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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Freitod - Suizid - Selbsttötung - Sterbehilfe - BVerfG-Urteil

Aktualisierung am 26. Februar 2020
 
Sterbehilfe,  heutiges BVerfG-Urteil - Ein wichtiges, richtiges Urteil.
Herzlichen Dank allen, die sich hierfür eingesetzt haben (Kläger, Verfassungsbeschwerden)!
 
1. Ja: Wir wollen, brauchen aktive Sterbehilfe.
 
2. Nein, Palliativmedizin ist nicht ausreichend, denn es geht gerade nicht um "nur" das Lindern von Schmerzen.
 
Es geht darum, ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben - auch im Alter, auch am/bis zum je persönlichen Lebensende und auch bei bestehender (schwerer) Krankheit - führen zu können, dies zu dürfen, darüber je selbst entscheiden, verfügen zu dürfen, siehe Menschenwürdegrundsatz, Grundgesetz.
 
Was für jeweils welches Individuum - für dieses selbst/je persönlich - als ein solch menschenwürdiges, auch sinnerfülltes, selbstbestimmtes Leben gilt, hat das jeweilige Individuum zu entscheiden, so es urteils-, entscheidungsfähig ist.
 
Nein, diese Urteilsfähigkeit kann, darf nicht (weiterhin) generell durch psychische Pathologisierung - siehe vermeintlich zugrundeliegende Depression - abgesprochen werden.
 
Nein, auch die Verantwortung gegenüber anderen Menschen (bspw. Kindern) kann nicht pauschal, grundsätzlich, ohne nähere Betrachtung als hinreichender, exkludierender Grund gegen einen Suizid herangezogen werden, da auch dies ethisch nicht zu rechtfertigen ist, denn nur das jeweilige Individuum lebt, hat dieses sein persönliches Leben - mit allen Hintergründen (Biographie), Belastungen, Erfahrungen, Erinnerungen, mit seiner je subjektiven Einstellung, seinen Bewertungen, Reflexionen, Empfindungen, Gefühlen (auch individuelles Schmerzempfinden), Persönlichkeit (-sentwicklung).
 
Und niemand darf sich anmaßen, darüber urteilen zu können, ob ein Individuum sein Leben für sich (noch oder grundsätzlich) als lebenswert erachtet oder nicht.
 
Denn: Niemand anderer i s t dieser Mensch und lebt dessen Leben, "hat" dessen Existenz mit all seinen Ausprägungen, Ausformungen, Gegebenheiten, Besonderheiten, Eigenheiten etc..
Niemand kann sich daher ethisch legitimiert zum Richter über fremdes Leben, Leiden, Fühlen, Empfinden, Reflektieren und Entscheiden hinsichtlich des selbsttätigen Beendens des - nur je eigenen - Lebens aufschwingen.
 
3. Es ist der Suizid - die freiwillige, bewusste, selbstbestimmte Selbsttötung - generell endlich zu enttabuisieren und zu entpathologisieren, denn Verzweiflung, Trauer, Schwermut, Melancholie, Überlastung, Erschöpfung, "Lebensmüdigkeit, Lebensüberdruss" gehen nicht ausschließlich auf psychische Erkrankungen oder Störungen zurück.
 
Es gibt auch den Bilanzsuizid, der einem jeden bewussten, urteilsfähigen Individuum ethisch zusteht, zugestanden werden muss.
 
4. Hospize werden deshalb keineswegs überflüssig. Denkbar ist die aktive Sterbehilfe, der assistierte Suizid gerade auch in Hospizen. Sterbebegleitung schließt ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges, schmerzfreies Lebenbeenden durch Suizid nicht aus, im Gegenteil.
 
5. Nur weil ein Mensch am Leben, existent ist, ergibt sich hieraus keine ethische Lebenspflicht.
 
Kein Mensch wurde zuvor gefragt, ob er geboren und wie, wo, wann er unter welchen Umständen wie lange leben oder existieren will bzw. muss.
 
Einzig religiös lässt sich eine vermeintliche Lebenspflicht ggf. proklamieren, nicht jedoch (philosophisch-) ethisch.
 
6. Leid gehört zu auch dem menschlichen Leben, Sein. Es geht nicht darum, allem Leiden auszuweichen, es auszumerzen, es zu fliehen. Es muss allerdings auch niemand Masochist oder Märtyrer sein oder werden sollen - auch nicht, wenn sie/er alt und/oder (schwer) krank ist.
 
Es hat hingegen Elemente von Sadismus und zeugt gerade nicht von Mitgefühl und Vernunft, Menschen ihr ethisches Recht auf selbstbestimmten, würdevollen Tod zu nehmen.
 
Dies lässt sich auch nicht mit vermeintlichem Dammbruch rechtfertigen.
 
Ausführlich(er) nachfolgend.
 
Aktualisierung am 27. Februar 2020
 
Nochmals zum Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts zu Sterbehilfe und Suizid und den über dieses Urteil Besorgten, Kritikern, auch Gegnern:
 
Nun, nach der Urteilsverkündung, geht es darum, aufmerksam zu beobachten und kritisch zu begleiten, was wer in Gesellschaft und (Regierungs-) Politik aus welchen Gründen, auf Basis welcher Interessen und Ideologie aus diesem Urteil macht, wie es in Praxis umgesetzt wird, d.h. was genau jeweils wie umgesetzt werden kann oder nicht, wer was auf welche Weise aus welchen Gründen durchzusetzen versucht. Siehe bspw. in Bezug auf etwaige Beratungspflichten Sterbewilliger und ggf. zu erstellende oder geforderte  Gutachten - wie, von wem, auf welcher Grundlage jeweils, mit welchem Ziel gefordert.
 
Denn welches Problem hat wer aus welchen Gründen mit dem selbstbestimmten Sterben, mit dem Enttabuisieren und Entpathologisieren des Suizids?
 
Vorrangig sind das religiös gläubige Menschen, die das Leben als "Geschenk Gottes" oder es als schicksalsgegeben (fatalistisch) betrachten und infolgedessen von einer "gottgegebenen Lebenspflicht" ausgehen, eine solche Pflicht, somit auch das Existierenmüssen bis zum vermeintlich "natürlichen" oder durch "Gott" oder "das Schicksal" bestimmten Ende, unterstellen, proklamieren.
 
Dies lässt sich jedoch, wenn überhaupt, nur innerhalb dieser Ideologie, für die daran Glaubenden, die religiös Gläubigen festlegen und gerade nicht für jene, die nicht religiös (oder esoterisch, fatalistisch ...) gläubig sind. Es kann somit allenfalls innerhalb des Glaubens, innerhalb der jeweiligen Glaubens"gemeinschaft" gelten, nicht für all jene außerhalb derselben.
 
Daneben gibt es vor allem aber auch Mediziner, Ärzte, Pharmakonzerne, Politiker, die aus u.a. auch religiösen Gründen, weiterhin auch aus Profitgründen gegen den selbstbestimmten Tod, die selbstbestimmte Selbsttötung polemisieren, agitieren und die eifrig sowie manipulativ bis aggressiv für "mehr" Palliativmedizin werben. Siehe unten verlinkte Artikel zur Information, zum Nachweis hierüber.
 
Festzustellen ist:

1. Keineswegs stirbt es sich grundsätzlich leichter, angenehmer, erträglicher durch, mit Palliativmedizin, siehe die verlinkten Artikel hierzu.
 
2. Nicht jeder (unheilbar kranke, leidende, alte, bewusste, reflektierte) Mensch möchte sediert oder/und intensiv medizinisch "behandelt" vegetieren und sterben.
 
3. Wer auf intensivmedizinische, auch palliative "Behandlung" nicht angewiesen sein möchte, wer dies als bspw. nicht mehr lebenswertes Leben, als nicht mehr selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben für sich selbst so befindet, empfindet, erlebt, entscheidet, muss eine gute, sichere, menschenwürdige Alternative hierzu haben und diese jederzeit niedrigschwellig und verlässlich zugänglich.
 
Er muss seinem Leben also selbst, d.h. selbstbestimmt und soweit möglich auch selbsttätig - mit sachkundiger, seriöser, verantwortungsvoller, sorgfältiger, empathischer, verlässlicher, sicherer, daher medizinischer Unterstützung - ein Ende setzen können: menschenwürdig, bewusst, willentlich, überzeugt, selbstbestimmt.
Das bedeutet in den meisten, wenn nicht allen Fällen: schmerzfrei, leidfrei, sicher, ohne ausgeübten Druck, Nötigung, gar Zwang anderer, nicht (physisch) entstellend und idealerweise somit Ort, Zeitpunkt und Methode selbst wählen, festlegen könnend.
 
