Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog

Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Friedrich Nietzsche

"Was i c h n i c h t bin, das ist mir Gott und Tugend." - Die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität ... auch und gerade seine ganz persönliche. ;) - "Wir haben keinen Ur-Text, sondern nur Interpretationen." (Perspektivismus)

 
Aktualisierung im Dezember 2018 (10.12.2018)

Nihilismus ist genuin die Selbstoffenbarung sozialer und emotionaler Kapitulation.
 
-
Nein, ich habe mich mit Nietzsche nicht gründlich auseinandergesetzt.
 
Was ich aber bzgl. seiner Moral(vorstellung) lese, ruft in mir - recht spontan - einerseits Zustimmung, andererseits befremdete Ablehnung bis Auflehnung hervor.
 
Sicher, es gibt sie auch heute noch zweifelsohne: Menschen, die sich an, zumeist religiös geprägten, in religiösen Ge- und Verboten, Dogmen formulierten moralischen Regeln und Richtlinien festhalten, sich daran geradezu klammern, da diese Dogmen eben dies solchen Menschen offenbar geben: Orientierung, Richtung, Grenzen, das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit, Halt.
 
Und dass bei den Anhängern einer solchen, einer in solchem Sinne missverstandenen "Moral" bzw. Ethik sowohl Selbsterniedrigung als auch - zur Kompensation - Selbstgerechtigkeit bzw. Selbsterhöhung ihren fruchtbaren Boden sowie eifernden Ausdruck finden, ist unbestritten.
 
Jedoch kann ich nicht umhin, in den Sätzen Nietzsches einen eigentlich recht infantilen Trotz zu erkennen.
 
Es ist dies nicht bloße empörte Auflehnung gegen die moralischen Selbstverständlichkeiten seiner Zeit und/oder eine, vermeintlich von seiner Genialität zeugende, generelle Ablehnung moralischer Werte, moralischer Ordnung (zur vorgeblich "niederen", weil notwendigen Regelung alltäglichen, zwischenmenschlichen, nach seinem Dafürhalten wohl also eher "tierischen" Miteinanders), sondern es scheint mir daraus ein enormer Widerwille gegen von Nietzsche selbst, persönlich erfahrene, erlittene Unterdrückung, Missbilligung, Zensur und Miss- sowie Verachtung eigener Triebe, Wünsche, Begierden und Enttäuschung eigener Hoffnungen zu sprechen wie auch von ihm selbst erfahrene, durch andere Menschen zugefügte Zurückweisungen, als solche empfundene Demütigungen (auch narzisstische Kränkung), ein Sich-nicht-verstanden-Fühlen, das Gefühl auch von ausbleibendem Respekt, von fehlender, nicht zuteilgewordener Anerkennung und Wertschätzung und das Nichterfülltwordensein seiner psychisch-emotionalen Bedürfnisse schon in seiner Kindheit.
 
Überdies scheinen m.E. auch das Versagen, das Scheitern vor, an und durch sich selbst (d.h. durch die eigene Lebenspraxis): Scheitern an eigenen Prinzipien, Erwartungen, Ansprüchen (an andere und sich selbst gestellt) sowie auch das Scheitern an eigenen Idealen entscheidende Auswirkungen gehabt und sichtbar entsprechende Früchte getragen zu haben.
 
Wir müssen sämtliche Ideen, Gedanken, Theorien aller "Denker" stets vor dem Hintergrund ihrer geschichtlichen Zeit, ihrer Kultur, ihrer je individuell erfahrenen Erziehung, Sozialisation, Prägung und insgesamt also ihrer Biographie sehen, d.h. in diesen Hintergrund eingebettet bzw. aus ihm hervorgehend.
Das ist zwar fraglos ein Allgemeinplatz, dessen Erwähnung es eigentlich nicht bedarf, dennoch erscheint mir der kurze Hinweis darauf an dieser Stelle durchaus angebracht.
 
