Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Über Arbeit - Erwerbsarbeit, Arbeitsfetisch, Arbeitsideologie und Kapitalismus ...

 
Das grundsätzliche Problem ist unser gängiger Arbeitsbegriff
 
- mit Arbeit assoziieren die meisten Menschen Erwerbstätigkeit und Frust und Stress.
 
Dass Arbeit auch soziales, kreatives, mentales, intellektuelles, emotionales Tätigsein ist, dass auch und gerade Sorge-Arbeit eine weltweit unentbehrliche Arbeit ist, dass etliche Arbeit ehrenamtlich geleistet wird - gerade "zwischenmenschlich" - all das m u s s natürlich außenvorbleiben und überdies diskreditiert, entwertet, mindestens relativiert werden, da es nicht ins neoliberal-kapitalistische System passt, da es diesem zuwiderläuft; und genau diese Erkenntnis (bei einer Mehrheit der Bevölkerung sich einstellend) muss dringend vermieden werden - von all jenen zumindest, die Profiteure des bestehenden Systems sind, siehe Wachstum, Primat der Wirtschaft, Kapitalismus, Gier, Strafe, Druck, Kontrolle, Zwang, Gewalt - und es daher mit allen Mitteln zu erhalten versuchen.

Was Menschen entwertet, ist nicht Erwerbslosigkeit, sondern wie Erwerbslose diffamiert, behandelt, ausgegrenzt werden und es ist die materielle Armut, die sie entwertet sowie die Schwarze Pädagogik und Weisse Folter (Hartz 4), die sie v e r n i c h t e t.
 
Denn es geht global nicht um das Beheben der Armut, sondern um das Ausrotten der Armen - der Menschen, die von Armut betroffen, beschädigt sind.
 
-
17. November 2018
 
Nochmal:
 
Es geht doch nicht um Arbeit - es geht darum, einen Mythos aufrechtzuerhalten, um Menschen mittels Erwerbstätigkeit im Kapitalismus ausbeuten, sie unterwerfen, sie verbrauchen, ausschlachten, verheizen zu können. Um Macht und Kontrolle über sie zu haben und zu behalten.
 
Es geht darum, ihren W e r t und ihre W ü r d e an diesen Mythos zu heften; dabei wird Arbeit gerade absichtsvoll als ausschließlich Erwerbstätigkeit definiert - sämtliche weitere, sinnvolle, notwendige, für das Gemeinwohl tatsächlich unentbehrliche Arbeit bleibt absichtsvoll aussen vor, denn nur mittels der Ausbeutung über Lohnarbeit ist der Kapitalismus aufrechtzuerhalten - somit die Privilegien, der Reichtum, die Macht und Kontrolle einiger Weniger zu Lasten der vielen Armen, Beschädigten - der Ballastexistenzen.
 
Deshalb wird ein "Recht auf Arbeit" proklamiert. Gleich, wie zermürbend, beschädigend, ausbeutend, destruktiv (für Mensch und Umwelt, für das Gemeinwohl) diese "Arbeit", diese Erwerbstätigkeit ist und dass man damit häufig sogar nicht einmal die eigene Existenz sichern kann.
 
Es geht darum, Menschen dahingehend (weiterhin) zu indoktrinieren, damit sie selbst daran glauben (sollen) und damit ihnen die Möglichkeit für Muße, zum Denken, Erkennen und für prosoziales, zwischenmenschliches Verhalten, Tun genommen wird, entzogen werden k a n n, denn sie sind vor lauter Maloche, Existenzsicherungskampf, Abstiegsängsten und Leistungsideologie zu entkräftet und zu verblendet, um noch erkennen und sich solidarisieren zu können, zu wollen.
 
Und genau das soll ja so. Spalten, Zwietracht säen. Divide et impera. Nach wie vor: funktioniert das sehr gut, siehe gerade auch den Rechtspopulismus, rechte Agitation, Demagogie - rollback in usa, Europa - Konservatismus, Autoritarismus, pathologischer Narzissmus.
 
Siehe auch David Graeber über bullshitjobs.
 
-
 
Martin Luther und der Erwerbsarbeitsfetisch, Anfänge der Lohnarbeit, der Ausbeutung, Calvinistische Arbeitsethik und bis heute wirkmächtige Folgen.
 
"[...] Die frischgebackenen Lohnarbeiter nahmen ihr Los nicht einfach hin: Die eigene Arbeitskraft an eine andere Person zu verkaufen und damit deren Profit zu mehren, galt den Menschen damals als unehrenhaft und entwürdigend. Wie sich die Zeiten doch ändern – heute akzeptieren wir die Lohnarbeit als naturgegeben wie den alltäglichen Sonnenaufgang. Viele arbeiteten damals nur solange, bis sie genügend Geld hatten und ließen dann buchstäblich bis zum Monatsende den Hammer fallen. Die Unternehmer reagierten schnell und senkten die Löhne so, dass sie gerade zum Überleben ausreichten. Daraufhin zettelten die Lohnarbeiter Streiks an, betrieben Sabotage oder stibitzten Gegenstände aus den Fabriken, um sie zu verhökern.
 