4. Infolgedessen darf diese Person auch nicht zu Palliativmedizin überredet, gedrängt, gar genötigt werden.
 
5. Es muss das gesellschaftliche, politische, mediale Tabuisieren, Verschweigen des Suizids, d.h. von suizidalen Menschen, deren (Hinter-) Gründen, Lebensumständen etc. beendet werden, gleichermaßen auch das Pathologisieren der Suizidalen.
 
Denn nein: Nicht immer, grundsätzlich, ausnahmslos oder auch nur mehrheitlich liegt dem "Sterbewunsch" bzw. dem Selbsttötungswunsch, der Selbsttötungsabsicht eine psychische oder psychiatrische Störung oder Erkrankung - wie bspw. Depression - zugrunde.
 
Im Falle tatsächlich zugrundeliegender psychischer Erkrankungen ist genauer zu eruieren, zu untersuchen, zu belegen, ob und wie den Betroffenen tatsächlich womit, auf welche Weise für wie lange geholfen wird, ob sie tatsächlich geheilt (?) oder nur vorübergehend symptomatisch behandelt werden - mit welchen gerade auch langfristigen Folgen, siehe bspw. Nebenwirkungen (Intensität, Ausmaß, Dauer ...), Rückfälle und schließlich doch vollzogene Suizide.
Ob das, deren Leid also tatsächlich gemildert, verkürzt oder behoben wurde oder nicht.
 
Zu fragen ist, wie so auch bei Palliativmedizin, wer von solchen Behandlungen noch oder überhaupt - auch wiederholt und langfristig - auf welche Weise und in welchem Ausmaß profitiert, siehe Ärzte, Kliniken, Beatmungs-WG´s, Pharmaunternehmen ... - und welche Folgen dies hat, gerade hinsichtlich der "Empfehlung" zu solchen psychiatrischen und/oder palliativmedizinischen Behandlungen, Therapien, Maßnahmen, Medikamenten etc.. Siehe Kampagnen, Interessenverbände, -vertretungen ... .
Siehe hierzu insbesondere auch das Slippery-Slope-, das Dammbruchargument.
 
6. Zu fragen, gesellschaftlich zu diskutieren, ethisch zu erörtern und zu begründen ist, was, wenn überhaupt, gegen einen Bilanzsuizid spricht oder auch gegen einen Verzweiflungssuizid, wenn:
 
medizinische, vor allem aber soziale, materielle, wirtschaftliche, finanzielle oder auch politische Hilfe, bedürfnisorientierte, respektvolle, niedrigschwellig zugängliche, effektive Unterstützung, Entlastung, Situationsverbesserung, Perspektive nicht verfügbar, ist bzw. staatlich, gesellschaftlich, politisch nicht geleistet wird.
 
Stichwort materielle Armut und daraus resultierende:
 
Ausgrenzung, Abwertung, Entwürdigung, erheblich eingeschränkte bis fehlende Mobilität, fehlende ausreichende, gesunde Nahrung, fehlende (sichere) Wohnung, fehlende soziokulturelle Teilhabe, nicht zugängliche (aber krankheitsbedingt erforderliche) gute, hilfreiche, wohltuende medizinische Behandlung, in Folge all dessen sich einstellende soziale Isolation, Einsamkeit, Erschöpfung, Traurigkeit, Wut, Resignation, Scham, sich verschlimmernde physische chronische Ekrankungen, körperlicher Abbau, Verfall, Verzweiflung - Sterbewille.
 
Zu fragen ist, wieviele Menschen sich alljährlich und seit wann bereits aus solchen Gründen das Leben nehmen bzw. bereits genommen haben - und dies mittels zumeist sehr belastender, gewaltvoller, leidvoller, auch unsicherer sowie Unbeteiligte notgedrungen involvierender, ggf. auch beschädigender Methoden tun müssen, hierzu bisher in Ermangelung angemessener Unterstützung gezwungen waren und nach wie vor sind.
 
Nein, solchen Menschen helfen die "sozialen Sicherungssysteme" nachweislich gerade nicht, jedenfalls nicht in dem Maße, dass es sie vom Suizid abhielte.

Nein, solchen Menschen helfen auch Psychotherapien und/oder Psychopharmaka nicht.

Was ihnen hülfe, wären zuträglich veränderte Lebensbedingungen, gemeinschaftliches, generationenübergreifendes Wohnen bspw. (siehe cohousing), erheblich mehr ihnen zur Verfügung stehendes Geld, das Beheben der matierellen Armut und der bekannten damit einhergehenden Begleitumstände, Folgen, Langzeitschäden.
 
Denn erst dann, erst damit wäre Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, würde ihre Seltswirksamkeit und Resilienz, ihre Motivation reaktiviert und schließlich auch ihre Lebensfreude wiederbelebt, gestärkt - ermöglicht.
 
Nein, der Weg dahin ist nicht der Zwang oder das Drängen zu Erwerbstätigkeit - die grundsätzlich nicht mit Arbeit gleichsetzbar ist, insbesondere nicht zu solcher, die nicht existenzischernd entlohnt wird und/oder die noch zusätzlich schwächend, belastend, zermürbend, beschädigend ist.
 
Der gebotene Weg ist der der tatsächlichen, effektiven, menschenwürdigen Existenzsicherung, inklusive Mobilität und soziokultureller Teilhabe sowie Wertschätzung und Einbindung, statt Ausgrenzung.
 
Der Weg ist der des Solidarisierens und Kooperierens, des Teilens, Gebens, der Fürsorglichkeit, des Mitgefühls- statt des Kampfes, der Konkurrenz, der Leistungs- und Verwertbarkeitsideologie, der Profitmaximierung.
 
Es ist der Weg der gegenseitigen Unterstützung, des prosozialen Verhaltens, des bedürfnisorientierten Gemeinwohls - auf Basis von Mitgefühl, Verständnis, Toleranz, , Solidarität, Kooperation, Verantwortungsbewusstsein, Integrität, Reflexionsfähigkeit, Umsicht, Vernunft.
 
Statt des Egozentrimsus´, der Selbstsucht, der Gier, des Geizes, des Neids, des Übervorteilenwolles, der Korrumpierbarkeit, der Leistungsideologie, der rein wirtschaftlichen Effizienz, der Ausbeutung, des Paternalismus´, der Gewalt, der Unreife, des Selbstbetrugs
 
7. Wer sein Leben - aus welchen Gründen auch immer - als urteilsfähiger, bewusster, reflektierter Mensch für sich selbst als nicht (mehr) lebenswert erachtet und/oder wer schlicht für sich befindet, er habe "genug gelebt", wer für sich entscheidet, nicht noch länger, "mehr" existieren, leben zu wollen und/oder zu können, muss über sein Leben und damit auch über sein Lebensende, sein Sterben selbst verfügen können und dürfen, d.h. er muss selbstbestimmt entscheiden können/dürfen, dass, ob und wann er dieses: s e i n Leben beendet und eigentlich auch wie und wo, so lange er anderen damit nicht wissentlich absichtsvoll oder grob fahrlässig sowie vermeidbar intensiven Schaden zufügt.
 
Bei aller gebotener, bestehender Verantwortung gegenüber Schutzbefohlenen, Hilfebedürftigen, bspw. auch Kindern, Partnern, Freunden, Verwandten:
Nein, auch diese haben kein ethisch legitimierbares Verfügungsrecht über das Leben und Sterben dieser Person, dieses - anderen - Individuums, dieser Persönlichkeit. Am wenigsten hat es der Staat.
Siehe Menschenwürdegrundsatz, universelle Menschenrechte, Persönlichkeitsrechte.
 
Der je einzelne Mensch, somit sein Leben, seine Existenz, "gehört" in letzter Konsequenz stets und nur sich selbst. Denn nur er selbst hat diese seine je individuelle, persönliche Existenz (auch seinen Körper, seine Gedanken, Gefühle, Erfahrungen, Erinnerungen ...) und nur er selbst, er allein erlebt, erfährt, erleidet, was er subjektiv jeweils wie erlebt, erfährt erleidet, wahrnimmt, jeweils w i e fühlt, empfindet, bewertet, erkennt, reflektiert, erinnert, wünscht, ablehnt, erträgt ... .
 
Niemand anderer kennt seine persönliche "Innenansicht", niemand kann ihm sein Leben "abnehmen", es für ihn leben, mit ihm tauschen - er hat es (alles) in und mit sich selbst zu tun, zu erfahren, zu erleiden, zu bewältigen, zu ertragen, zu leben - oder dies eben gerade nicht.
 