Was mich an Nietzsches "Anti-Moral", Moralkritik und von ihm daraus abgeleiteten Vorstellungen (Übermensch etc.) so befremdet, ist, dass er offenbar auf eine totalitäre Weise davon auszugehen scheint, dass Moral immer etwas von außen, von "Fremden" (Schwachen, Selbstgerechten, Unkritischen, Unreflektierten, Geistlosen ...) Oktroyiertes ist, da also - nach Nietzsche - eine so verstandene Moral lediglich dazu dient, den vermeintlich heroischen Willen des "Übermenschen" nicht nur zu bezähmen, sondern gleich den ganzen (Über-) Mensch zu bezwingen, zu unterjochen unter die missliebige, von Nietzsche offenbar verachtete, nicht legitimierte, durch nichts als Schwäche zu legitimierende "Regentschaft" eben jener Schwachen, jener "Affen", denen es an all dem vollständig mangelt, das den Übermenschen ausmacht, das ihn zum Übermenschen "macht" - der solch niederer, der überhaupt irgendeiner Moral bzw. Ethik vorgeblich nicht mehr bedarf, da er durch und mit all seinem Sein vermeintlich über ihr steht bzw. die Moral"bedürftigkeit/-notwendigkeit" überschritten hat. - Schon das legt deutlich offen, wie intensiv Nietzsche sich aus Gründen persönlichen Beschädigtwordenseins (bereits in seiner Kindheit) in Hirngespinste verrennt, d.h. wie sehr er nach "Erhabenheit" sucht und zugleich verzweifelt um Halt und Trost, um eigentlich Geliebtwerden, Angenommensein ringt - und dabei tragischerweise den völlig falschen Weg einschlägt.
 
Sicher, Nietzsche lebte in einer anderen Zeit. Er wurde durch sein Elternhaus offenbar stark christlich-religiös geprägt, indoktriniert und offensichtlich auch beschädigt. Und aus seinem Spätwerk scheint ja doch so augenfällig reichliche, auf entsprechenden Lebenserfahrungen basierende, persönliche Enttäuschung zu sprechen - Schmerz also, der häufig, wie wir (inzwischen durch auch neurobiologische Erkenntnisse) wissen, eine "Anti-Haltung": Trotz, Abwehr und Aggression hervorruft.
Nicht umsonst war Nietzsche wohl früh bereits von Schopenhauers Gedanken über das Leid(en) angetan ... .
 
Was mich nun so erheblich befremdet, ist, dass Nietzsche sich augenscheinlich so gar nicht auch nur vorzustellen vermochte, dass sowohl der Ursprung von Moral, d.h. von prosozialem Verhalten, als auch der Antrieb, die Motivation für moralisches Denken, Fühlen und (Sich-) Verhalten, jenseits jeglicher Religion, Theorie, Ideologie, Dogmatik, äußerem Zwang und Druck liegt, stattdessen: in der Natur des Menschen, in seiner Biologie, in seiner menschlichen Verfasstheit, dem menschlichen Konstituiertsein, seiner genetischen Disposition, seiner angelegten, sozialen Grundstruktur.
 
Denn die Urbasis jeglicher intrinsischen, somit nicht oktroyierten Moral ist das dem Menschen (wie auch anderen Primaten) angeborene Mitgefühl.
 
Und dass dies der Fall ist, zeigt u.a. das Verhalten ganz kleiner, noch nicht erzogener, nicht dressierter, noch ideologiefreier Kinder überdeutlich.
In bspw. deren spontanem Antrieb, helfen zu wollen (im Rahmen ihrer alters-, entwicklungsentsprechenden Möglichkeiten und Fähigkeiten). Es gibt hierzu empirische Daten (die ich nun erst recherchieren müsste, weil ich sie nicht ad hoc verfügbar habe), aber derer bedarf es im Grunde gar nicht - es lässt sich solches Verhalten tatsächlich im Alltag von bzw. mit Kleinkindern selbst beobachten, erleben, wenn man darauf einmal bewusst achtet und: wenn diese Kinder nicht bereits als Säuglinge oder auch vorgeburtlich bereits beschädigt wurden.
 
Der Ursprung jeder authentischen, intrinsischen, ehrlichen, wahrhaftigen Moral, d.h. moralischer Motivation und moralischen, d.h. fairen, prosozialen, solidarischen, kooperativen Verhaltens, ist das Mitgefühl.
 
