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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

E.M. Cioran - der Mensch in der Verneinung

 
"[...] Der 1995 mit 84 Jahren Verstorbene verfasste neben Essays Aphorismen, Gedankensplitter, kleine Sprengsätze, die gut zu seinem ungebärdigen Auftreten passten: ein kleinwüchsiger Rumäne inmitten von Paris, wohnhaft in der Rue de L’Odéon in einer engen, studentisch eingerichteten Mansarde, in Interviews räsonierend über die Schlaflosigkeit, die ihn plagte. Fotografien zeigten ihn stets mit tief zerfurchter Stirn und allerdüsterstem Gesichtsausdruck. Wer ihn besser kannte, berichtete allerdings von ausgesprochen guter Laune, Humor und sanfter Heiterkeit, die ihn ausmachten.
 
Die Welt, das war jedenfalls seinerzeit gewiss, steuerte einem Abgrund entgegen, und man musste nur in diese kleinen leeren Augen blicken und diese eigentümlich zusammenhanglosen Sätze lesen, die Cioran selbst in nicht uneitler Manier als Abfall begriff, um sich als Leser bestätigt zu fühlen. Sein negatives Menschenbild hatte zweifellos Ansteckungskraft: »Mit Ausnahme einiger Sonderfälle neigt der Mensch nicht zum Guten: Welcher Gott drängte ihn dazu? Um die geringste nicht vom Bösen befleckte Tat zu begehen, muss er sich überwinden, sich Gewalt antun.« Man könne sich gewiss sein, »daß das 21. Jahrhundert, das weit fortgeschrittener sein wird als das unsere, in Hitler und Stalin harmlose Sängerknaben sehen wird«. – »Der Mensch, dieser Ausrotter, hat etwas gegen alles, was lebt, gegen alles, was sich bewegt: Bald wird man von der letzten Laus reden.« – »Wir rennen nicht dem Tod entgegen, wir fliehen vor der Katastrophe der Geburt, wir zappeln uns ab; Gerettete, die vergessen möchten« – »Wir sind am Grund einer Hölle, von der jeder Augenblick ein Wunder ist« – »Ich möchte frei sein, aufs äußerste frei. Frei wie ein Totgeborener« und so weiter. Ohnehin zur Schwermut Neigende finden in diesem Werk also allerlei Unterstreichenswürdiges. Die Buchtitel sprechen für sich: Verfehlte Schöpfung, Auf dem Gipfel der Verzweiflung, Vom Nachteil, geboren zu sein.
 
Und womöglich findet sich tatsächlich kein zweiter Autor des 20. Jahrhunderts, der noch einmal mit furioser Vehemenz alle Glaubensgewissheiten, Ideologien, Fortschrittsgläubigkeiten beiseite zu räumen sich vorgenommen hatte – gerade so, als hätte es keine Vorläufer und Zeitgenossen einer derartigen Anti-Philosophie gegeben, die, wie Cioran, den Selbstmord als letztmöglichen Akt der Freiheit ansahen, die der Mystik gegenüber einer vermeintlich trockenen Schulphilosophie den Vorzug gaben, mit Lust den Ekel am Menschsein prachtvoll feierten (»Das Verschwinden der Tiere ist ein unvergleichlicher, schwerwiegender Tatbestand. Ihr Henker hat die Landschaften besetzt. Es gibt nur noch Raum für ihn. Das Entsetzen, dort einen Menschen wahrzunehmen, wo man zuvor ein Pferd betrachten konnte!«).[...]
 
Er habe, schrieb Cioran, alle Verbrechen begangen, bis auf eines: »Vater zu sein«. [...]
 