Da es sich dabei - bei aller Ähnlichkeit, Wiederholung, Gemeinsamkeit zwischen Menschen - um ein absolut subjektives, individuelles, persönliches Geschehen, Erleben, Sein handelt, kann niemand sich anmaßen, darüber zu bestimmen, ob, gar dass es (unter allen Umständen) zu erhalten, fortzusetzen ist, bis es "von außen" beendet wird.
 
So wenig, wie wir das juristische und ethische Recht haben, einem anderen Menschen dessen Leben gegen dessen Willen, ohne dessen Zustimmung zu nehmen (Mord), so wenig haben wir das ethische Recht, einen anderen Menschen zum Leben, zum Existieren, zu dessen je persönlichen Leben zu zwingen.
 
Nein, das Recht auf Selbsttötung, auf selbstbestimmten Tod, ist nicht durch vermeintlichen Dammbruch vorzuenthalten.
 
Ja, ggf. kann es eine Zunahme von Suiziden geben, diese ist aber nicht wahrscheinlich, denn schon bisher töten sich - aus Gründen - ca. Zehntausend Menschen allein in Deutschland jährlich selbst: bisher gezwungenermaßen mittels oben genannter harter, gewaltvoller, leidvoller Methoden.
 
Nicht das juristische und/oder ethische Verbot, nicht die gesellschaftliche Ächtung der (medizinisch, sozial, emotional, empathisch, verantwortungsvoll) unterstützten, entlastenden, menschenwürdigen, selbstbestimmten Selbsttötung verhindert Suizide, auch nicht das Tabuisieren und Pathologisieren des Suizids, der Suizidenten, und auch nicht "mehr, bessere Palliativmedizin", sondern tatsächlich hilfreiche, wohltuende, ggf. auch heilsame Lebensverhältnisse, ggf. auch Therapien und die angemessene Prävention von diversen durchaus vermeidbaren Beschädigungen, auch Traumatisierungen von Menschen mit langwierigen Folgen - bspw. und insbesondere in der Kindheit, aber auch jener durch Armut und Ausgrenzung erzeugter sowie damit einhergehender Belastungen, Verletzungen, Beschädigungen.
 
-
 
Zur Erinnerung: Jedes Jahr sterben allein in Deutschland ca. 10 0000 Menschen durch Suizid. Nein, das geht nicht auf ausschließlich oder überwiegend psychische Krankheiten (wie bspw. Depression) zurück, sondern hat eine Menge mit gesellschaftlichen, politischen Verhältnissen, materieller Armut und einhergehender Ausgrenzung, finanziell nicht zugänglicher Mobilität (ÖPNV ...), chronischer Krankheit, fehlender soziokultureller Teilhabe, fehlender Wertschätzung und Zugehörigkeit sowie sozialer Isolation zu tun.
 
All das wäre  - gesellschaftlich, politisch - änderbar, behebbar, vorbeugbar, so es politisch, gesellschaftlich gewollt wäre. Viel hat das mit der Art zu arbeiten, zu wohnen, zu wirtschaften, zu konsumieren zu tun und damit, ob und wie welche Beziehungen, Bindungen möglich sind, gefördert, gestärkt, erhalten oder aber gehemmt, gestört, beschnitten, beschädigt werden.
 
"[...] Im Jahr 2014 - das sind die aktuellsten Zahlen, die uns vorliegen - starben in Deutschland 10.209 Menschen durch Suizid. Weit über 100.000 Menschen begingen einen Suizidversuch. Das sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen. Betroffen von Suizid sind aber viel mehr Menschen: Wir gehen davon aus, dass circa 60.000 Angehörige ebenfalls Hilfe benötigen. Denn Suizid hat eine Besonderheit: Er hinterlässt Schuldgefühle. Das Gefühl, versagt zu haben, nicht genug getan zu haben. Die Hinterbliebenen meinen dann häufig, es nicht Wert zu sein, dass man für sie weiterlebt. Die Trauerarbeit ist oft wesentlich langwieriger, als wenn ein Angehöriger an einer Krankheit wie Krebs stirbt. "[...]
 
WDR.de: Welche Rolle spielt die Gesellschaft?
Fiedler: Das ist schwer zu sagen, und man kann Suizid in der Regel nicht auf ein Phänomen zurückführen. Aspekte, die die Suizidrate ansteigen lassen können, sind Arbeitslosigkeit, schlechte medizinische Versorgung, die gute Verfügbarkeit von Mitteln, die zu Suizid führen. [...]
 
WDR.de: Wie hat sich die Zahl der Suizide in den vergangenen Jahren entwickelt?
Fiedler: Seit den 1980er Jahren ist die Zahl deutlich zurückgegangen. Vermutlich, weil sich die psychosoziale Versorgung in der Zeit deutlich verbessert hat. Anfang der 1980er gab es bessere Medikamente, mehr Beratungsangebote und bessere Kliniken. Allerdings ist in den letzten Jahren, seit 2007, wieder ein leichter Anstieg zu erkennen.
 
WDR.de: Wie ist die Situation in Deutschland im internationalen Vergleich?
Fiedler: Bei der Suizidrate stehen wir ganz gut dar, international im unteren Drittel. In Europa ist die Suizidrate vor allem in den baltischen Ländern und in Russland hoch - dort spielt Alkoholsucht eine große Rolle beim Suizid. In fast allen Ländern nehmen sich mehr Männer das Leben als Frauen. Eine Ausnahme ist China - wir vermuten, dass das mit dem dortigen Frauenbild zu tun hat. Signifikante Unterschiede gibt es auch in den USA. Bei weißen Amerikanern ist es das bekannte Muster: Je älter, desto mehr Menschen begehen einen Suizid. Bei schwarzen Amerikanern ist das anders, da gibt es im Alter keinen Anstieg. Vermutlich spielen auch da kulturelle Faktoren eine Rolle - etwa starke familiäre Bindungen, die die Suizidgefährdung - wir sprechen dann von Suizidalität - senken. [...]
 
Was genau hilft, ist individuell sehr unterschiedlich. Es gibt zwar keine wirklich verlässlichen Zahlen darüber, aber Hinweise, dass niedrigschwellige Angebote besonders gut angenommen werden: Anonym, autonom, wo man sich jederzeit auch zurückziehen kann wie bei der Telefonberatung und Angeboten im Internet. Wünschenswert wäre aber auch hier, dass es im Gesundheitssystem mehr unkomplizierte Hilfsangebote gäbe - eine psychiatrische Klinik ist nicht für jeden die richtige Anlaufstelle. Da ist also noch erheblicher Bedarf."
 
https://www1.wdr.de/wissen/mensch/suizid-und-gesellschaft-100.html
 
 
Hört einfach auf (Medien, Politik, Mediziner, Interessenverbände ...), vorrangig psychische Störungen und/oder Erkrankungen als Hauptursache für Suizid zu nennen. - Es stimmt nachweislich weltweit nicht.

Hauptrisikofaktoren waren, sind und bleiben global:

Materielle Armut, damit einhergehend: Ausgrenzung, diverse erhebliche Entbehrungen, (auch gesundheitliche) Belastungen, Beschädigungen, fehlende Teilhabe, soziale Isolation, Einsamkeit und alle bekannten, damit einhergehenden Begleiterscheinungen und sich daraus ergebenden Folgen wie bspw. Alkoholismus, Drogensucht (Substanzabhängigkeiten), Verzweiflung, Suizid.
 
-
 

Suizide in Deutschland

destatis.de

Suizid in Deutschland

magazin.spiegel.de

Soziale Isolation, Einsamkeit, Ausgrenzung, Schmerzgrenze, Aggression, Suizid
 
"Selbst wenn man einen biologischen `Selbsterhaltungstrieb´ postuliert, kann man auf unerwartete Schwierigkeiten stoßen. Sozial lebende Säugetiere, zu denen auch der Mensch zu zählen ist, büßen ihren `Selbsterhaltungstrieb´ ein, sobald sie für längere Zeit isoliert und gezwungen werden, gegen ihren Willen alleine zu leben: Nicht nur der Wunsch nach Nahrungsaufnahme, auch weitere Anzeichen von Vitalität (z.B. die spontane Neigung, sich zu bewegen) lassen unter Isolationsbedingungen, auch wenn genügend Nahrung zur Verfügung steht, drastisch nach. Soweit es sozial lebende Arten betrifft, gehen über lange Zeit isolierte oder sozial ausgegrenzte Individuen, ungeachtet eines angeblichen `Selbsterhaltungstriebes´ zugrunde."
 