Die Fähigkeit, mitfühlen zu können - mit einem anderen mitzufühlen und also sein Leid, seine Not oder einfach auch nur (s)eine Bredouille nachempfinden, mitempfinden, miterleiden zu können - und im Anschluss der diesem Gefühl impulshaft folgende "Reflex", d.h. die Reaktion, der Antrieb, der Wunsch, hier selbst unmittelbar Abhilfe schaffen zu wollen bzw. genau dies einfach tatsächlich, tatkräftig, aktiv zu tun (so weit situationsbedingt und je individuell möglich/machbar).
 
Aus diesem Impuls des Helfen-Wollens - welcher sich aus dem Mitfühlen unmittelbar ergibt, aus ihm entsteht, erwächst, der dessen unmittelbare, spontane Folge ist - speisen sich dann spätere, rationale Moralvorstellungen sowie komplexe Moraltheorien, Ethik (die Meta-Ebene).
 
Erst im zweiten Schritt kommt der Verstand, das Denken, somit auch das Werten und Urteilen hinzu; und hier spielen dann selbstredend auch Prägung, Sozialisation, Kultur, persönlich gemachte Erfahrungen etc. eine Rolle.
 
Aber solchen Gedanken, solches Fühlen und Erkennen, sucht man bei Nietzsche (allerdings nicht nur bei ihm) vollständig vergeblich. - Was m.E. bezeichnend ist und neben anderem erklärt, weshalb er dachte wie er dachte, sich auch entsprechend äußerte und mehr noch: fühlte wie er fühlte.
 
Es scheint seine eigene Empathie, seine persönliche, auch in ihm ja sogar sehr offensichtlich angelegte Grundfähigkeit und Bereitschaft zum Mitfühlen und Mitleiden (!) mit den Jahren - durch entpsrechende Erfahrungen, auch Selbst- bzw. Ego-Kränkungen (narzisstische Kränkung) - erheblich zugeschüttet bzw. von ihm selbst (unbewusst? oder absichtlich: trotzend und "revoltierend"?) verworfen, begraben worden zu sein.
 
An dessen Stelle traten in seinen späteren Jahren und ausgedrückt in den entsprechenden Werken Narzissmus, Größenwahn, Hybris - erwachsen aus einem ebenso recht offensichtlichen Gefühl von Erliegen, Scheitern, Selbst-Erniedrigung und in Folge, als Art kompensatorischer "Selbstheilungsversuch", Selbst-Überhöhung bzw. Projektion - siehe "Übermensch" ... - sowie aus nicht erlebter, nicht gekannter, nicht erfahrener Anerkennung, (Selbst-) Wertschätzung, fehlender Selbstliebe.
 
Er war offenbar schwer verletzt und enttäuscht von anderen Menschen. Enttäuscht aber auch von sich selbst, seinem Selbst, das dem von ihm konstruierten sowie glorifizierten Ideal nicht entsprach, nicht entsprechen konnte, weil völlig realitätsfern, weil un-, nicht übermenschlich.
 
Und Folge dieses erlittenen Schmerzes war auch bei ihm natürlicherweise Aggression, welche sich jedoch nicht gegen die diesen Schmerz verusacht habenden Personen, insbesondere seine Eltern, richtete, sondern - wie das häufig, lange schon und stets wiederkehrend so auch bei anderen "Denkenden" anzutreffen ist - stellvertretend, ausweichend gegen das Menschsein als solches, gegen das Bedingtsein, die Gesetztheiten, Zumutungen, Ungerechtigkeiten, Widerfahrnisse und die Absurdität, gegen also die conditio humana, unter anderem bekanntermaßen auch gegen Frauen, auch dies allerdings aus bekannten Gründen: Misogynie, Misanthropie, Nihilismus: auf Basis fehlender Selbstliebe, fehlender Liebesfähigkeit.
 
Nietzsche verfügte meiner Einschätzung nach nicht über die Stärke, sich selbst eigene Schwäche, Unzulänglichkeit, eigenes Fehlgehen und Sich-Versteigen sowie insbesondere eigene unerfüllte, nicht befriedigte emotionale Bedürftigkeit ein-/zuzugestehen, zulassen zu können - den Schmerz darüber annehmen, sich eingestehen zu können, gerade also um den einhergehenden Preis, daran bewusst, wissentlich, aber eben gerade nicht "willentlich" zerbrechen zu können ... zu werden.
 