"Gott will keine faulen Müßiggänger haben, sondern man soll treulich und fleißig arbeiten, ein jeglicher nach seinem Beruf und Amt, so will er den Segen und das Gedeihen dazu geben", behauptete Luther. Während Jesus noch ein glücklicher Arbeitsloser war, wurden Faulheit und Zeitvergeudung spätestens jetzt zur Todsünde – und sind es bis heute. Nur wer arbeitet, hat eine Existenzberechtigung. Was vor der Reformation noch undenkbar war, ist seitdem das Maß aller Dinge, wie Michel Foucault kritisiert: "Man muß einen Beruf haben, einen Status, eine erkennbare Identität, eine ein für allemal fixierte Individualität. Und schließlich muß man einen Meister haben und in eine Hierarchie eingeordnet sein; man existiert nur innerhalb festgelegter Herrschaftsverhältnisse: Bei wem arbeiten Sie? D.h. da Sie nicht Meister sind, müssen Sie Diener sein, egal, unter welchen Bedingungen; es geht ja nicht um die Befriedigung Ihrer Individualität, sondern um die Aufrechterhaltung der Ordnung."
 
Die protestantische Erwerbsethik segnete den neu aufkommenden Arbeitsfetisch und erteilte den Lohnsklaven damit quasi die letzte Ölung. "Seid untertan der Obrigkeit", zitierte Luther die Bibel und verbat sich jeden Protest am profitgierigen Obrigkeitsstaat. Nach und nach füllten sich die Fabriken Europas mit Lohnsklaven und die Straßen mit Vagabunden. War das Betteln während des Mittelalters noch eine völlig legitime Lebensweise, um über die Runden zu kommen, wurden die Arbeitslosen nun in Arbeitshäusern interniert. Edward VI., der erste protestantische König Englands, erließ 1547 folgendes Gesetz: "Wenn jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeurteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie andres bewegliches Gut und Vieh." [...]
 
Im Oikos, der antiken und mittelalterlichen Hausgemeinschaft, arbeiteten Männer und Frauen zusammen – keine Arbeit war "mehr wert" als die andere. Doch mit dem aufkommenden Kapitalismus schuftete Adam außerhalb des Oikos, während Eva ihm ein kuschliges Zuhause bereitete und in die private Häuslichkeit gedrängt wurde. Einzig die Lohnarbeit führt seither zu gesellschaftlicher Anerkennung, während die unbezahlte Hausarbeit bis heute als selbstverständlich hingenommen und weitgehend marginalisiert wird, wie die Feministin Laurie Penny kritisiert: "In Wirklichkeit ist Hausarbeit überhaupt nicht trivial. Ohne die Arbeit, die Frauen umsonst leisten, würde jede westliche Ökonomie innerhalb weniger Tage kollabieren. Der Betrag, der Frauen für ihre unbezahlte Betreuungs- und Hausarbeit zustünde, wäre in den USA sechsmal höher als der nationale Verteidigungsetat, und der ist bekanntermaßen nicht gerade klein." [...]
 
Martin Luther, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin befürworteten nicht nur den Allmenderaub, sondern auch eine Aufhebung des Zinswuchers: Bis zur Reformation waren Zinsen gemäß den biblischen Geboten weitgehend verboten. Luther verwarf diese Gebote und erklärte, dass Zinssätze von vier bis fünf Prozent rechtmäßig seien. Die Könige und Fürsten ließen sich natürlich nicht zweimal bitten, Luthers Auffassung zu folgen, um Profite zu machen. Manch Historiker sieht hier, parallel zum Allmenderaub, die Geburt des Kapitalismus, der sich ja maßgeblich von Krediten und Zinsen nährt. Max Weber betont in seinem Klassiker Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904), "dass unser heutiger Begriff des Berufs religiös fundiert sei" und dass "das Ethos des rationalen bürgerlichen Betriebs und der rationalen Organisation der Arbeit" der Reformation entspringe.
 
Dass vormals freie Flächen und Quellen rund um den Globus eingezäunt sind und ausgebeutet oder niedergebrannt werden, hinterfragt heute kaum jemand. Dass die Lohnarbeit ein historisch recht junges Zwangsgebilde ist, das allein dem Zweck dient, den Profit anderer zu mehren, ist selbstverständlich geworden. Dass Schuldzinsen tausende Menschen und ganze Staaten knechten, wird als Notwendigkeit abgetan. Heute, wo sich viele vom Glauben abwenden, sind der Kapitalismus und die Arbeit zum Gottesersatz geworden und sie weisen alle Merkmale einer Religion auf: unhinterfragte Vergötterung ihres Sinnstifters, Inkaufnahme schmerzhafter Entbehrungen, übersteigerte Symbole und Riten sowie eine rigorose Bestrafung all jener, die partout nicht "glauben" wollen. Wer nicht arbeiten will, muss fühlen. Und wer nicht zahlen will, erst recht. [...]"
 
Quelle: zeit.de - "Martin Luther, der Vater des Arbeitsfetischs"
 
"[...] Warum aber ist es so schwierig, uns von der Vorstellung der zentralen Stellung von Erwerbsarbeit in unserem Leben zu lösen? Die kulturelle Hegemonie der Lohnarbeit – die Verknüpfung von Identität mit unserer Stellung im Erwerbsprozess – herrscht aller Aufklärung zum Trotz ungebrochen fort. Weder feministische noch ökologische Argumente haben bisher viel an der herrschenden sozialen Norm von Vollzeitbeschäftigung in Lohnarbeit ändern können.
 