Joachim Bauer (Neurobiologe, Arzt, Psychotherapeut), "Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt"
 
https://www.spektrum.de/rezension/schmerzgrenze/1122664
 
Freitod
 
Tod – für viele Menschen ist "er", ist das der Inbegriff von Endgültigkeit, Begrenzung, Absolutheit, Gewissheit, Unabwendbarkeit, Machtlosigkeit – Abgrund, Zumutung und Absurdität.
 
Geht er doch einher mit Trennung, Verlust, Trauer, Angst, Wut, Verzweiflung, Haltlosigkeit; manchmal auch mit Gefühlen von Schuld, Leere und Sinnlosigkeit.
Weil er uns widerfährt. Weil er uns heimsucht. Weil er uns zustößt.
Wir können nichts dagegen unternehmen, wir können uns nicht davor schützen. Und alles, das wir mühsam aufgebaut, entwickelt, überwunden, erlitten, bewältigt haben, und alles, das uns wert war, das uns beglückte, erfreute, trug …, geht mit uns unter – ins ewige Nichts, als seien wir, unser ganzes Sein, unsere ganze, kleine Welt: nie gewesen.
 
Wir werden geboren … um zu leben - um zu sterben.
Wir leben. Wir sterben. Schluss. "Mehr" – gibt es nicht.
 
Und als ob dies noch gesteigert, noch übertroffen werden müsste, wissen wir nicht einmal, wann es so weit ist und: wie es geschehen, wie es "sich anfühlen" wird - was sterben, das eigene Sterben, heißt, ist.
 
Für andere bedeutet der eigene, d.h. ihr "eigener" Tod, ihr Ableben, Erleichterung, Befreiung. Loslassen, Stille, Frieden.
 
Wie Menschen mit Tod und Sterben umgehen, hängt im Wesentlichen davon ab, in welcher Zeit und Gesellschaft sie leben, von welcher Kultur, Religion, welcher Art von Glauben, Gläubigkeit sie geprägt sind.
 
Dies trifft gleichermaßen auf den Freitod, die Selbst-Tötung,  zu.
So wird er, je nach Ort, Region, Zeit, Kultur … unterschiedlich bewertet: als Schwäche, Schande, Feigheit, als Lebensuntüchtigkeit, Scheitern, Versagen, Fliehen, als ein Vergehen, als Akt der Rache/Vergeltung, "Bestrafung", als Vermessenheit oder persönliches Schicksal, als würdevolles Ende/Beenden, als der Ehre verpflichtete oder selbstbestimmte Tat, als Martyrium, Opfer oder Erlösung.
 
In unserer heutigen, westlichen Gesellschaft werden sogenannte "Selbstmörder" mehrheitlich noch immer verurteilt, verachtet oder bemitleidet – oder auch verschwiegen, geheimgehalten.
Am wenigsten jedoch verstanden. Ihre Entscheidung und deren Vollzug wird nach wie vor nicht wirklich, ehrlich, tatsächlich: respektiert.
 
Diese von Unsicherheit, Befremdung, Ignoranz und Arroganz, Schuld und Scham geprägte Haltung geht auch heute noch auf den Einfluss der Kirche, der Religion, des christlichen (monotheistischen) Glaubens zurück, aber auch auf jenen, der von Hedonismus durchtränkten Konsumgesellschaft, frei nach dem Motto:
Das Leben muss gelebt werden und hat "Spaß" zu machen, es muss vollständig "ausgekostet" werden – um (fast) jeden Preis! Der Tod kommt von allein; das Leben ist ein Geschenk, das man wahlweise entweder dankbar anzunehmen und demütig zu ertragen hat oder aktiv "gestalten" muss (Sinngebung etc.).
 
Gerade so, als gebe es eine moralische Pflicht zu leben – welche sich einzig aus dem Umstand ableitet, dass man also nun mal am Leben ist, existiert, wenn auch unfreiwillig, ungefragt.
 
Oder deshalb also, weil es "gottgegeben" und der Mensch "Gott" unterstellt, verpflichtet ist.
Sicher, unter Glaubensaspekten wird zwar die "Selbstverantwortung" gepriesen, die Selbstbestimmung hingegen, hat einen schweren Stand. Denn wer etwas bestimmt – noch dazu überwiegend oder absolut die nur eigene Person, das eigene Existieren betreffend und überdies also das Beenden dieser vermeintlich von Gott gegebenen, geschenkten oder auferlegten Existenz – versündigt sich gegen Gott, da er sich gewissermaßen mit dem Akt der Selbsttötung ihm gleich- oder sogar über ihn stellt, erhebt, über "Gottes Willen" hinwegsetzt, ihm widerspricht, sich ihm widersetzt. Seinem "göttlichen Plan", seinem "Wort" - statt ihm gehorsam und demütig zu folgen: ohne zu fragen, ohne aufzubegehren - völlig verständnislos.
Ja, das kann demnach nur satanisches Machwerk, somit böse und schlecht sein. ;)
 
Doch wenn wir uns aus religiösen Verstrickungen einmal zu befreien, von dieser Perspektive zu lösen versuchen:
 
Wer entscheidet dann auf Basis welcher ethischen Legitimation für wen, was dieses je individuelle Leben für diese einzelne Person lebenswert macht – was persönliches "Glück" (im Sinne von Lebenszufriedenheit) und was unter welchen Umständen, Voraussetzungen, Bedingungen für wen jeweils weshalb unerträgliches, untragbares, also unzumutbares Leid, Last, Bürde ist?
 
Unter welchen Bedingungen könnte solches Leid von "der Gesellschaft", der Wertegemeinschaft, anerkannt, zugebilligt werden – welches Leid(en) also, für jeweils wen, in welcher Intensität, mit welcher Dauer und/oder Wiederholung (er-) tragbar ist und welches (aus welchen Gründen) für wen nicht?
 
Wenn wir jedem Menschen zugestehen, dies für nur sich selbst feststellen, beurteilen, entscheiden zu können und zu dürfen – darf er dann nicht auch die entsprechende Konsequenz (ebenfalls für: nur sich selbst, d.h. ausschließlich das eigene Existieren oder Nicht-(mehr-)Existieren betreffend) hieraus ziehen?
 
Wem gehört denn das vorgeblich eigene Leben?
 
Wer hat unter welchen Gegebenheiten, auf welcher und: wessen Legitimationsgrundlage welche und wie weitreichende Verfügungsgewalt, zumindest Entscheidungsbefugnis darüber?
Und wer legt dies wiederum auf welcher – rechtlichen, viel mehr jedoch ethischen und demokratischen, konsensualen (?) – Basis fest?
Für wie lange? ...
 
Das "Recht auf Leben" gilt als "heilig", unantastbar, unbedingt schützenswert – und dies wird dogmatisch verfochten.
 
Das Recht auf selbstbestimmten, d.h. freien, würdevollen – Tod exisitert nicht.
 
Zumindest wird versucht, dem auszuweichen und eine solche Haltung, dem nur "eigenen"! Leben und dem eigenen! Tod gegenüber, zu unterdrücken.
 
Niemand kann selbstbestimmt entscheiden, ob, wann, wo und von wem er wohin, wohinein geboren werden und dann leben (und leiden) will – oder nicht: dort, so … oder überhaupt grundsätzlich.
 
Gläubige und Esoteriker (die ja auch Gläubige, Glaubende sind), sehen das zweifellos anders. – Glaube(n) ist allerdings ein Phänomen für sich, das, an dieser Stelle näher zu erörtern, zu weit vom eigentlichen Thema wegführte und den Rahmen sprengte. Siehe dazu bei Interesse gerne hier: Gott, Religion, Monotheismus, Kirche, Glaube, Transzendenz, Metaphysik, Mystik
 
Es wird der "Schutz des ungeborenen Lebens" gerade von der Kirche, ihren Vertretern, Ausläufern, der Gemeinschaft der Gläubigen, propagiert. Und das menschliche Leben gilt nach wie vor trotz Kriegen, also erlaubtem, gebilligten, ja sogar geforderten Mord(en) in kriegerischen Konflikten, trotz Folter, Klonens ("aus ethischen Gründen, zu medizinischen Zwecken" …) und künstlicher Befruchtung, massiven Eingriffen ins (auch menschliche, nicht nur tierische und pflanzliche) Erbgut als "unantastbar" – zumindest also dem nach außen zu wahrenden Schein nach.
 
Ich stimme dem zu, dass niemand das Recht haben soll, darf (dürfte …), eines anderen Menschen Leben gegen dessen Willen, ohne dessen Einverständnis zu beenden oder es auch "nur" erheblich existenziell negativ zu beeinträchtigen, zu beschädigen.
Doch sollte, nach meiner Überzeugung, jeder Mensch im Rahmen der Achtung der Natur und anderen (menschlichen) Lebens weitgehend selbstbestimmt wie auch selbstwirksam leben können – und dürfen.
 
