiefgehend und konsequent ist, begnügt sich die Soziologie einfach nicht mit bloßer Feststellung, die deterministisch, pessimistisch oder demoralisierend genannt werden darf. Sie kann realistische Mittel anbieten, um den der Gesellschaftsordnung immanenten Tendenzen entgegenzuwirken. Und wer das deterministisch nennt, sollte sich eines in Erinnerung rufen: Das Gesetz der Schwerkraft mußte erst kennen, wer Flugmaschinen baute, die ebendieses Gesetz wirksam überwinden."

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Beklagenswert, dass Pierre Bourdieu bereits verstorben ist. Er hätte sicher auch heute noch einiges beizusteuern und was er vor beinahe 20 Jahren dachte, erkannte, feststellte und äußerte, hat nicht das Geringste an Aktualität und Brisanz, an Dringlichkeit und Gehalt verloren.
 

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