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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Freitod - Nachgesetztes

 
Freitod – Nachgesetztes
 
Anmerkungen zu meinem ursprünglichen Freitod-Text.
 
Um eine irrige Annahme auszuräumen, sei Folgendes nachgesetzt bemerkt:
 
Niemandem fällt es leicht, sein eigenes Leben selbst, d.h. absichtlich, bewusst zu beenden.
Niemand nimmt sich aus einer Laune oder einzelnen, vorübergehenden Missstimmung, einer Verdrießlichkeit heraus das Leben. Niemand.
 
Der Suizident ist sich viel mehr sehr deutlich darüber im Klaren, dass mit seinem Tod die ganze Welt untergeht, endet: seine Welt. Für ihn, mit ihm, durch ihn - selbst.
 
Alles ist dann für immer zu Ende.
Alles, das er je war, das er ist, vielleicht hätte sein oder "noch werden" wollen, vielleicht auch können.
Alles, womit und wodurch er gelebt, existiert hat.
Alles, wofür er sich eingesetzt, angestrengt, worum er sich je bemüht, wohinein er investiert, womit, wofür, wogegen er gekämpft und woran sein Herz gehangen hat.
Also auch alles, worunter er – massiv, untragbar (unerträglich) und: unveränderbar – gelitten hat.
 
Er nimmt sich selbst seine Welt, sein ganzes Sein: bewusst, absichtlich.
 
Somit auch seine Vergangenheit und seine Zukunft – etwaige Chancen, Möglichkeiten, Perspektiven, die es für ihn jedoch nicht mehr gibt, die ihm nicht erreichbar, realisierbar erscheinen oder auch, die er nicht mehr für wert hält. - Und um ihn, um seine Werte, Prägungen, seine Leiden, Schmerzen, Nöte … geht es! – In dieser, seiner, absolut finalen Situation.
 
Er gibt alles auf. Er lässt alles los.
 
Und das fällt ihm keinesfalls leicht.
Denn dieses Loslassen bezieht sich nicht lediglich auf sein Leid(en), seine Not, seine Qual, sondern es bedeutet auch, dass er an nichts mehr hängen darf.
 
Um sein Sein beenden zu können, muss er notwendig allem, das ihm auch nur noch im geringsten wichtig ist (bzw. war), das ihm am Herzen lag, für ihn Bedeutung hatte …, vollständig entsagen.
 
Dies kann ihm auch insofern zur Last und zum Hemmnis seines Vorhabens werden, als auch und gerade moralische Gründe ihn möglicherweise zurückhalten – er muss also den Mut (!) und die Selbst-Überwindung aufbringen, all das loszulassen, zurückzulassen, demgegenüber er sich verpflichtet, verantwortlich fühlt(e).
 
Denn nur dann, wenn er uneingeschränkt alles loslassen kann, nur und erst dann ist er überhaupt in der Lage, sein Leben tatsächlich zu beenden!
 
Anderenfalls: kann er es nicht - wird er es nicht tun, ihn nicht ausführen, nicht vollziehen – den Suizid.
 
Er muss alles loslassen können, d.h. also: wollen, um seine Welt bewusst, absichtlich auslöschen, sie, d.h. sich selbst vernichten zu können.
 
Bis dahin ist es zumeist ein relativ langer, sehr schmerzvoller Weg, ein Prozess, welcher sich nicht selten über Jahre erstreckt.  
 
Der Suizidale wird zunächst einige Zeit lang immer wieder versuchen, durchzuhalten, zu kämpfen, weiterzumachen – Wege zu finden, seine Situation selbständig zu verändern, möglichst zu verbessern. Er wird sich "zusammennehmen", bemühen, überwinden, seine Qualen ertragen.
Immer wieder.
 
Wenn sich dann aber, trotz all dieser für ihn schließlich übermenschlichen Anstrengungen, dieser zahlreichen vergeblichen Bemühungen, dieser permanenten Selbstüberwindung, nicht deutlich etwas nach seinen Maßstäben, Werten, Zielen, Wünschen und Hoffnungen verlässlich und realistisch absehbar verändert, verbessert, so kann und wird er letztendlich keine Perspektive/"Hoffnung" mehr auf Veränderung haben – dann: wächst seine Verzweiflung, seine Not, sein Lebens"überdruss" ins Unermessliche – ins Unerträgliche.
 
Er verliert dann jeglichen Halt. Er hat nicht mehr die Kraft, sein Leben, seine Existenz – sich selbst mit all den Lasten … - zu tragen, am/im Leben zu halten.
 
Kommt ihm spätestens jetzt, in dieser Situation, nun auch, d.h. noch immer kein Halt von außen zu, so wird er seine Existenz aufgeben, beenden, auslöschen wollen – dies: nur noch können. Es bleibt ihm in diesem "Stadium" keine "Alternative" mehr.
 