Die wenigsten Menschen auf unserem Planeten können das.
 
Aber sie könn(t)en ihr Leben selbst beenden, denn nur der Mensch ist - als einziges, irdisches Säugetier – in der Lage, sich selbst den Tod zu geben.
 
Die Selbsttötung ist daher etwas spezifisch Menschliches.
 
Menschen haben Träume, Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen, Ideale, Pläne, Ziele … .
Wieviele Menschen können, global gesehen, diese überhaupt jemals auch nur ansatzweise für sich, ihre Existenz, die Dauer ihres Daseins, verwirklichen oder auch bloß erhoffen?
Und wenn dies – wie lange, dauerhaft, beständig, einigermaßen verlässlich, sicher?
 
Wieviele Menschen weltweit können ehrlicherweise behaupten, dass Glück und Leid sich in ihrem Leben die Waage halten oder zumindest in einem erträglichen, tragbaren, lebbaren, lebenswerten Verhältnis stehen?
Oder auch, dass es in dieser Welt (Verteilungs-) Gerechtigkeit und Chancengleichheit gebe?
 
Wieviele Menschen erleiden über lange Zeit hinweg oder wiederholt physischen und/oder psychischen Schmerz – Hunger, schwere Krankheiten, Obdachlosigkeit, Unfreiheit, Kriegsleid, Natur"katastrophen", Armut, existenzielle Not – auch: Einsamkeit, Verzweiflung … ? Und vieles davon oftmals: ohne dies selbst verschuldet oder zu verantworten zu haben.
 
Und wieviele Menschen, die anderen Leid absichtlich, bewusst, wissentlich und willentlich zugefügt oder es mitverursacht haben, die sich schuldig gemacht haben, leben dennoch unbehelligt, unbeschadet, unversehrt – im materiellen Überfluss, in existenzieller Sorglosigkeit und werden selbst nicht von solchem Leid, Elend, solcher Not getroffen, heimgesucht, überwältigt, vergewaltigt …?!
(Ob diese wie jene dennoch lebensfroh, lebenswillig, lebenszufrieden sind, ob sie ihr Leben als erfüllt und "richtig", als wert erleben, steht auf einem anderen Blatt … .)
 
Ja, die Frage, die sich hier stellt, ist jene nach dem Umgang mit, dem (fehlenden) "Sinn" und der Zumutung sogenannter Widerfahrnisse –  dem Ausgeliefertsein, dem Geworfensein.
 
Ist Demut die einzig angemessene Antwort darauf, Haltung dazu?
Mit welchem Verhalten im je eigenen kleinen Kosmos, den andere aber – mehr oder weniger freiwillig – teilen (müssen)?
Mit welchen lebenspraktischen Konsequenzen?! ?
 
Oder könnte es noch eine andere Antwort, eine andere Haltung geben?
Eine boykottierende oder revoltierende (Camus lässt grüßen), eine ablehnende, entsagende, eine vor diesem Hintergrund konsequente und: absolute. 
Da eben das Geworfensein, inklusive der menschlichen Endlichkeit – des gewissen Todes - ebenso absolut, so unausweichlich, so total wie brutal ist.
 
Und dies insbesondere auch deshalb, weil so wenig Spielraum bleibt, weil so viel Ungewissheit, Unsicherheit und Unbegreiflichkeit darin (im je individuellen Leben wie im Umstand des eines "natürlichen" Todes Sterben) enthalten ist, darauf lastet, es überschattet – es dominiert, regiert.
 
Leben Menschen ihr Leben mehrheitlich wirklich gern, d.h. überzeugt und tatsächlich freiwillig?
Hängen sie daran? Falls ja, aus welchen - wievielen verschiedenen? - Gründen?
Weil sie nur dieses eine "haben" und kennen? Oder weil sie – noch – Hoffnung bzw. Zuversicht haben können oder sie um jeden Preis haben wollen und sich nötigenfalls hinbiegen, sich somit aber selbst betrügen?
 
Verdrängen: erleichtert einiges, vorläufig und vorübergehend zumindest.
 
Besonders Zuversicht aber, eine realistische Perspektive auf Verbesserung der (widrigen) Lebensverhältnisse, hilft Menschen, weiterleben zu können, zu wollen. Macht ihnen dies überhaupt möglich.
Wieviele Menschen gibt es auf der Erde, die keine Perspektive, keine Zuversicht, keine Hoffnung (mehr) haben können?
 
Wer ist so weise, darüber entscheiden, bestimmen, urteilen zu können, ob das Leben eines Individuums für dieses selbst lebenswert ist oder nicht – ohne dessen Leben je selbst gelebt, erfahren zu haben, (er-) leben zu können? Ohne die Innenansicht zu kennen.
 
Oder sollte die Frage eher lauten:
Wer hat so viel Macht, darüber zu entscheiden, zu verfügen? Und wodurch wird diese Macht legitimiert, wie lässt sie sich rechtfertigen?
 
Wer bestimmt und bewertet auf welcher Grundlage, wieviel Kraft, Zuversicht, Lebenswillen ein Mensch (noch) hat, haben "sollte" oder gefälligst zu haben hat? Oder wer darüber für sich selbst zu entscheiden vermeintlich gerade nicht mehr befähigt ist, weil er vermeintlich "psychisch krank" ist?
 
Ärzte entscheiden im Rahmen der gesetzlich geduldeten "Sterbehilfe" über Leben bzw. Existieren und/oder Sterben, Tod anderer Menschen.
Ärzte stellen die Diagnose, sprechen das Urteil: "unheilbar krank" – und damit die Erlaubnis aus, ob ein Mensch sterben darf, wenn und wann er dies will, so jedenfalls in der Schweiz und den Niederlanden möglich und praktiziert – gegen monetäre Bezahlung.
Somit ist ein solcher "assistierter Suizid" wiederum nur Menschen mit entsprechendem Finanzpolster und Mobilität zugänglich und noch immer nicht in Deutschland.
 
Bei "psychisch kranken" Menschen legen Psychologen bzw. Psychiater fest welche Erkrankung, Störung zugrunde liegt, was überhaupt Störung, Krankeit ist, wann etwas unter welchen Voraussetzungen eine Störung ist …, und mit welchen Methoden, Behandlungen, Therapien (und Psychopharmaka) diese "Dysfunktionen" zu beheben seien, d.h.: wodurch eine zeitweise, vorübergehende, vorgeblich "Lebensqualität hebende" und "Leidensdruck mindernde" Symptomfreiheit erlangt werden kann – nicht jedoch wirkliche, dauerhafte Heilung.
Dies übrigens trifft auf die gesamte Schulmedizin zu.
 
Wieviel freien Willen, wieviel Recht auf Selbstbestimmung hat ein Mensch, der (stationär) psychiatrisch ("geschlossen") behandelt wird, noch?
Wieviel Urteilsfähigkeit wird ihm noch zugesprochen, zugestanden, attestiert? Von wem und auf welcher - nur rein medizinischen? - Basis?
 
Wieviel Selbstbestimmungsmöglichkeit lässt man ihm noch – und warum nur so wenig – aus welcher Angst heraus? Dammbruch? Massensuizide? – Pardon, aber das ist lächerlich, auch wenn sich gewiss auch hierfür (einige wenige) Beispiele finden, die es jedoch jeweils genau unter die Lupe zu nehmen gälte.
 
Nur, weil man eine "Depression" "hat", muss man seinem Leben doch kein Ende setzen! Es gibt schließlich "Therapie"! Und man ist in der "depressiven Phase" ohnehin "nicht urteilsfähig" – das bestimmen, beurteilen, beschließen allein die behandelnden Ärzte – niemand sonst!
Mit welchem Recht? Auf welcher ethischen Grundlage?
 
Wechselnde Politiker sind verantwortlich für die Gesetze über das "Recht auf Leben" und das Verbot eines selbstbestimmten, selbstentschiedenen, humanen, d.h. würdevollen, schmerzfreien, nicht entstellenden, aber sicheren, gewissen Todes.
 
Warum ist das so? Warum geben wir anderen,  fremden Menschen bei einer solch persönlichen Angelegenheit dermaßen viel Macht über uns, unser Sein oder Nicht-mehr-Sein?
 
Warum lassen wir uns selbst beim Sterben noch fremdbestimmen?
 
