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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Paul Ricoeur

"[...] Ricœur, der Protestant, der in den dreißiger Jahren in einer Gruppe von Linkskatholiken um Gabriel Marcel Anschluss gefunden hatte, verschärfte seine Kritik an Philosophen, die im Kielwasser von Heidegger das "hebräische Massiv" und das christliche Erbe als metaphysikgeschichtlichen Irrtum betrachteten, um es gegen Seinsglauben und Ursprungsdenken auszutauschen.
 
Eindringlich beschrieb er in seinem Buch Das Selbst als ein Anderer die Gewissenlosigkeit, mit der Heidegger das Gewissen behandelte. Für Ricœur durchbricht die Stimme des Gewissens den Panzer des Ich, seinen Dünkel und seine Verschlossenheit. Doch anders als bei Heidegger war diese Erfahrung eine ethische. Das heißt, mit der Stimme des Gewissens, gewissermaßen aus dem "Herzen der Selbstheit", spricht nicht ein dunkles "Sein", sondern der leibhaftige "Andere". Erst das Gewissen eröffnet die "innerste Möglichkeit", das Gegenüber wahrzunehmen und die "Aufforderung, die durch ihn an uns ergeht".
 
Diese Sätze liest man mit Wehmut und Beklemmung, denn Ricœur formuliert darin die Alternative zum Antihumanismus der deutschen Philosophie. Wären Heidegger und der "deutsche Geist" diesen Weg gegangen, dann wären sie gegen die faschistische Kehre ihres Denkens gefeit gewesen, gegen den Hass auf Demokratie und Freiheit, Recht und Gerechtigkeit.
 
Der Poststrukturalismus galt ihm nur als "Schaum des Denkens"
 
Keinen Zweifel ließ Ricœur daran, dass auch die Heideggerianer von links, die Poststrukturalisten der späten siebziger und achtziger Jahre, nicht zu seinen Freunden zählen. Sie hatten den "Tod des Subjekts" verkündet, und das war in seinen Augen ein moralischer Sündenfall. Wer den Menschen vollständig dekonstruiert und ihm jeden Eigensinn abspricht, der gebe den Begriff moralischer Verantwortung preis. "Schaum des Denkens" nannte Ricœur diesen radical chic, der es im Zweifel stets mit den stärkeren Bataillonen halte, mit der Anbetung der Macht.
 
Damals, in den Zeiten des extremen Denkens, galt Ricœur höchstens als philosophierender Vermittler, und das war nicht nur als Kompliment gemeint. Dabei hatten andere längst erkannt, welche Einsichten sich in Ricœurs diplomatischer Philosophie, in seinem unendlich redlichen, skrupulösen Denken verbargen. Das galt vor allem für seine Hermeneutik der Kunst. Für Ricœur erschöpfte sich ein sprachliches Kunstwerk nicht in einem weltlosen Spiel gleich-gültiger Zeichen und Bedeutungen. Ebenso wenig verstand er es als "reale Gegenwart" einer ursprünglichen Wahrheit. Das Ästhetische, schrieb Ricœur, ist beides: Es ist radikale Distanz und doch in unsere Welt eingelassen. In dem Augenblick, wo wir ein Kunstwerk deuten, hat es teil an unserem Dasein und regeneriert unsere zerschlissenen Metaphern und Begriffe.
 
Noch einmal widersprach Ricœur der Behauptung Nietzsches, die menschliche Wahrheit sei bloß "ein bewegliches Heer von Metaphern". Entfaltet hat er diese Kritik in seiner monumentalen dreibändigen Studie Zeit und Erzählung (1983 bis 1986), neben Das Selbst als ein Anderer vielleicht sein eindruckvollstes Werk. Die Zeit des Menschen, schreibt Ricœur, ist nichts, solange man sie nicht erzählt. Wenn wir sie nicht mit "lebendigen Metaphern" durchdringen und in die Erzählung unseres eigenen Lebens verwandeln, dann erstarrt sie zur physikalisch leeren Zeit – ein Exzess sinnloser Dauer.
 
Das gestürzte Subjekt ist nicht in die Unverantwortlichkeit entlassen
 
Das hieß für Ricœur nicht, wir könnten das Rätsel der Zeit lösen, im Gegenteil. Eine narrativ gestiftete Identität führt uns erst die Unbegreiflichkeit der Zeit vor Augen. Erst wenn wir "uns" die Zeit erzählen, erkennen wir demütig ihr Wunder und betrachten uns nicht länger als hochmütiger Souverän, als "Herr des Sinns".
 
Für Ricœur war das kein Freispruch. Auch wenn das Subjekt vom Thron seiner Selbstherrlichkeit stürzt, ist es nicht in die Unverantwortlichkeit entlassen. Zwischen Gedächtnis, Geschichte, Vergessen , so der Titel seines Spätwerks, ist es ethisch in Anspruch genommen, von seinem "Selbst" und dem "Anderen". Der Einzelne bleibt der existenziellen Wahrheit und einer universellen Moral verpflichtet. Diese Moral, so versuchte Ricœur zwischen Aristoteles und Kant zu vermitteln, bleibt zwar in Geschichten und Geschichte eingebettet, sie ist aber nicht bloß lokal, sondern sie gilt für alle. Die Wirklichkeit, das ist nicht nur der handelnde, "das ist auch der leidende Mensch"."
 
Quelle: Zeit online "Das Selbst als ein Anderer", siehe oben stehenden Link; (farbliche) Hervorhebungen habe ich vorgenommen. 
 

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