Dabei ist die moderne kapitalistische Lohnarbeit als lebenslange Vollzeiterwerbstätigkeit nicht vom Himmel gefallen, sie musste sich historisch erst gegen ihre Vorläufer durchsetzen: bäuerliche und handwerkliche Formen der Subsistenzwirtschaft. Zum gewaltsamen Prozess dieser Durchsetzung gehörte nicht nur eine eiserne kapitalistische Fabrikdisziplin, sondern auch eine ganze Reihe von Enteignungen von Land und Produktionsmitteln sowie ein mächtiger staatlicher Apparat der Disziplinierung und Dressur von Menschen, die den Lohnarbeiter als kapitalistische Arbeitskraft überhaupt erst hervorgebracht haben. Als „normale“, das heißt als legitim anerkannte Lebensform ist die kapitalistische Arbeitsgesellschaft erst in der sozialstaatlich eingerahmten Industriegesellschaft entstanden. Dazu gehörte zum einen ein Klassenkompromiss, zum anderen die Institution der patriarchalen Kleinfamilie mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. Erst dann erscheint diese Gesellschafts- und Lebensform nicht mehr einfach nur als Gewalt und Ausbeutung, sondern als legitime politische Ordnung. Und erst dann kann die Arbeit und der Arbeitsplatz so etwas wie eine spezifische soziale „Identität“ des Arbeiters erzeugen. [...]
 
Voraussetzungen sind aber relativ sichere Arbeitsplätze im Industriesektor zum einen sowie die kulturelle Norm von geschlechtsspezifischer Ungleichheit und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung zum anderen. Beide Voraussetzungen sind heute zerfallen: Sowohl die historische Verknüpfung von Arbeiter-Identität und lebenslangem Vollzeitjob als auch die als „normal“ geltende Befreiung des männlichen Arbeiters von Haushalts- und Erziehungsarbeiten lösen sich auf. Diese Krise der Arbeitsgesellschaft dauert bereits seit Jahrzehnten an, hat aber noch nicht zu neuen sozialen Institutionen geführt. Seitdem werden fortschrittliche Alternativen wie radikale Arbeitszeitverkürzung oder ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert. Sie stehen einem immer noch mächtigen Arbeitsgesellschaftskonservatismus gegenüber, der von den meisten großen Parteien sowie von Unternehmer- und Gewerkschaftslager geteilt wird. Das Festhalten am identitätsstiftenden Charakter von Lohnarbeit als zentraler sozialer Grundnorm ist ihr Mantra, auch wenn die Abnahme sicherer sowie einigermaßen existenzsichernder und qualifizierter Jobs nicht mehr zu leugnen ist.
 
Zwar gibt es mittlerweile ein wachsendes Unbehagen an den vielen Formen von ökonomisch unsinniger Scheinbeschäftigung und Mehrarbeit sowie an der chronischen Unterbewertung unbezahlter, zumeist weiblicher Arbeit. Doch die politische Formel, auf die man sich geeinigt hat, scheint weiterhin die herrschende Norm männlicher Lebensverläufe zur Voraussetzung zu nehmen. Die Benachteiligung weiblicher Lebensverläufe wird mit der einfachen Losung beantwortet: mehr weibliche Erwerbsbeteiligung. So werden die Doppel- und Mehrfachbelastungen chronisch, in denen sich Menschen wiederfinden, wenn sie sich nicht nur für Lohnarbeit, sondern auch für unbezahlte familiäre und andere soziale Arbeit zuständig fühlen. Man bürdet sie den Betroffenen als ihr Privatproblem auf und versucht, die Nachteile mit teuren öffentlichen Betreuungseinrichtungen abzumildern. Zugleich zeichnet sich längst ein Projekt der sozialen Spaltung ab: Die Besserverdienenden und Höherqualifizierten lösen ihre Probleme der Haus- und Sorgearbeit, indem sie sie an andere delegieren. Willkommen in der Dienstbotengesellschaft. [...]
 
Die absehbaren Potenziale der Rationalisierung von Arbeit hängen nur dann als Damoklesschwert über der Gesellschaft, wenn wir weiter Angst davor haben, dass insgesamt die Menge gesellschaftlich notwendiger Arbeit zurückgeht. Dieser Angst können wir nur mit einer konkreten Fortschrittsidee begegnen: einem Bild von einer möglichen anderen Gesellschaft, einer Vorstellung von einem guten Leben für alle. Doch die derzeit herrschenden Eliten in Politik, Gewerkschaften, Wirtschaft, Kultur und Medien schrecken vor dieser fortschrittlichen Vision zurück. [...]
Das Zurückschrecken der IG Metall vor dem eigentlich logischen nächsten Schritt, dem Kampf für die 30-Stunden-Woche nämlich, zeigt, wie es heute um fortschrittliche Arbeitszeitpolitik bestellt ist.
 
Zwar lassen sich immer mehr Argumente für eine Reduzierung der Arbeitszeiten finden. Aber die Forderung nach einer generellen Veränderung der herrschenden Tarifnorm, und damit der wichtigsten Vorgabe für die zeitliche Struktur im Alltagsleben der Menschen, findet aktuell keine Mehrheit. Alle segeln jetzt unter der Flagge der Flexibilität – anstatt dass Progressive für eine generelle Änderung der herrschenden Norm einträten. [...]
 