Aus Angst? Aus Unwissenheit? Aus Mangel an geistiger Beweglichkeit?
Aus Ignoranz?
Oder, weil wir vollumfänglich resigniert haben?
Vielleicht auch aufgrund von Indoktrination?
 
Wer einen geliebten Menschen durch dessen Tod verliert, leidet.
Für den Toten gibt es hingegen kein Leid mehr – auch keine Freude.
Nichts.
 
Wir wissen nicht, was nach dem Tod "ist", ob (noch) etwas "ist".
Und "Nichts" kann ein Mensch sich überdies schwer bis gar nicht vorstellen.
Es verunsichert, ängstigt viele Menschen, nicht zu wissen, was "danach" kommt, sein wird oder eben gerade, dass nichts (mehr) sein wird.
 
Der sich suizidiert habende, tote Mensch hat diese Fragen, Zweifel, Ängste - durch den vollzogenen Suizid – hinter sich gelassen und all das loslassen müssen, auch Gedanken und Gefühle von Schuld, Pflicht, Verantwortung.
Anderenfalls wäre er nicht in der Lage gewesen, absichtlich in den Tod zu gehen und durch diesen Schritt und Schnitt seine gesamte Welt (!) "mitzunehmen" - in "das" Nichts; dies kann dem Suizidenten absolut nur dann möglich werden, wenn er wirklich zuvor alles loslassen kann.
 
Die Zurückbleibenden allerdings, wollten ihn vielleicht nicht gehen lassen – zumeist aus egoistischen Gründen:
 
Weil  w i r  den Verlust, das Verlassenwerden, die Einsamkeit, die Haltlosigkeit nicht ertragen, nicht erleben, erfahren, aushalten wollen oder nicht zu ertragen glauben – und all die damit einhergehenden Gefühle von Wut, Angst, Trauer, Ungewissheit, Verzweiflung.
Mit all dem wollen wir möglichst nicht konfrontiert, belastet, beschwert werden, schon gar nicht "ungefragt".
Denn sicher: Menschen leiden nicht gerne, auch zumeist nicht freiwillig.
 
Wir fürchten dabei außerdem auch vielleicht, uns selbst zu verlieren, mit dem Tod des Anderen überfordert zu sein, durch diesen selbst jeden Halt, jede Freude, jeden Wert und "Sinn" zu verlieren.
 
Und nicht zuletzt konfrontiert uns der Tod des Anderen (insbesondere der Tod von einem nahegestanden habenden Menschen) unabdingbar mit unserer eigenen Sterblichkeit, auch unseren eigenen Nöten, unserer eigenen Verzweiflung … .
Unser mühevoll gebasteltes Kartenhaus stürzt angesichts dessen ein, fällt prompt in sich zusammen. - Das wollen wir nicht, versuchen, es zu vermeiden, zu verhindern, erhalten lieber den selbstschonenden Selbstbetrug aufrecht.
 
Wenn ein geliebter Mensch den Freitod vollzieht, werden wir mit unseren eigenen Wünschen, Hoffnungen, Ängsten, Niederlagen, mit unserer Einstellung gegenüber dem (unserem eigenen) Leben und unseren mitunter unhinterfragten Überzeugungen konfrontiert. Obgleich wir um eine solche Konfrontation nicht gebeten hatten. ;) Und ihr zumeist gerne ausweichen möchten.
 
Wir alle sind im Laufe unseres Lebens mehrmals, wiederholt niedergeschlagen, zweifelnd, müde, erschöpft, vielleicht auch resigniert, lebensüberdrüssig, lebensmüde.
 
Ich proklamiere keineswegs, dass wir uns in solchen Phasen umgehend das Leben nehmen sollten.
Krisen sind unvermeidbarer Bestandteil des menschlichen Lebens, manchmal fungieren sie auch als Katalysator für die Persönlichkeitsentwicklung, was wir so allerdings zumeist erst rückblickend, nach überstandener Krise, erkennen oder es zumindest für uns so interpretieren.
 
Wenn ein Mensch aber sein Leben aus bestimmten, für ihn persönlich entscheidenden, schwerwiegenden Gründen nicht mehr für lebenswert hält, so sollte er die Möglichkeit, d.h. das gesetzlich wie moralisch festgeschriebene, unumstößliche Recht und die Möglichkeit haben, dieses sein eigenes Leben, beenden zu dürfen, was beinhaltet, dies auch praktisch vollziehen zu können:
human, würdevoll, selbstbestimmt – wann, wie und möglichst auch wo er das will.
Ohne dafür erst (aktuell) gesellschaftlich akzeptierte, tolerierte Voraussetzungen erfüllen zu müssen, wie unheilbare, tödliche physische Erkrankung oder weit fortgeschrittenes Alter.
Ohne Masochist oder Märtyrer sein zu müssen.
 
Menschen, die "sterbewillig" sind, wollen deshalb nicht zwangsläufig auch auf gewaltsame Weise aus dem Leben scheiden und selbst im Sterben noch zusätzlich leiden (müssen). Wer will das schon?
 
Es bleibt ihnen jedoch meist keine andere Möglichkeit, als sich einen gewaltsamen, nicht selten riskanten, unsicheren, ungewissen und/oder schmerzvollen, langwierigen oder auch (körperlich) entstellenden Tod zu geben – durch Erhängen, sich Ertränken (Ersticken), sich aus großer Höhe in die Tiefe stürzen, sich vom Zug überrollen lassen (Enthauptung …), sich tödliche Stiche/Schnitte zufügen oder sich mit Substanzen vergiften. – Wer die Möglichkeit, d.h. eine taugliche Waffe hat, sich erschießen zu können, wird wohl noch am wenigsten leiden müssen.
 
Doch sollten Menschen, die ihr Leben beenden möchten, ebenso ein Recht auf Sterbehilfe, d.h. auf einen selbstbestimmten, schmerzfreien, schnellen und sicheren/gewissen Tod haben, wie dies für unheilbar Kranke (in der Schweiz und den Niederlanden) praktisch ermöglicht wird und gesetzlich erlaubt ist.
 
Nur weil wir das Leben - von (einem) Menschen – für absolut und unter allen Umständen "lebenswert" und erhaltenswert befinden, bedeutet das de facto nicht, dass dies auch für das jeweilige Individuum selbst gilt, zutrifft.
 
Ist es nicht anmaßend, vermessen: über den Grad des "Glücks" oder Leids eines anderen Menschen urteilen zu wollen, urteilen zu dürfen zu meinen und für ihn festzulegen, was er wie lange, in welcher Intensität zu ertragen hat und (schlimmer noch): dass und warum er es zu ertragen hat?
 
Und dies womöglich gar damit vorgeblich rechtfertigend, dass man selbst schließlich auch Mensch sei, daher wisse, was Leid(en) sei und unzählige andere Menschen dies auch wüssten, erleben, erdulden müssten. Als sei dies ein ernstzunehmendes Argument und nicht viel mehr reine, selbstgefällige, völlig empathiefreie Selbstgerechtigkeit.
Als wüsste auch nur ein einziger Mensch, wie sich "das Leben", zu leben, für (irgend) einen anderen Menschen anfühlt ... .
 
Kein Mensch kann wissen, tatsächlich genau so … erleben, fühlen, was bzw. wie ein Eindruck, ein Erlebnis, eine Wahrnehmung, eine emotionale Empfindung sich für einen anderen Menschen anfühlt, wie jener es erlebt, empfindet … - und sei uns dieser Mensch noch so nah und/oder (bluts-) verwandt.
 
Ähnlich der Qualia, dem "phänomenalen Bewusstsein":
Es lassen sich Erlebnisgehalte, Bewusstseinsinhalte nicht intersubjektiv vermitteln, kommunizieren bzw. 1:1, unverändert, kongruent teilen, je gleichartig erleben, empfinden – weder gleichzeitig noch zeitversetzt. Sondern tatsächlich: gar nicht.
 
Und ist unser vermeintliches Bemühen, einem "Lebensmüden" helfen, ihn umstimmen, abhalten, vorgeblich "retten" zu wollen, ihn mittels "Therapie" umzuprogrammieren, zu konditionieren, notfalls sogar "vor sich selbst zu schützen" – wirklich altruistisch motiviert?
 
Geht es uns nicht um uns selbst, unser Wohlgefühl, viel mehr als um den Anderen, wenn wir ihn gegen seinen ausdrücklichen (und dann auch unzweifelhaften) Wunsch, Willen nicht "sterben lassen"?
 
Wenn wir ihn wirklich lieb(t)en, wie wir dies zu tun zumindest glauben und vorgeben, müss(t)en wir dann nicht seine Entscheidung, seinen Willen respektieren (mit entsprechender Konsequenz!) und genau damit umgehen/leben, es aushalten, akzeptieren lernen – statt: ihm etwas aufzuzwingen, das ihn noch zusätzlich quält – damit wir selbst nicht leiden müssen! ?
 