Er hat keine Perspektive, keine Hoffnung, keinen Halt, keinen Grund mehr – keine Veränderungsmöglichkeit(en), keine Bewältigungsenergie. Er ist vollständig leer – entleert.
 
"Halt" bedeutet allerdings gerade nicht: lediglich oder überhaupt psychiatrische Behandlung (mit oder ohne Psychopharmaka) oder Psychotherapie.
 
Was der Suizidale lebensnotwendig (!) benötigt, ist eine Perspektive, eine Möglichkeit, einen für ihn/ihm gangbaren Weg, d.h. einen Weg, den er selbst gehen möchte, den er (!) für sich selbst für richtig, passend hält und den zu gehen er sich selbst auch zutraut.
 
Er braucht tatsächlich unbedingt umgehende (!) und dauerhafte Veränderung seiner Lebensumstände, Lebensverhältnisse.
 
Und zumindest braucht er zuvorderst Entlastung – Erleichterung, Ruhe, Auszeit. Jedoch nicht in Form eines Psychiatrieaufenthaltes, sondern vermittels menschlicher Nähe, Wärme, Zuwendung, Fürsorge, Verständnis, Akzeptanz, Anerkennung und Respekt – durch: Beziehung.
Halt, Gehaltenwerden, Gehaltensein.
Wie ein Kind. – Ähnlich verhält es sich bspw. auch mit traumatisierten oder trauernden Menschen.
 
Bedauerlicherweise wird genau dies dem Suizidalen jedoch häufig gerade nicht zuteil und ist ihm alleine in dieser seiner "Situation" … zu bewerkstelligen, zu erlangen noch weniger möglich – aus naheliegenden Gründen.
 
Vieles hängt hierbei von äußeren Faktoren, Bedingungen, Umständen ab, einiges natürlich auch von seiner je individuellen Prägung, Sozialisation, von seinen Glaubenssätzen, Überzeugungen, Prinzipien, Werten – von also auch seinem Anspruch an sich selbst!
Welchem gerecht werden zu können er nicht – mehr – für möglich oder auch nicht mehr für erstrebenswert, sinnvoll, angebracht hält – für sich selbst und/oder die ihn umgebende Welt.
 
Durch (ausschließlich oder vorrangig) psychotherapeutische oder psychiatrische Therapie (mit oder ohne Medikation) lässt sich jedoch nun einmal nicht, insbesondere nicht dauerhaft/beständig, erreichen, dass sich diese seine über Jahre und ggf. Jahrzehnte gewachsenen inneren Überzeugungen, Haltungen, Prägungen, also auch Gefühle, noch weniger: seine "äußeren" Lebensverhältnisse verändern (lassen).
 
Am wenigsten jedoch: sein Wesen, sein "Naturell", seine "Grundstruktur", seine Persönlichkeit.
 
Oder aber dies nur mit der Nebenwirkung einer (drastischen) Persönlichkeits- bzw. Wesensveränderung … - hinsichtlich dessen allerdings die Frage berechtigt ist, ob und auf Basis welcher Legitimation und wessen Interessen (in wessen Interesse …) eine solche als akzeptabel, als hinnehmbar erscheinen könnte oder ob eine solche nicht viel eher völlig indiskutabel ist, dies aus ethischen Gründen sogar sein muss.
 
Mit anderen Worten:
 
Wenn der Suizidale nicht mehr "er selbst sein darf" – und zu seinem Selbst (-Sein) gehören folglich auch seine unterschiedlichen Gedanken, Gefühlsfacetten, insbesondere aber die "Grundbeschaffenheit" seiner Wesensart, seines "Temperaments", Naturells, seine Veranlagung, seine individuelle Färbungsondern "ein Anderer werden" soll, gar muss - um in der Welt, wie sie ihm begegnet, wie/als welche er sie vorfindet, bestehen zu können, einen Platz haben zu dürfen/finden zu können – so ist ihm genau dies wiederum gerade ja nicht möglich – oder wäre es nur zu einem "eigentlich" nicht/von niemandem zu verlangenden und tatsächlich auch nicht zahlbaren Preis; denn letztlich und langfristig kann er dauerhaft kein Anderer werden bzw. sein als er nun einmal ist.
 
Findet er nun aber eine solche "Seins-Nische" nicht, die ihm ermöglicht er selbst sein zu können, zu dürfen, ohne dadurch erheblichen Schaden zu nehmen, so ist die einzige Möglichkeit einer Veränderung seiner (ausweglosen) Lage - die einzige, die er noch sieht, die es für ihn de facto noch gibt - eben jene, sein Leben ganz, vollständig, total zu beenden – selbst also nicht mehr zu sein.
 
Es gibt für ihn schlicht "dann" … keine andere Option mehr.
 