»Der Held ist nicht mehr vorstellbar – denn niemand ist mehr unbesonnen und tief.« Anders als in Deutschland sei in Frankreich niemand mehr zum Sterben bereit: »Einfach nur leben, dies ist das Geheimnis des Ruins.« Überdies führe die sexuelle Überfeinerung zum »Tod einer Nation«. Ernsthaft hin- und hergewendet wird in derlei Überlegungen die Frage, was nun eigentlich besser sei: barbarisches Aufbäumen einer Nation oder Zivilität? Gemeinschaft oder Gesellschaft? (»Die Deutschen sind nur einzeln oder zusammen. Niemals im Dialog – dagegen ist Frankreich das Land des Dialogs.«)
 
Und dann, man meint fast, Cioran schlage sich vollends auf die Seite deutscher Tat- und Entschlusskraft, nimmt das Buch eine radikale Wendung, die gleichsam die ideologische Abrüstung des Autors markiert: »Bedarf denn Europa, nach so vielen Fanatismen, nicht einer Flut von Zweifeln? Bereiten wir uns denn nicht alle auf einen Weltschmerz vor, in dem Frankreichs Beitrag einer der verführerischsten wäre? Wenn Frankreich noch einen Sinn hat, so denjenigen, den Skeptizismus, zu dem es fähig ist, zur Geltung zu bringen, uns die Formel der Unsicherheiten zu geben oder unsere Gewissheiten zu zermahlen«. [...]"
 
Oben stehendem ZEIT-Artikel (siehe Link) entnommen; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
 
"[...] Auf eine noch exemplarischere Weise widersetzt sich das Werk E.M. Ciorans jeder Klassifizierung. Der 1911 in Rumänien geborene Philosoph, der von 1937 bis zu seinem Tod, 1995, in Paris lebte, entspricht so gar nicht dem akademischen Ideal eines Philosophen. Man vergegenwärtigte sich nur seine Selbstcharakterisierung:
"Ich bin so ein Fragmentmensch. Ich gehöre zur Kategorie der Zerstreuten, zu den aus Prinzip Gescheiterten. Ich habe in einem immerwährenden Widerstreit mit mir selbst gelebt."
 
Ciorans gesamtes Werk ist bestimmt von einer ins äußerste Extrem getriebenen Infragestellung des Ichs, einer Unausgeglichenheit und Verzweiflung, einem fundamentalen Gefühl vehementen Scheiterns. Bereits die Titel seiner Bücher - Auf den Gipfeln der Verzweiflung oder etwa Vom Nachteil, geboren zu sein - legen davon unmissverständlich Zeugnis ab. [...]
 
"Theoretisch glaube ich nicht an die Nutzbarkeit des Schreibens oder dass man einen "Namen" hat oder nicht. Für mich war es meine Form von Gesundheit, mich dieser Gefühle des Bedrücktseins, als ein Mensch des Schiffbruches, auszudrücken. Ich bin sicher, dass ich nicht zugrunde gegangen bin nur, weil ich geschrieben, mich ausgedrückt habe. Wäre mir das nicht geblieben, ich wäre bestimmt zugrunde gegangen."
 
Ein zurückgezogen lebender Literat und Denker außerhalb akademischer Fakultäten, einer, der alle Denkpositionen in großzügiger, subjektiver Manier eines besessenen Gedankenspielers verwarf, verspottete, verdrehte; ein um sein Können und Versagen wissendes Genie wider Willen, ein großstädtischer Einsiedler und lustvoller Asket. Denkend entzog er sich der Festlegung seiner Beziehungen durch die Verteidigung des Widerspruchs und durch das Prinzip der Ironie und Selbstironie. Selbst seine Verzweiflung hat nie etwas Kategorisches. Sie ist Bestandteil eines Lebens-, Sprach- und Denk-Experiments und verweist stets auf das Existieren als eines "ungeheuren Phänomens”. Das Leben als Fluch - kein Schriftsteller hat je diese Erfahrung mit einer solchen Leidenschaft und einem Funkeln in den Augen wie Cioran vorgetragen und in einer schlackenlosen Poesie und metaphysischen Schärfe formuliert. Er hat die Erfahrung des Ungeheuerlichen und Unheimlichen auch genossen, und er hat mit dem Schrecken einen so vertrauten Umgang gepflegt, dass er ihn zu seinem Freund machen konnte.
 