Sind es nicht eigentlich unsere eigenen Gefühle von Schuld, Hilflosigkeit, Unzulänglichkeit, Befremdung, Wut …, die uns im Zusammenhang mit der Konfrontation des Todeswunsches eines geliebten Menschen aus dem Gleichgewicht, aus dem Takt bringen,  die uns dazu veranlassen, den Anderen nicht sterben lassen zu "wollen", nicht: sterben wollen zu lassen, nicht gehen zu lassen?
 
Messen wir dem menschlichen Leben nicht außerdem zu viel Bedeutung bei – da wir insgeheim doch meinen, eine "Sonderstellung" innezuhaben?
Sind wir nicht auch nur (mit Verstand beschwerte, belastete) Säugetiere? Und zeigt sich genau dies nicht in aller Deutlichkeit rund um den Globus: "noch heute" und täglich?
 
Niemand kann wirklich frei entscheiden, ob er das noch vor ihm liegende Leben "haben" will, auch nicht wie, unter welchen äußeren Bedingungen, Umständen,Verhältnissen. Gewiss ist einzig, dass es enden wird – auch gegen unseren ausdrücklichen Willen.
 
Des "ungeborenen Lebens" Schutz wird emphatisch propagiert. Um das dann geborene Leben jedoch schert sich kaum jemand, schon gar nicht mit vergleichbarem Eifer und solch hartnäckiger Ausdauer und Aggression.
Man überlässt die Menschen sich selbst und erwartet, ja fordert, sie sollen "eigenverantwortlich" leben … ganz gleich, in welch prekäre, missliche, belastende Verhältnisse, in welche Not sie bereits geboren wurden.
So einfach macht man es: sich selbst. Schamlos.
 
Wir haben also das Recht, d.h. die unbedingte Pflicht zu leben bzw. auch nur zu existieren, zu vegetieren – gleich, unter welch widrigen Umständen … .
Wir haben nach wie vor nicht das Recht, zu sterben: wann und wie wir selbst es wollen, für uns für richtig erachten.
 
Versteht man hierunter, die Möglichkeit zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung?
 
Und: Ist das ethisch vertretbar? - Wodurch? (Wenn man von religiösen Glaubensüberzeugungen absieht.)
 
Ist das menschenwürdig?
 
Abschließend eine kleine, persönliche Anmerkung - ich habe zwei (fast drei) mir sehr nahegestanden habende Menschen durch deren Suizid verloren - Silke (hat sich im Alter von 17 Jahren suizidiert) und Christian (hat sich im Alter von 21 Jahren suizidiert).
 
Ich möchte damit nur vermitteln, dass ich durchaus selbst auch "die Erfahrung gemacht habe", einen geliebten Menschen durch dessen Selbst-Tötung zu "verlieren". ...
 
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Wer den Freitod vollzieht: entzieht sich damit dem wirtschaftlichen, politischen, ideologischen Verfügbarsein, -gemachtwerden, entzieht sich der Funktionalität, der Verwertbarkeit als Objekt - versucht, mit diesem absolut finalen Mittel, Akt, seine Würde zu bewahren bzw. zurückzugewinnen: in diesem, durch diesen Akt, durch das Vollziehen desselben.

Die Würde hat er sich damit nicht selbst für immer genommen (weil er danach tot "ist" und folglich nichts mehr mitbekommt ...), sondern andere haben sie ihm z u v o r genommen. Häufig: wissentlich.
Ganz gleich, wo auf diesem Globus (in welchem Regime, welcher Kultur, unter welcher Ideologie und Indoktrination, in welchen je persönlichen, existenziell unerträglich belastenden Umständen ...).

Es hat nichts mit Flucht und nichts mit Feigheit zu tun - es ist der letzte Akt, die letzte Möglichkeit der Selbstbestimmung, der Selbstwirksamkeit, die dem Suizidenten "bleibt" - im Leben (seinem, unter seinen Umständen, mit seinem je persönlichen, individuellen Hintergrund, Körper, Psyche, Geist): hat er diese Selbstbestimmung, Freiheit, Selbstwirksamkeit und Würde nicht (mehr oder je) erlebt, erfahren - können, d e s h a l b bleibt ihm letztlich - aufgrund dieser auf Dauer tatsächlich unerträglichen, untragbaren Situation, Umstände, Verhältnisse - nur noch dieser eine Akt.
 
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Das Weitermachen, das Durchhalten ist nicht heroisch, ist nicht Stärke, nicht Mut, nicht Tapferkeit - es ist totale Schwäche: das unreflektierte, widerstandslose Einknicken vor dem biologischen Lebenstrieb, der Biologie, zumeist zusätzlich das Klammern an Illusion ("Hoffnung"), Selbstbetrug oder gar an religiösen Glauben.
 
Es ist Flucht - vor der unverrückbaren Tatsache der eigenen Vergänglichkeit und dem Wissen darum.
 
Es ist der Versuch, sich selbst zu betrügen, zu täuschen: im Erleben, Erfahren absoluter Ausweglosigkeit, Ausgeliefertseins, Selbstbestimmungsunmöglichkeit, Perspektivlosigkeit und nicht vorhandener Zuversicht doch noch Zeit herauszuschinden, doch noch weiterzuvegetieren, das Leid noch zu verlängern, zu intensivieren. - Man kann es schon fast als masochistisch bezeichnen.
 
Sisyphos war kein glücklicher, sondern ein unbewusster Mensch und von "Revolte" weit entfernt - er fügt sich: gehorsam, opportunistisch, biegsam, weil ihm dies als aufgeladen, aufgegeben und unausweichlich e r s c h e i n t.
 
Die einzige Alternativoption wäre aktives Ausbrechen, das nur deshalb als unmöglich erscheint, da es in der absichtsvollen, aktiven Selbstvernichtung besteht. - Alles, nur das nicht. Sagt der Lebenstrieb. So bleibt nur der Selbstbetrug, die Flucht in selbigen.
 
Unermessliche mentale wie vor allem psychisch-emotionale Stärke erfordert hingegen das vollständige (!) Loslassen - des eigenen Selbst, der ganzen, gesamten eigenen Welt - die völlige b e w u s s t e, absichtsvolle Selbst-Überwindung.
 
Vor wenig anderem habe ich so große Hochachtung wie vor dieser Tat, diesem Vollzug.
 
Und wer das jetzt als "suizidal" interpretiert oder gar als "Suizidverherrlichung", -verklärung oder -anstiftung, kann nur ein maximal unreflektierter, tumber Mensch sein.
 
Erwähnt sei daher nochmals ausdrücklich Jean Améry ("Hand an sich legen") und Wilhelm Kamlah ("Meditatio mortis") - beiden bin ich bis heute zutiefst dankbar für ihre Schriften, ihre Gedanken, Erkenntnis, Selbsterkenntnis, ihre Tiefe und Klarheit, intellektuelle Schärfe.
 
Warum sollte man etwas, das einem ungefragt aufgezwungen wurde, grundsätzlich oder überhaupt als "Geschenk", als "Chance", als "Herausforderung" betrachten, wenn selbst die basalsten Ausgangs-, Rahmenbedingungen (Ort, Zeit, Umstände ...) und Einflussmöglichkeiten (von Anfang an bzw. schon im Vorhinein Ja oder Nein sagen, zustimmen oder ablehnen zu können) entzogen, nicht vorhanden, nicht gegeben sind und das dann für eine gewisse Dauer unter auch widrigsten Umständen und Widerfahrnissen getragene, ggf. auch gestaltete, geformte, bewältigte Zwangsgeschenk schließlich ebenso unbeeinflussbar, unabwendbar wieder entrissen, d.h. irreversibel und vollumfänglich vernichtet wird - und einem das Wissen hierüber, über diese Tatsache und deren Unabänderlichkeit, der Unausweichlichkeit dessen, relativ von Anfang an mitaufgeladen ist? - Das nennt man bekanntlich das Absurde, die Absurdität des menschlichen Seins, der conditio humana.
 
Wenn aber der menschliche "Geist" (Verstand, Intellekt, Vernunft) im Rahmen dieses abgesteckten Spielfeldes befähigt , damit ausgestattet ist, eben dies zu erkennen, zu reflektieren und es sogar doch selbsttätig abändern, jedenfalls unterbrechen, selbst beenden, das "Geschenk" abstellen, sich davon entlasten, befreien zu können - dies im Vollzugsakt, durch selbigen, mit dem vorausgehenden Wissen darum - warum sollte er es gerade auf Basis dieser seiner Erkenntnis nicht tun?
 