Fortschrittliche Arbeitspolitik zielt auf eine generelle Verkürzung und soziale Umverteilung aller Arbeitszeiten und Arbeitsarten, aller Qualifikationen und Belohnungen ab. Das ist eine klare Vision von sozialer Gerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit. Aus meiner Sicht ist dies der Kern des Narrativs einer zukünftigen Linken, das es ungleich selbstbewusster zu vertreten gälte als bisher. Nur wenn die intellektuellen und politischen Eliten auch sich selbst in solche Überlegungen einbeziehen, und das heißt, wenn sie sich auch für sich selbst ein anderes, vielfältigeres Leben, mit anderen Schwerpunkten und Identifikationen außerhalb von Erwerbsarbeit vorstellen können und wünschen, sind sie in der Lage, glaubwürdig für eine Gesellschaft jenseits des Primats der Lohnarbeit einzutreten. Das beinhaltet dann eben auch den Einsatz für die Teilung von Führungspositionen in Kulturinstitutionen, Medien, Hochschulen, Partei- und Gewerkschaftsapparaten. Die große Masse prekär beschäftigter Wissensarbeiterinnen lebt ohnehin schon lange so – nur bisher eben ohne die nötige materielle und symbolische Anerkennung. [...]
 
Wenn wir der wirtschaftlichen Produktivitätssteigerung einen fortschrittlichen Sinn geben wollen, dann muss sich die Verknüpfung von Identität und Vollzeitlohnarbeit ändern. Es geht dabei nicht um ein abstrakt vorgestelltes, sondern von vielen bereits konkret erfahrenes Bild eines vielfältigen Lebens. Darin sind wir zugleich in Erwerbsarbeit, in Haus- und Familienarbeit, im politischen Gemeinwesen und in der Kultur tätig. Damit verbindet sich die Vision eines besseren Lebens, aber auch einer gestärkten Demokratie: Wenn das durch die freie Zeit verwandelte Subjekt in den wirtschaftlichen Prozess zurückkehrt, dann kann es dort ungleich souveräner auftreten und ihn demokratisch umgestalten."
 
Quelle: freitag.de - "Arbeit: Das Salz des Lebens"
 
"[...] Der einzelne Mensch wird in der Gesellschaft und Wirtschaft vorwiegend als unpersönliches Einzelteilchen wahrgenommen statt als individuelle Persönlichkeit. Gleichgültig ob im Unternehmen oder in der Konsumwelt, er ist zu einer abstrakten Größe geworden, die sich in Zahlen ausdrücken lässt und somit berechnet werden kann. Ein gutes Beispiel ist der typische Bürokrat. Für ihn existieren die Mitmenschen, über deren Schicksal er möglicherweise entscheidet, vor allem als Objekte und Zahlen auf dem Papier. Dies ermöglicht ihm, ohne Anteilnahme oder zwischenmenschliche Gefühle wie Sympathie oder Antipathie Entscheidungen über sie zu fällen. Ebenso geht es dem Großunternehmer, der mit nur einer Unterschrift 100 Menschen entlassen kann, ohne diese je kennen gelernt zu haben und von ihren Lebensumständen zu wissen. Nur ob sie die Anforderungen erfüllen oder nicht, ist entscheidend.
 
Eine maßgebliche Ursache für das Absehen vom konkreten einzelnen Menschen ist das Streben nach größtmöglicher Effizienz, das für den Kapitalismus charakteristisch ist. Nicht zuletzt durch die steigende ökonomische Macht von Großkonzernen und das damit verbundene Verschwinden kleiner Betriebe wird der Einzelne vorwiegend nach seinem „Marktwert“ beurteilt und kann wie die kaputte Schraube einer Maschine beliebig ausgetauscht werden.
 
Eine weitere Auswirkung der auf Produktionssteigerung und Profit ausgerichteten ökonomischen Verhältnisse ist eine sich immer mehr verzweigende Arbeitsteilung, die dem Einzelnen den Bezug zu seiner Arbeit nimmt. Im humanistischen Sinne dient die Arbeit der Menschwerdung des Einzelnen. Indem er die Natur beherrscht und gestaltet, kann er einen Weg finden, sich mit ihr zu vereinigen und durch diesen fortwährenden Entwicklungsprozess zu mehr Individualität zu gelangen. Die meisten Menschen der Industriegesellschaften arbeiten jedoch nur zur Gewährleistung eines geregelten Einkommens. Da sie nur einen Teil irgendeines Ganzen produzieren, verlieren sie die Verbundenheit mit ihrem Tun und den Bezug zum eigenen Selbst. Arbeit kann in diesem Sinne nicht als sinnvolle Tätigkeit angesehen werden, da sie keine Entwicklungsmöglichkeiten in sich birgt. [...]"

Quelle: Wikipedia - "Erich Fromm"
 
Es ist unfasslich, wie dieser Mensch (Detlef Scheele) die Tatsachen auf den Kopf stellt - wie er Ursache und Wirkung "verwechselt", verdreht, wie er heuchelt und die Fakten ignoriert: Dass es keine Förderung von Menschen gibt, insbesondere nicht von Langzeitarbeitslosen - angemessene Förderung, nicht das Pressen in sinnlose Maßnahmen, nicht der Zwang zu Niedrigohnjobs etc..

Statt Hartz 4-Regelbedarfe kleinzuhalten und damit materielle Armut zu verursachen und zu zementieren, müsste der Mindestlohn angemessen erhöht und stets angeglichen werden - und in Folge die Regelbedarfe erhöht.

Grundsätzlich: sind völlig andere Arbeitsstrukturen und -formen erforderlich und das nicht nur in Nischenbereichen, sondern weitflächig.