"Ich habe immer in Widersprüchen gelebt und nicht darunter gelitten. Wäre ich ein Systematiker gewesen, hätte ich lügen müssen. Ich habe das Unlösbare angenommen. Ich habe eine gewisse Wollust des Unlösbaren... Ich habe nie zu glätten versucht. Ich habe nie ein Ziel gehabt."
 
In fast täglichen und nächtlichen Fingerübungen hat sich Cioran über die Unfähigkeit zu leben (beziehungsweise den "Nachteil” und den "Irrtum geboren zu sein”) hinwegzuretten versucht, hat Phasen des Nichtschreibenkönnens ausgehalten: mit dem Entwurf von Essays, mit Skizzen und Beobachtungen zum Denken, zur Philosophie, Mystik und Musik, zur Langeweile, Schlaflosigkeit und Widersprüchlichkeit des Lebens.
 
"Die Leute, die ich gerne habe, die müssen nicht wie ich denken, aber irgendwie müssen sie verstört sein, nicht unbedingt stark, aber bis zu einem gewissen Grad... Die Leute, die ich gerne habe, das waren immer Leute, die irgendwie ihr Leben verfehlt haben..., die irgendwie misslungen sind als Wesen." [...]"
 
Zitiert aus oben stehendem Artikel/Link des Deutschlandfunk; farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
 
"[...] Die "Lehre vom Zerfall" kam 1949 in Frankreich heraus. Es ist das erste auf Französisch geschriebene Buch des Autors, der 1937 aus Bukarest nach Paris geflohen war und dort bis zu seinem Tod 1995 lebte. Ein damaliger Leser, der zunächst nur nach dem Titel urteilte, hatte es für ein Chemie-Lehrbuch gehalten.
 
Das ist auf den ersten Blick nicht schlecht. Cioran ist zwar kein Chemiker, aber er ist ein Alchimist, der die verstreutesten Stoffe miteinander verbindet und sie stets mit einer verblüffenden Pointe versieht. Nichts von dem, was er kühn, mit nietzscheanischer Attitüde behauptet, wird nachgewiesen, schon gar nicht wissenschaftlich. Doch alles ist durchwirkt von einer tiefgründigen Intuition, an die keine wissenschaftlich begründete Aussage je heranreichen würde. [...]
 
Cioran leugnet jeglichen Gedanken an Kontinuität. Alles ist fragmentarisch, alles wird von ihm dekomponiert, alles zerfällt - die Realität: ein Scherbenhaufen. Er schwört sich selber ab und sieht im Fanatismus, ob politisch oder religiös motiviert, die größte Gefahr. Die Geschichte des Menschen verläuft für ihn immer schicksalhaft und immer negativ. Nicht nur die totalitäre. An der gegenteiligen Auffassung sei Hegel schuld:
"Hegel ist der große Verschulder des modernen Optimismus. Wie konnte er nur übersehen, dass das Bewusstsein bloß seine Formen und Weisen wechselt, aber keineswegs fortschreitet? Das Werden schließt eine absolute Vollendung, ein Ziel aus: Das Abenteuer der Zeit rollt ohne jede außerhalb seiner selbst liegende Zielsetzung ab und wird zu Ende gehen, wenn seine Möglichkeiten, sich fortzusetzen, erschöpft sind." [...]
 
Cioran selbst hat sich durch diese Macht über das Wort vorm Suizid, der eigentlich auf jeder Seite naheliegt, bewahren können. [...]
 
Im übertragenen Sinn heißt "Cioran" "Gauner, Dieb, Spitzbube", auch "Zigeuner". Das passt zu dem Propheten des Zerfalls. Er hat sich zeitlebens als marginalen Menschen verstanden: am Rand stehend und rabenschwarzes Unheil verkündend. Er ist ein Zigeuner der Philosophie, der nicht nur Hegel zerreißt und sich im Übrigen darüber verzweifelt zeigt, in seiner Jugend philosophische Studien betrieben zu haben. [...]"
 
Quelle: Deutschlandradio Kultur (siehe oben stehenden Link); farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 

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