Am wenigsten hilfreich sind ihm übrigens Vorwürfe, Belehrungen, Tadel, Schuldzuweisungen, Ratschläge, Vorträge, vermeintliche Analysen und Interpretationen (seiner Situation, seines Verhaltens, seiner Persönlichkeit, seiner Gedanken, Gefühle …) etc. – diese verschlimmern im Gegenteil seine akute Not, Verzweiflung und Haltlosigkeit noch zusätzlich, ja potenzieren sie häufig sogar und geben nicht selten den letzten kleinen Anstoß zum schließlichen "Tatvollzug".
 
Denn es sind oft sogenannte Kleinigkeiten, als Banalität erscheinende Vorkommnisse, die – nach diesem langen Vorlauf … ! – dann den letzten Impuls zum Vollzug des Suizids geben, die das Fass zum Überlaufen bringen – die einfach seine (des Suizidalen) Grenze, seine letzte noch übrige Kapazität des Aushaltbaren endgültig, vollständig sprengen.
 
Niemand: nimmt sich leichtfertig, unbedacht selbst sein Leben.
 
-
 
 
Das Lied des Selbstmörders
 
Also noch einen Augenblick.
Daß sie mir immer wieder den Strick
zerschneiden.
Neulich war ich so gut bereit
und es war schon ein wenig Ewigkeit
in meinen Eingeweiden.

Halten sie mir den Löffel her,
diesen Löffel Leben.
Nein ich will und ich will nicht mehr,
laßt mich mich übergeben.
Ich weiß das Leben ist gar und gut
und die Welt ist ein voller Topf,
aber mir geht es nicht ins Blut,
mir steigt es nur zu Kopf.

Andere nährt es, mich macht es krank;
begreift, daß man's verschmäht.
Mindestens ein Jahrtausend lang
brauch ich jetzt Diät.
 
Rainer Maria Rilke
 
-
 
Die Selbstmörder I
 
In Bäumen irrend, wo die Äste knacken,
Erschrecken sie bei jedem feuchten Schritte,
Zerhöhlt und morsch. Und ihrer Stirnen Mitte
In Schrecken wie ein weißes Feuer flackert.

Schon ist ihr Leben flach, das wie aus Pfannen
Dampft in die graue Luft, und macht sie leerer.
Sie sehn sich schielend um. Und ihre Augen querer
In Wasserbläue rinnen ganz zusammen.

Ihr Ohr hört vieles schon von dumpfem Raunen,
Wie Schatten stehn sie auf den dunklen Wegen,
Und Stimmen kommen ihnen schwach entgegen
Wachsend in jedem Teich und jedem Baume.

Und Hände streifen ihrer Nacken Schwere,
Die peitschen vorwärts ihre steifen Rücken.
Sie gehen, wie auf schmalen Brücken,
Und wagen nicht zu fassen mehr Leere.

Im Abendraum, ein dunkler Schneefall tröpfelt
Und wie von Tränen wird ihr Bart bereifet,
Und Dorn und Stachel wollen sie ergreifen,
Und lachen leise mit den Knister-Köpfen.

Wie Fische hängen sie in ihrer Schlinge.
Der Mitleids-Mond bricht aus mit großem Scheinen.
Sie strampeln mit den langen Knochenbeinen -
Im Dunkel sind die Fetzen toter Dinge.
 
Georg Heym
 
-
 
Umbra vitae
 
Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
Und sehen auf die großen Himmelszeichen,
Wo die Kometen mit den Feuernasen
Um die gezackten Türme drohend schleichen

Und alle Dächer sind voll Sternedeuter,
Die in den Himmel stecken große Röhren.
Und Zaubrer, wachsend aus den Bodenlöchern,
In Dunkel schräg, die einen Stern beschwören,

Krankheit und Mißwachs durch die Tore kriechen
In schwarzen Tüchern. Und die Betten tragen
Das Wälzen und das Jammern vieler Siechen,
Und welche rennen mit den Totenschragen.

Selbstmörder gehen nachts in großen Horden,
Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen,
Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden,
Den Staub zerlegend mit den Armen-Besen.

Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile,
Die Haare fallen schon auf ihren Wegen,
Sie springen, daß sie sterben in Eile,
Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen.

Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere
Stehn um sie blind, und stoßen mit dem Horne
In ihren Bauch. Sie strecken alle viere
Begraben unter Salbei und dem Dorne.

Die Meere aber stocken. In den Wogen
Die Schiffe hängen modernd und verdrossen,
Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen
Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.

Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
Und bleiben ewig tot in ihrem Ende
Und über die verfallnen Wege spreiten
Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.

Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben,
Und eben hat er noch ein Wort gesprochen.
Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben?
Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.

Schatten sind viele. Trübe und verborgen.
Und Träume, die an stummen Türen schleifen,
Und der erwacht, bedrückt von andern Morgen,
Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.
 
Georg Heym
 
-
 
 
 

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