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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Alain Badiou - Die Bühne der Zwei

"[...] Denn das ist sicher: Die Liebe muss neu erfunden werden, weil sie in der Welt der Frauenzeitschriften, Ehevermittlungs- und -beratungsinstitute, die neben dem richtigen Partner auch noch «Liebescoaching» anbieten, derart «zugemüllt» (Rainald Goetz) worden ist, dass von ihr nur noch «die Vollkaskoversicherung der Liebe» (Badiou) übrig geblieben ist. Eine Veranstaltung ohne Risiko und ohne Zufall, die Badiou fatal an die Propaganda der amerikanischen Armee für einen Krieg «ohne Tote» erinnert. Der Krieg «ohne Tote» und die Liebe «ohne Risiko» entspringen demselben Herrschaftskalkül: dem Sicherheitsdenken. Für Badiou steht aber auch fest, dass die Liebe eben nicht, wie es im Schlager heißt, ein Schlachtfeld ist. Sie ist kein Kampf um Anerkennung, wie er zum Wesen jeder Politik gehört. Während es in der Politik um die Bennenung des Feindes geht, also jener Figur, von der man auf gar keinen Fall regiert werden will, spielt der Feind in der Liebe keine Rolle.

Die Liebe, wie Badiou sie konstruiert, ist die «Bühne der Zwei». An ihrem Anfang steht eine Trennung, der schlichte Unterschied zwischen zwei Personen mit ihren jeweils unendlichen Subjektivitäten. Und «eben weil die Liebe eine Trennung behandelt, kann sie in dem Moment, in dem sich die Zwei zeigt, als solche die Bühne betritt und uns die Welt in neuer Weise erfahren lässt, nur eine zufällige oder kontingente Form annehmen», meint Badiou dazu. Alles, was aus der zufälligen, die stärksten Dualitäten und die radikalsten Trennungen überwindenden Begegnung in der Liebe folgt, bleibt unter dem Zeichen der Zwei, nicht der Eins. Badiou hält sich damit alle Verschmelzungstheorien vom Leib.

Gleichzeitig verabschiedet er auch die Sex-Theorien der Liebe. Denn im Sex, so Badiou, genießt man mithilfe des anderen nur sich selbst. Natürlich kann es zu körperlichen Verrenkungen kommen, bei denen man nicht mehr weiß, welches Glied nun wem gehört: «Aber die Liebe bezieht sich auf die Gesamtheit des Seins des anderen, und die Hingabe des Körpers ist das materielle Symbol dieser Gesamtheit.» Von hier aus kann man wirklich damit beginnen, die Liebe neu zu denken."
 
Quelle: Cicero - Artikel (s.o.), farbliche Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
 
"[...] Badiou beginnt seine Ausführungen mit der These, dass die Liebe bedroht sei – nicht nur vom Sicherheitsdenken, für das er eine herrlich punktgenaue Verachtung hat, sondern auch von ihrer Entwertung als bloße Spielart hedonistischen Genießens. Dem stellt der Autor die Liebe als Ereignis entgegen, das den Liebenden lehrt, "dass man die Welt vom Unterschied aus erfahren kann, und nicht nur von der Identität aus".
 
Dieser Austausch geht über das geteilte Genießen hinaus, er ist der Anfang einer "Bühne der Zwei", die entsteht, wenn der andere "mit seinem Sein bewaffnet in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat".
 
Mit dieser Bühne der Zwei, die sowohl im Annehmen als auch im Aushalten der Unterschiedlichkeit der Liebenden besteht, wendet sich Badiou explizit gegen die "Rache des Einen" – verstanden als Umlenkung der Liebe der zwei auf einen christlichen Gott oder gar die erstickende Verschmelzung der Liebenden zu einem sprachlosen Wir. Ihm geht es um eine andere Art von Universalität, denn "jede Liebe bietet eine neue Wahrheitserfahrung darüber an, was es bedeutet, zu zweit und nicht einer zu sein".
 
Das führt Badiou zu Fragen der Dauer, und zu einer immer wieder zu leistenden Liebeserklärung: "Ich werde aus dem, was ein Zufall war, etwas anderes machen. Ich werde daraus eine Dauer, eine Hartnäckigkeit, eine Verpflichtung, eine Treue machen." Dieser Begriff von Treue ist von allem ideologischen Ballast befreit und im radikalen Sinn persönlich, gerichtet auf ein einmaliges Du. So entwirft sich die Liebe als Entscheidung für eine Welt, die vom Unterschied aus erfahren wird – während die Liebenden die immer gleichen Punkte passieren: Kinder, Reisen, Freunde, Ausgehen, Krankheit, Ferien usw. Dabei muss die erste Liebeserklärung von jedem Punkt aus neu formuliert werden. Badiou scheut sich nicht, das Wort "mühsam" auszusprechen und benennt im gleichen Atemzug den größten Feind der Liebe: den Egoismus, verstanden als Identitätshunger des einzelnen Ichs.
 
Hier spricht ein Liebender, einer, der gelebt und gewagt und gelitten hat und dessen unaufdringliche Weisheit lange nachhallt. An einer Stelle sagt Badiou: "Es gab Dramen, Zerfleischungen und Ungewissheiten, aber ich habe niemals mehr eine Liebe verlassen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diejenigen, die ich geliebt habe, auf ewig geliebt habe und noch liebe." [...]"
 
Quelle: Deutschlandradio Kultur (s.o.). Farbliche Hervorhebungen habe ich getätigt.
 
Exakt dies ist auch mein Verständnis von und meine Praxis der Liebe, von Partnerschaft, Beziehung.
 

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