Und wer seinen Selbstwert, seine Identität ausschließlich oder überwiegend über seine Erwerbstätigkeit und/oder sein Vermögen definiert, daraus bezieht - nicht also über deren Inhalt, Sinnhaftigkeit, nicht über seinen Charakter, seine Persönlichkeit, seine Integrität, sondern nur darüber, dass er erwerbstätig ist und/oder ein hohes Einkommen erzielt, vermögend ist - der ist unzweifelhaft krank, beschädigt, der hat massive Kompensationsbedürfnisse; ein solcher Mensch braucht Zwänge und auferlegte Regeln von außen, weil er sie sich nicht selbst geben kann, weil er es von klein auf nicht gelernt, erlebt, erfahren hat, dass und wie das möglich und eigentlich natürlich ist (siehe intrinsische Moral, die auf angeborenem Mitgefühl basiert).

Ein solcher Mensch projiziert seine ureigenen, persönlichen Defizite (soziale, psychisch-emotionale, charakterliche, aber auch intellektuelle) auf andere Menschen. Mit bekannten Folgen.

D a s ist wahre Armut.
 
-
 
Ehrenamt, Freiwilligendienste und Ausbeutung, Prekarisierung durch das Hofieren der Reichen und das Schröpfen, Verheizen der Armen - und das auch noch durch manipulatives Moralisieren ..., hier noch mal wunderbar dargelegt (kenne das Buch nicht, die Rezension ist aber für sich schon erfreulich aussagekräftig):
 
"[...] Besonders ärgert es Claudia Pinl, dass angesichts zahlreicher Probleme in unserer Gesellschaft immer nur eine Seite der Medaille beleuchtet wird. So werde etwa über die Ebbe in den öffentlichen Kassen geklagt und das durch Engagement zu generierende „soziale Kapital“ beschworen, um die Versorgungslücken zu füllen, nicht aber darauf hingewiesen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich beständig wächst. Und arm seien nicht nur die armen Teile der Bevölkerung (rund ein Fünftel), sondern auch der Staat, der sich – durch Steuer-„Reformen“ zugunsten von Unternehmen und Reichen – in den letzten zwanzig Jahren erfolgreich selber die Grundlagen für die Finanzierung von Sozialem, Kultur und Bildung beschnitten habe. Und nun sollten wir Bürgerinnen und Bürger es richten. [...]
 
Nach Ansicht der Autorin soll durch vermehrtes praktisches Engagement, sprich: Gratisarbeit in Schulen, Kitas und Büchereien, in Krankenhäusern, auf Spielplätzen, an Museumskassen, bei der Grünpflege und in Schwimmbädern, der Mangel an Pflegekräften, Erzieherinnen und kommunalen Bediensteten kompensiert werden. Nicht so gern rede man darüber, dass ein Großteil der eingeforderten und geleisteten Gratisarbeit den vielen gering qualifizierten Langzeitarbeitslosen auch noch die letzten Reste an Beschäftigungsmöglichkeiten in einfachen Tätigkeiten wegnimmt.
„Bürgersinn und Bürgerengagement als Lösung aller gesellschaftlichen Probleme, oder wenigstens vieler?“ Vor dem Hintergrund dieser Frage beleuchtet Claudia Pinl in ihrem Buch „Freiwillig zu Diensten?“ nicht nur „Aspekte der real existierenden ‚Bürgergesellschaft‘“, sondern beschäftigt sich auch mit den Interessen derjenigen, die sie propagieren.
Unmissverständlich weist sie darauf hin, dass es ihr dabei nicht darum geht, das Potential, das in ehrenamtlicher Betätigung liegt, zu leugnen oder die positiven Seiten selbstlosen Engagements herabzusetzen. Ihr Anliegen sei vielmehr, „die ständigen Appelle an unsere Hilfsbereitschaft und Verantwortung in Beziehung zu setzen zum Abbau sozialer Sicherheit, zur Privatisierung und Kommerzialisierung von Pflege und Gesundheit, zur finanziellen Austrocknung der Kommunen, zur Unterfinanzierung von Kultur und Bildung, zur Vermögenskonzentration und zu wachsender Armut, kurz: zur Umgestaltung von Staat und Gesellschaft zugunsten weniger, auf Kosten vieler“ [...]
 
Ohne die rund 23 Millionen Menschen, die sich in Deutschland ehrenamtlich, ohne Erwerbsabsicht, für andere einsetzen, wäre unsere Gesellschaft, so die Autorin, „nicht nur ein Ort großer sozialer Kälte“ – viele uns selbstverständlich erscheinende Einrichtungen und Dienstleistungen gäbe es nicht.
 
Nach der Darstellung verschiedener Beispiele ehrenamtlicher Arbeit („Kommune, Schule, Krankenhaus – wie Ehrenamtliche den Betrieb in Gang halten“) und deren Auswirkung auf den Arbeitsprozess beleuchtet Claudia Pinl auch „Die Goodwill-Industrie“ – ein Kranz unterschiedlichster Institutionen und Anbieter – die damit beschäftigt ist, die Philosophie des Helfens zu fördern, Freiwilligkeit und „Bürgersinn“ zu fordern, „Zivilgesellschaft“ und Spendenfreude anzuregen, zu vermitteln, zu begleiten, zu beforschen, zu propagieren und zu subventionieren. Demnach ist mittlerweile ein ganzer Wirtschaftszweig damit beschäftigt, den Engagementwillen der Bürgerinnen und Bürger zu wecken und ihn in entsprechende Freiwilligentätigkeit zu überführen. [...]
 
