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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Sören Kierkegaard

Wiederholung - Erinnerung. "Denn es ist nur das Neue, das überdrüssig macht, nie das Alte." - "Wiederholung ist die Wirklichkeit ..." - Die Erinnerung berührt die Gegenwart nicht (... weshalb sie melancholisch macht).

 
"[...] Sören Kierkegaard ist überzeugt, dass viele Leute ihre Meinung einfach von irgendwelchen Meinungsmachern übernehmen.

"Die Masse der Menschen hat keinerlei Meinung. Und da bietet denn der Journalist seinen Beistand an, indem er Meinungen verleiht."

Die führenden Meinungsmacher sind für Kierkegaard vor allem die Journalisten. Diese üben auf doppelte Weise Einfluss auf die Leute aus: Einmal reden sie ihnen ein, dass "man" unbedingt zu diesem und jenem eine Meinung haben müsse, um ihnen dann sofort eine vorgefertigte anzubieten.
[...]
 
Nach dieser Erfahrung sieht Kierkegaard das Medium Zeitung mit anderen Augen. Er erkennt jetzt in der Presse sogar eine Gefahr. Denn dieses Medium trägt letztlich dazu bei, die Einzelnen in der Gesellschaft zum Herdenvieh zu machen. Heiko Schulz, Professor für Religionsphilosophie an der evangelischen Fakultät der Universität Frankfurt am Main:

"Die monatelange literarische Fehde mit den Wortführern der Zeitschrift schärfte Kierkegaards kritisches Bewusstsein für die Macht der Presse und zugleich die sich ermöglichende Diktatur der Öffentlichkeit durch das 'Publikum' über den Einzelnen."

Denn als Teil des Publikums werden die einzelnen Individuen zu einer undefinierbaren Masse, also zur Herde. Das Publikum ist deshalb ein anonymes Phantom, das sich keiner Verantwortung zu stellen hat. Deshalb hat Kierkegaard Mitleid mit jedem Einzelnen, der sich gegen diese Masse stellt.

"Ein wahres Martyrium ist da, wo man mit der Menge zu tun hat."

Mit Publikum meint Kierkegaard soziologisch gesehen immer "das Man", hinter dem sich "das Ich" in der Herde verstecken kann. Außerdem lässt sich das Publikum, als Masse, durch die Presse lenken.

"Je stumpfer die Zeit, umso mächtiger die Presse. Die Presse ist der niedrigste Versuch die Gewissenlosigkeit als Prinzip der Menschheit zu konstatieren."

Ohnehin hält Kierkegaard die Masse für die gefährlichste von allen Mächten. Der dänische Kierkegaard-Biograf Joakim Garf vom Kierkegaard Forschungszentrum in Kopenhagen:

"Kierkegaards Analysen über das Publikum in Gestalt des großen Nivellierungsmeisters sind eine hervorragende Darstellung der Mechanismen der Massenpsychologie, sie enthüllen aber außerdem jenes Phänomen, das seit Marx immer wieder zur Sprache kommt: das Phänomen Entfremdung."

Beide, Marx und Kierkegaard, wenden sich vor allem gegen Hegels scheinbar so vernünftige Welt. Sie gehen dann aber unterschiedliche eigene Wege. Während Marx die äußeren Existenzverhältnisse der Masse in den Blick nimmt, geht es Kierkegaard um das innerliche Existenzverhältnis des Einzelnen zu sich selbst. Da Kierkegaard im philosophischen System Hegels den Menschen bereits als abstraktes Gedankenkonstrukt entlarvt hatte, bei dem der Mensch nur auf ein allgemeines Wesen reduziert wird, erkennt er nun, dass Hegel auf diese Weise mit dazu beiträgt, den einzelnen Menschen mit seinen individuellen Besonderheiten innerhalb der Masse zum Verschwinden zu bringen.

In Hegels Vorstellung der Weltgeschichte setzt sich der Weltgeist als absolute Vernunft durch und macht lediglich die Völker zu den Trägern der geschichtlichen Entwicklung. Der Einzelne hat dabei für den Weltgeist keine besondere Bedeutung. Dazu der Philosoph Karl Löwith:

"An die Stelle von Hegels tätigem Geist tritt bei Marx eine Theorie der gesellschaftlichen Praxis und bei Kierkegaard eine Reflexion des inneren Handelns des Individuums. So fern sie einander sind, so nah sind sie miteinander verwandt, im gemeinsamen Angriff auf das Bestehende und in ihrer Distanzierung zu Hegels Philosophie."