Letztlich ist auf Nietzsche sein eigenes Zitat anwendbar, trifft dies auf ihn selbst zu:
"Das Gute missfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind."
Friedrich Nietzsche - aus "Menschliches, Allzumenschliches"
 
Beklagenswert ist insgesamt, dass nach wie vor Religionen Moral, Ethik für sich beanspruchen, als Moralhüter, -wächter und - gestalter gelten wollen und nach dem Irrglauben nicht weniger Menschen dies auch sollen, dabei jedoch völlig außer Acht gelassen, vernachlässigt, herabgewürdigt, in Misskredit gebracht wird, was oben genannter grundsätzlicher, d.h. allererster biologischer, "materieller", evolutionärer Ursprung jeglicher menschlichen Moral ist und nur sein kann: Mitgefühl.
 
Erst daraus folgend und darauf aufbauend kann und sollte eine humane, eine menschenfreundliche, d.h. menschengemäße, bedürfnisorientierte Ethik entstehen - damals wie heute sowie auch zukünftig, grundsätzlich.
 
-
 
"[...] Die Schwester schildert ihn jedenfalls als "sehr leidenschaftlich, was er aber später nicht gern hörte, da er der Nietzsche’schen Familientradition gemäß sich früh zu beherrschen lernte."(9)
 
Nun, diese "Selbstbeherrschung" fällt nicht vom Himmel; im Pfarrhaus gab es verschiedene "Beruhigungsmittel" für das leidenschaftliche, aber noch "sprachlose" Kind: Schrie es aus unbestimmten Gründen, wurde der Vater zum "Musikmachen" gebeten, und sogleich wurde "Fritzchen mäuschenstill, setzte sich aufrecht in seinem kleinen Wagen und verwandte kein Auge von dem Spielenden."(10)
 
Das zweite und dritte – beides wohl gleichermaßen "wirksame" – Mittel schildert der Vater in einem Brief 1846 (Friedrich war also gerade mal zwei Jahre alt!): "Bruder Fritz ist ein wilder Knabe, den manchmal allein der Papa noch zur Raison bringt, sintemalen von diesem die Ruthe nicht fern ist; allein jetzt hilft ein Anderer mächtiger miterziehen, denn das ist der liebe heilige Christ, welcher auch bei dem kleinen Fritz schon Kopf und Herz ganz eingenommen hat, daß er von nichts Anderem sprechen und hören will als vom >heile Kist!<"(11)
 
Hier sehen wir auf engstem Raume eine doppelte, und damit auch doppelt unheilvolle Konditionierung des sprach- und wehrlosen Kleinkindes vor uns: Durch körperliche Züchtigung wird einerseits auf die freie Entfaltung der Emotionalität negativ eingewirkt, die es so von frühester Kindheit an in sich zurückzwingt; gleichzeitig wird es christlich indoktriniert. Wie mag es da auf den kleinen Fritz gewirkt haben, wenn er seinen Vater im Talar als den Mittelpunkt des Gottesdienstes in der Röckener Kirche erlebte?
 
Reiner Bohley, dessen verdienstvolle Forschungen zum jungen Nietzsche H. J. Schmidt ausführlich zur Sprache bringt, sieht hier "die Maxime der Pietisten" am Werke: "Der Eigenwille eines Kindes muß gebrochen werden, damit das Kind später offen sein kann (!) für Gottes Wille". Und Schmidt selbst kommentiert: "der Vater setzt alle ihm zugänglichen Mittel ein, um das Eine zu erreichen, den Eigenwillen seines Erstgeborenen zu brechen, ihn auf Religion und elterliche Moral zu fixieren." [...]
 
Eher schon scheint sich mir in jenem "Gespenst" "hinter seinem Stuhle", das Nietzsche wiederholt heimsucht, in der Maske des Vaters "Gott selbst" zu verbergen – als jene abendländische Denkfigur der "höchsten Idee", die als anerzogener Reflex wiederkehrt – Gespenster sind ja "Wiedergänger"! Die Forderung "Gott ist tot" will vor allem auch dieses den eigenen, durch christliche "Lehren" konditionierten Gehirnwindungen entspringende Gespenst endgültig bannen. [...]"
 
Quelle: f-nietzsche.de - "Der junge Nietzsche", farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

Diesen Post teilen

Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post