Dass der Staat nicht mehr „alles“ richten kann, sondern wir Bürgerinnen und Bürger selbst „Hand anlegen“ müssen, ist für Claudia Pinl zur scheinbaren Selbstverständlichkeit geworden, nicht zuletzt dank einer „neoliberalen Dauerberieselung in Medien, Öffentlichkeit und Politik“, wie sie im Kapitel „Meinungsmache“ ausführt. Zugleich gelte es der „Goodwill-Industrie“ darum „Abwehrfronten aufzubauen“ gegen drohende Steuererhöhungen und Subventionsabbau, gegen Gerechtigkeitsforderungen und „Gerechtigkeitsansprüche, die einmal nicht nur ‚Chancengerechtigkeit‘ meinen, sondern auch Verteilungsgerechtigkeit einfordern“ [...]
 
In diesem Zusammenhang thematisiert sie auch die angebliche „Arbeitsmarktneutralität“ ehrenamtlicher Tätigkeiten, ebenso wie die Rolle der „Bufdis“ (Bundesfreiwilligendienst-Leistende) und der „FSJler“ (Freiwilliges Soziales Jahr). Viele Tätigkeiten in den Freiwilligendiensten ebenso wie vieles andere, was unter ehrenamtlicher Tätigkeit mit Aufwandsentschädigung läuft, seien „de facto Jobs im Niedrigstlohnsektor“. Überwiegend würden sie verrichtet in Bereichen, die durch hohe Belastung, extremen Personalmangel und strukturelle Unterfinanzierung gekennzeichnet sind und in denen Gehälter ohne hin schmal ausfallen. So trägt auch der seit 2011 bestehende Bundesfreiwilligendienst (BFD) nach Ansicht von Claudia Pinl dazu bei, „die Grenzen zwischen ‚monetarisiertem Ehrenamt‘ und dem wachsenden Sektor prekärer Beschäftigung weiter zu verwischen“ [...]
 
Von dem zersplitterten, völlig intransparenten Arbeitsmarkt mit Bufdis, FSJlern, Teilzeitkräften, Leiharbeitern, 450-Euro-Jobber unterhalb der Versicherungspflichtgrenze, Honorarkräfte, Praktikanten, Menschen mit „Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung“ (sogenannte Ein-Euro-Jobs), Ehrenamtliche mit und ohne „Aufwandsentschädigung“ würden alle profitieren, die traditionellen Träger von Einrichtungen und die neuen privaten Betreiber von Kliniken, wie Fresenius, Asklepios, Helios oder Rhönklinikum, nur nicht die dort Beschäftigten.
 
Bezugnehmend auf den aktuellen „Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung weist die Autorin im Kapitel „Miese und Millionen – Armut, Reichtum, Engagement“ darauf hin, dass die Deutschen immer reicher werden. Allerdings würden nicht alle in Deutschland lebenden Menschen reicher. Denn synchron mit der wunderbaren Geldvermehrung bei wenigen wachse die Zahl der Armen und von Armut Bedrohten. So verfügten nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zehn Prozent der Bevölkerung über zwei Drittel der Vermögenswerte. Gleichzeitig wachse parallel zum privaten Reichtum der Schuldenstand der öffentlichen Haushalte. „Sollte da etwa ein Zusammenhang mit der langjährigen Politik der Steuersenkungen bestehen?“ (S. 124). „Die Steuergesetzgebung der vergangenen Jahrzehnte hat die Reichen reicher gemacht, die Mittelschicht ausgedünnt und den Staat arm“ (S. 125). Dabei könnte man, so Claudia Pinl, die öffentliche Haushalte auf einen Schlag sanieren, wenn man nur ein Fünftel des Privatvermögens in Form eines „Lastenausgleichs“ einzöge. Wenn sich der Staat weiter arm spare, statt zum Wohle aller den Reichtum einiger höher zu besteuern, werde jedenfalls die Nachfrage nach Freiwilligen und Ehrenamtlichen weiter steigen, denn Bildungsetats sowie Kultur- und Sozialhaushalte würden weiter knapp gehalten, und ihre hauptamtliche Personaldecke dünn. [...]
 
Weil der Staat die sozialen Netze kappe, die früher Armen, Alleinerziehenden, Arbeitslosen oder Kranken ein Leben in Würde ermöglichten, wachse im reichen Deutschland die Armut, und es entstünden weitere Betätigungsfelder für Freiwillige: Lebensmittel-Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser. Mit kritischem Blick betrachtet Claudia Pinl hierbei beispielhaft die „Tafeln“ als das bekannteste „Geschäftsmodell der neuen Armutsökonomie“, weil sie ihres Erachtens dazu beitragen, „Armut als Normalzustand zu etablieren“, nach dem Motto: „Ungerechte Gesellschaft? Wieso, hier muss doch niemand hungern!“ (S. 133). Hier mischten nicht nur Rewe, Edeka, Lidl und Daimler-Benz – das Mercedes-Lieferwagen stellt – mit, sondern auch viele andere, die auf diese Weise gleichzeitig Steuern sparen und das Firmenimage aufpolieren. [...]
 