Kierkegaard gehört zu seiner Zeit zu den wenigen, die scharfsinnig erkennen, dass Individualität, die als Errungenschaft der Neuzeit gilt, durchaus keine Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts geworden ist. Im Gegenteil. Das Individuum geht zunehmend wieder in einer anonymen Masse verloren. Diese Gefahr sieht Kierkegaard auch im kollektiven Denken des Sozialismus.

"Es kann keine Rede davon sein, dass die Idee des Sozialismus und der Gemeinschaft die Rettung der Zeit wird, weil in unserer Zeit jede Art von Zusammenschluss in irgendeinem System eine nivellierende Macht bedeutet."

Leidenschaftlich grenzt sich Kierkegaard daher gegen die Vorstellung ab, dass der Mensch seine wahre Natur nur in der Gemeinschaft entwickeln könne.

"Wie man in der Wüste in großen Karawanen reist aus Furcht vor Räubern und wilden Tieren, so haben die Individuen jetzt ein Grauen vor der Existenz. Nur herdenweise wagt man noch zu leben und klammert sich zusammen in der Masse, um doch noch etwas zu sein."

Kierkegaard beobachtet bereits eine schrittweise Diktatur des "Man". Man denkt, man redet, man meint, man tut dies und das. Wo das "Man" regiert, wird man unversehens zum Abklatsch der anderen. Keiner wagt, er selbst zu sein, keiner wagt, aus der Reihe zu tanzen. Die Kierkegaard-Biografin Anna Paulsen:

"Ein solcher Mensch wagt niemals etwas zuerst zu tun, er schaut erst umher, bis er sieht, wie die anderen es machen. Denn 'die anderen', das ist das, wovon er sich abhängig macht."

Kierkegaard erkennt, wenn er ein Korrektiv zu dieser Entwicklung der Massengesellschaft finden will, dann muss er beim einzelnen Individuum ansetzen und die konkrete Existenz des Einzelnen zum Schwerpunkt seines Denkens machen.

An den Lebensformen des Ästhetikers und des Ethikers hatte er ja bereits dargestellt, dass immer dann, wenn der Mensch sich zu sehr an das Äußerliche klammert, er letztlich an der Sinnlosigkeit und Unsicherheit seines Lebens verzweifeln kann.

Zu dieser Verzweiflung kommt es für Kierkegaard, da der Mensch seine wahre Identität nicht erkennt. Richard Purkarthofer, Mitarbeiter an der dänischen und deutschen Neuausgabe der Kierkegaard Werke:

"Obwohl physisch alles in Ordnung ist, wird das Dasein des betroffenen Menschen zu einem unlebbaren Leben; obwohl der Mensch vielleicht alles hat, fehlt ihm doch das Ganze. Der Verzweifelte ist ein Untoter, ein Zombie."

Es geht also darum, dass der jeweils Betroffene wieder zur Einheit mit sich selbst gelangt. Dazu muss er sich aber zunächst seine anthropologischen Ausgangsbedingungen klar machen.[...]
 
"Auf der Bühne des bürgerlichen Daseins spielen die Menschen ihre Rolle wie auf ein Stichwort hin, das ihnen zu Teil wird. Das aber ist nur das Bühnenspiel, die wahre Existenz liegt dahinter."

Vor den Kulissen auf der Bühne präsentiert sich der Mensch für die objektive Wahrnehmung als psychische, historische oder soziologische Gegebenheit. Die einzelne Zuordnung hängt dabei vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters ab. Der Philosoph Wilhelm Anz:

"Kierkegaard leugnet nicht, dass jeder von uns natürlich auch eine Gegebenheit ist, aber wir sind eben auch 'Person'. Davon sieht die objektivierende Erkenntnis des reinen Verstandes ab."

Erst hinter den Kulissen, ohne Masken und ohne Verkleidung, wird die nackte Existenz freigelegt. Hier wird deutlich, dass rein objektiv gesehen das wahre Sein des Menschen gar nicht erfasst werden kann. Außerdem bietet alles objektiv Wahrnehmbare in Raum und Zeit nicht wirklich einen Halt. Es bestätigt sich also die Erfahrung, dass der Mensch in der Welt mit ihren zeitlichen und vergänglichen Dingen keine Geborgenheit findet. Der Mensch scheint hier an eine Grenze des Nichts zu stoßen. [...]"
 
Quelle: Deutschlandfunk - "Der Einzelne und die Massengesellschaft" (siehe Link oben). Farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

 

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