Warum etwas kritisieren, das anscheinend funktioniert. Zumal Ehrenamt einen guten Ruf hat, einen sehr guten Ruf. Von daher fragt die Autorin selbstkritisch, ob man diesen schädigen darf? Oder ob das Rufmord sei? Darf man gegen das scheinbar Allerheiligste zu Felde ziehen, was diese Gesellschaft an werten zu bieten hat, gegen die Hilfsbereitschaft, die Politik der ausgestreckten Hand? Ihre klare Antwort: „Ja, darf man. Wenn Staat und Gesellschaft dulden, dass einige wenige sich auf Kosten vieler bereichern, dass öffentliche Infrastruktur und kulturelle Errungenschaften den Bach hinuntergehen, weil Multimillionäre den Hals nicht voll kriegen, wenn die politische Ebene sich von der Verantwortung verabschiedet, das gemeinsam Erwirtschaftete möglichst allen in der Gesellschaft zugutekommen zu lassen. Dann darf man, ja muss man davor warnen, dass gutgläubige, hilfsbereite Menschen für die Folgen politischer Fehlsteuerung den Ausputzer machen“ (S. 143).
 
Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Umfeld, in dem man lebt, schaffe Zufriedenheit; anderen zu helfen, mache froh und bereichere. Engagement sei eine Ressource, ohne die es keine Demokratie gäbe. Aber diese Ressource sei in Gefahr, weil sie als Lückenbüßerin für eine verfehlte Politik missbraucht wird. Wörtlich schreibt sie hierzu: „Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe dienen heute als Kitt einer auf Egoismus und sozialer Kälte basierenden ‚Leistungsgesellschaft‘“ (S. 144).
Eine rund ums „bürgerschaftliche Engagement“ entstandene Bewusstseinsindustrie wolle uns außerdem weismachen, es gehe um Partizipation, um Mitbestimmung, um den „mündigen Bürger“. Eine „Aktive Bürgergesellschaft“ aber kann nach Ansicht von Claudia Pinl heute nur heißen, „sich aktiv einzusetzen für eine andere Politik, die den Reichtum in Deutschland umverteilt und die Almosengesellschaft verabschiedet“ (S. 144). [...]"
 
Quelle: socialnet.de - "Claudia Pinl: Freiwillig zu Diensten"
 
Zum oben verlinkten Artikel der Hans Böckler-Stiftung übers homeoffice:

Selbst sechs "Partnermonate" sind ein Witz.
Familienarbeitszeit - ja, vor allem aber die unentbehrliche, unersetzliche Sorge-Arbeit als Arbeit gesellschaftlich, politisch anerkennen und mittels Sorge-Gehalt existenzsichernd monetär honorieren. Dann machen es/sie auch mehr Männer. ;)
 
Für Menschen, die aus gesundheitlichen und/oder auch finanziellen Gründen nicht mobil sein können, ist homeoffice die einzige "Chance" für/auf kapitalistisch ausbeutbare Erwerbstätigkeit. Wer dies(e) nicht (mehr) will, muss das System ändern, nicht (nur) die Erwerbstätigkeitsform.
 
 
An wen richtet sich dieser "Artikel" (ze.tt - "Wer diese Frage nicht mit Ja beantworten kann, sollte kündigen")? Zwölfjährige? - Man muss es leider so annehmen, nicht nur aufgrund des Schreibstils, mehr noch aufgrund des "Inhalts".
 
Klar: einfach mal eben kündigen - ganz radikal! Für die "Selber-Geilheit". - Und dann? Welche Alternative bietet sich wem genau? Klar, wer privilegiert ist, aus eben solchen Verhältnissen stammt, findet durch Kontakte/Beziehungen sicher etwas Neues, "Besseres" - den idealen Job: bei dem man so viel verdient, dass es über bloße Existenzsicherung hinausgeht und der dabei zusätzlich eine tolle Arbeitsatmosphäre bietet (nette Kollegen, angenehmes Arbeitsumfeld, Wohlfühlarbeitsplatz), der überdies Identifikationsmöglichkeiten bietet, Sinn stiftet/als sinnvoll erlebt wird, ein Job, der nicht nur Beruf, sondern Berufung und der außerdem sicher (nicht "prekär") ist. - Wieviel Prozent der (deutschen) Erwerbstätigen hat solchen Luxus? Das würde mich tatsächlich sehr interessieren:
 
Wieviele Menschen in Deutschland können gut von ihrem Lohn bzw. Gehalt bzw. Honorar leben, sind mit ihrer Tätigkeit, ihrem beruflichen Tun zufrieden, stehen auch moralisch dahinter, inklusive Sinnfindung, Identifikation, gehen (überwiegend) gerne zur Arbeit und das über Jahre?
Ja: Das sind nach wie vor die Privilegierten. Und was also ist mit all den anderen? Was sollen die mit solchen "Artikeln" anfangen - sich noch beschissener fühlen?!
 
Nein, klar: Jeder ist seines Glückes Schmid. Absolut. Es hat nur minimal, wenn überhaupt, mit gesellschaftlichen, politischen Verhältnissen, Entscheidungen, Gesetzen zu tun, siehe Agenda 2010, Leiharbeit, Niedriglöhne, Neoliberalismus und dessen Opfer, dessen: verheiztes Menschenmaterial, dessen menschenvernichtende Ideologie.

Eine naive Frage:
 
Müssten nicht gerade all jene Jobs überdurchschnittlich gut bezahlt werden, die eben solche sind, die keiner so wirklich gerne, aus Überzeugung, mit Freude (jahrelang!) macht bzw. machen muss?
 
Müsste es nicht also einen Bonus für all jene geben, der für die Schmerzen - siehe "Schmerzensgeld" im Artikel - solch zermürbender Tätigkeiten, Arbeitsbedingungen, Lebensbedingungen wenigstens einigermaßen monetär sowie durch mehr Urlaub, Freizeit, Muße, Regenerationsmöglichkeit, Zeit (für sich selbst, Freunde, Familie...) entschädigt?
 
Solche schlechten, zermürbenden, zehrenden, häufig auch gesundheitsschädigenden Arbeiten und Arbeitsbedingungen finden wir im sozialen Bereich, im Dienstleistungsbereich, in der Industrie, im Handwerk - o h n e angemessenen Ausgleich, o h n e angemessene Bezahlung, Freizeit, Entschädigung.

Wer kann sich heute angesichts Niedriglohn, Hartz 4 etc. noch leisten, seinen Job als sinnerfüllend, als auch nur erträglich erleben zu wollen oder gar: ihn zu kündigen? Die neoliberale Rechnung ist folglich voll aufgegangen.
 
Es sollte durchaus viel mehr darum gehen, dass Menschen eben solche Tätigkeiten beruflich ausführen können/dürfen, die ihnen je persönlich/individuell gemäß sind, die ihren persönlichen Fähigkeiten, Interessen, Neigungen entsprechen, die ihre Stärken einsetzen, zum Ausdruck bringen und ihre Schwächen angemessen (!) berücksichtigen.
Es sollte so sein bzw. werden, dass Menschen ihren Job bzw. Beruf mit Freude und überzeugt tun und von der Bezahlung/Entlohnung wirklich leben können (nicht nur vegetieren müssen - siehe auch gesellschaftliche, soziokulturelle Teilhabe, siehe auch ausreichend Regeneration, Freizeit, Muße ...).
 
Dafür müsste gekämpft werden, d.h. dafür müsste "Politik", Regierungspolitik, sich einsetzen, denn Menschen sind eben dann bzw. genau dort tatsächlich am leistungsfähigsten, engagiertesten und verantwortungsvollsten, wo sie wie oben beschrieben arbeiten und leben können: sinnerfüllt, mit Freude, Überzeugung, ohne als bloßes Menschenmaterial verbraucht, zermürbt, verheizt zu werden.
 
Arbeit muss und sollte nicht als lästige, unumgängliche Pflicht oder gar Last, Belastung erlebt, erlitten, ertragen werden.
 
Und ganz wichtig ein weiteres Mal:
Gerade Sorge-Arbeit, gerade die häusliche, die sogenannte "Reproduktionsarbeit", müsste längst gesellschaftlich als Arbeit, als unentbehrliche Leistung, die sie de facto ist, angesehen und entsprechend angemessen, d.h. existenzsichernd monetär honoriert werden. Möglich wäre das, politisch gewollt ist es aus Gründen nicht.
 
-
 
 
Abhilfe: Arbeitsbegriff differenter, d.h. angemessen, reifer bestimmen, d.h. erfassen, was alles auf welche Weise in welcher Form - für jede Gesellschaft - unentbehrliche Arbeit (auch Leistung) ist und: was weshalb in welcher Form durchaus wieder bzw. grundsätzlich entbehrlich wäre bzw. nachweislich schädigend (für das Gesamtgefüge) ist - mit welchen zu ziehenden Konsequenzen (sowohl politisch, auf gesellschaftlicher Ebene wie auch je persönlich/"privat").
 
Außerdem: Arbeitskultur tatsächlich schaffen bzw. zu lassen - und damit Wertschätzung für Wertschöpfung zulassen, ermöglichen, statt genau dies zunichte zu machen und das überdies systematisch. Aus bekannten Gründen.
 
Es gäbe Alterntiven - es g i b t realistische, realisierbare, teilweise bereits realisierte, funktionierende Konzepte hierfür, sie auch im größeren, weitläufigeren nationalen wie transnationalen, letztlich zwangsläufig globalen Rahmen umsetzen, anwenden zu können, erfordert entsprechendes Erkennen (-können und -wollen) beim je Einzelnen (hierfür ist bekannterweise entsprechend angemessene Information, Bildung, Wissen, "Aufklärung" erforderlich) global beim je Einzelnen sowie dementsprechenden politischen Willen und entsprechend einhergehende Tatkraft.
Dies kann nur jenseits bisher bestehender, beherrschender neoliberal-kapitalistischer Strukturen (Macht-, Ungleichgewichts-, Ausbeutungsverhältnisse) verwirklichbar werden.
 
Siehe bedürfnisorientierte Gemeinwohlökonomie, Wirtschaft der Fürsorge, angemessenes gesellschaftliches Wertschätzen und Honorieren jeglicher Sorge-Arbeit, siehe Gleichwürdigkeit, Kooperation.
 
Siehe all jene Leistungen, die geistiger und/oder sozialer oder auch emotionaler Art sind und nicht grundsätzlich, zur Gänze oder überhaupt gemessen/erfasst und in bare Münze übersetzt werden können (auch in dieser Weise nicht sollten), die dennoch unverzichtbar, unentbehrlich sind und entsprechend als Arbeit, als Leistung, als Bereicherung, Wertschöpfung anerkannt, wertgeschätzt werden, d.h. entsprechend politisch und gesellschaftlich behandelt werden müss(t)en.

-
 

Diesen Post teilen

Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post

Karolin 09/10/2017 20:02

Da hast du ja mega viel gesammelt hier, wow!

Sabeth 09/11/2017 11:21

Hallo Karolin, ja, ich versuche, nach Möglichkeit immer umfassendes (Informations-) Material zu "liefern", anhand (unter anderem auch) dessen die/der Lesende sich selbst informieren und (s)ein eigenes Urteil bilden kann und ziehe Quellen außerdem auch als Belege für meine eigenen Aussagen heran.