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Auch Depression hat im Übrigen nie nur genetische oder neurobiologische Ursachen, sondern immer auch psychosoziale Ursachen, Auslöser.
Und diesen ließe sich vorbeugen. Wir sehen weltweit, dass, wie und warum das Gegenteil dessen "passiert", getätigt wird: psychisch-emotionale und physische Gewalt, schon von Kindern erlitten, Armut, Ausgrenzung, Traumatisierung ... .

Umgekehrt gibt es aber sehr wohl "Lebensüberdruss" ohne "klinische" Depression.
 
Und auch Melancholie ist nicht gleichbedeutend mit Depression und nicht zu pathologisieren, auch nicht zu therapieren (bedürftig) - trotz "Leidensdrucks"!
Es gäbe, alte Binsenweisheit, bekanntlich kaum Kunst ohne diesen Leidensdruck, ohne Schmerzerfahrung und den Versuch, damit und mit dem allgemeinen wie je persönlichen (biographischen) Menschsein zurandezukommen.
 
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Es ist nicht so, dass ein suizidaler Mensch sich immer "vorher" so deutlich mitteilt.
 
Die meisten teilen sich zwar durchaus ihrer Umwelt, anderen Menschen, mehr oder weniger deutlich mit, aber dies zumeist eher längere Zeit vor dem Suizid, wenn - selten unmittelbar vor dessen Vollzug.
 
Es ist nicht so, dass ein suizidaler Mensch zwangsläufig in Tränen aufgelöst zu dir kommt - nein, er kann viel mehr eine "Wand" sein, er negiert alles, lehnt alles ab - du hast das Gefühl, ihn durch nichts erreichen zu können und das evoziert bei dir erst einmal weniger Trauer, als Wut.
 
Hilflosigkeit: deine.
 
Lass´ dich davon b i t t e niemals abschrecken! Sei dir dessen viel mehr bewusst - dass und warum du dich "abgestoßen" fühlst.
 
Biete deine Hilfe, deine Untesrtützung an, das heißt konkret: Frage die betreffende Person, was sie j e t z t braucht, was sie sich von dir ggf. wünscht, erwartet. Wenn du dazu tatsächlich also sogar noch die Möglichkeit hast. Verhalte und äußere dich auf keinen Fall paternalistisch, bevormundend, besserwisserisch, arrogant, ignorant oder gar abfällig, abwertend, abwehrend gegenüber der betreffenden Person.
 
Die suizidale Person wird dir wahrscheinlich anworten: "Nichts". oder "Du kannst mir nicht helfen".
 
Was dann ganz basal möglicherweise H a l t geben kann, ist eine vorsichtige, unaufdringliche, trotzdem beherzte Umarmung - physischer Halt für einen total haltlosen Menschen.
In der akuten Situation - so lange: er sich noch an andere wendet! Denn niemand nimmt sich leichtfertig das Leben. Niemand.
 
Erst allmählich kann dann überhaupt über etwaig mögliche Veränderungen, Unterstützungsmöglichkeiten, Perspektiven (!) gesprochen werden. Zunächst braucht der Betreffende Boden unter den Füßen und das Gefühl, einen Raum, Freiraum zu haben, nicht intensiv bedrängt, in Not zu sein - sei es aufgrund innerer und/oder äußerer Umstände, Verhältnisse, Geschehnisse. Er muss zu der ihn haltenden Person unbedingt absolutes Vertrauen haben können. Anderenfalls wird er nichts zulassen, alles abblocken, sich entziehen ... .
 
Lass´ dich niemals dazu hinreißen, einen Menschen, der s e i n Leben wirklich beenden will (wozu er alles moralische Recht dieser Welt hat!), zu überreden, ihn vermeintlich zu "retten", abzuhalten, dich ihm, seinem Vorhaben in den Weg zu stellen oder gar ausgerechnet die Polizei zu rufen.
 
Ja, hier wird die Else sehr, s e h r emotional - denn sie hat zwei Menschen durch deren Suizid "verloren", weiß also, wovon sie spricht, und es geht davon abgesehen um Grundsätzliches, um nichts weniger als Ethik - ein Mal mehr, um das Recht auf einen selbstbestimmten, würdevollen - somit schmerzfreien, sicheren, nicht entstellenden - Tod.
 
Denn keineswegs ist der Suizid ausschließlich und generell zu pathologisieren.
 
Dem Suizidalen (der den Suizid noch nicht vollzogen hat) gebührt zunächst und zuvorderst - wie ohnehin dem Suizidenten (der den Suizid bereits vollzogen hat) - Respekt, gerade seinem Entschluss, s e i n Leben zu beenden.
 
Nur weil ein suizidaler Mensch - aus je persönlichen, je individuellen Gründen, auf Basis seiner Lebensumstände ... - traurig, verzweifelt, haltlos oder auch resigniert ist, ist er deshalb keineswegs zwangsläufig psychisch "gestört", "krank".
 
Der Suizid müsste längst intensiver aus auch philosophischer Sicht betrachtet und bewertet werden.
 
Es kann der Freitod auch ein Akt des politischen Widerstands sein, vor allem aber tatsächlich Ausdruck eigenen, uneingeschränkten Urteilsvermögens.
 
Nein, ich glorifiziere den Suizid nicht, ich verharmlose ihn nicht - wie gesagt: Ich weiß, wovon ich spreche - schon seit einer ganzen Weile ... setze ich mich damit auseinander.
 
Und es sei daher immer wieder auf u.a. und ausdrücklich Jean Améry ("Hand an sich legen") verwiesen - nicht nur auf Camus - außerdem auf Wilhelm Kamlahs "Meditatio mortis" (siehe auch zu den Widerfahrnissen).
 
Aber verschwiegen sei auch Folgendes nicht:

Vor kaum etwas habe ich eine solche Hochachtung wie vor Menschen, die sich selbst ihr "eigenes" Leben genommen haben.

Denn der Suizid ist nicht im Geringsten eine Flucht oder gar Ausdruck von Feigheit, Lebensangst, Egomanie/Selbstsucht, sondern ein Akt im Grunde übermenschlicher Selbstüberwindung.

Und aus eben diesem Grunde sind es nur relativ wenige Menschen, die den Freitod tastächlich vollziehen - k ö n n e n.

Es ist der Lebenstrieb üblicherweise immens stark und kaum "überwindbar". Daher ist es unangebracht, den Suizid zu tabuisieren, dass dies getätigt und er (bzw. der Suizidale und der Suizident) allgemeinhin pathologisiert wird, hat andere, politische ... Gründe.

Es besteht keinerlei Veranlassung zur Sorge hinsichtlich eines etwaigen "Dammbruchs".
 
-
 
16. April 2018
 
Ich kann gar nicht ausdrücken, wie mir das (siehe "Sterbehilfe-Urteil: Danke dir, alles geschluckt", Medical Tribune) aus dem Herzen spricht - alles, der gesamte Fall, inklusive ihrer Erkrankung.
 
Wann hören wir endlich auf, den Suizid zu tabuisieren, zu ächten, zu pathologisieren?
 
Niemand, außer das einzelne Individuum selbst, hat darüber zu entscheiden, wann es wo wie sterben möchte.

Diese Entscheidung wird ihm grundsätzlich vorsätzlich (!) genommen: indem der Freitod generell, ausnahmslos letztlich (vor allem im Vorhinein, vor dessen Vollzug) pathologisiert wird.
Es ist aber nicht jeder psychisch-emotional und/oder physisch leidende, lebens"müde", sterbewillige Mensch zwangsläufig depressiv oder anderweitig psychisch krank. Genau das jedoch wird grundsätzlich unterstellt.
 
Verhielte es sich anders, so gäbe es l ä n g s t die praktische, praktikable (!) Möglichkeit, den Suizid selbstbestimmt und menschenwürdig, d.h. schmerz und gewaltfrei, absolut sicher, ohne Leid, Siechtum und physisch nicht entstellend vollziehen zu können, zu d ü r f e n (bpsw. mittels des bisher bekannten entsprechenden, hierfür geeigneten Präparats - den gesetzlich durchaus geregelten Zugang hierzu). Und das gerade auch in Fällen, in denen es sich um psychisches Leiden handelt - nicht nur im Fall unheilbar physisch Kranker.
 
Nur der Mensch ist fähig, sich den eigenen Tod selbst zu geben, weil er über entsprechendes Bewusstsein (über Zeit, Vergänglichkeit etc.) verfügt.

Kein Mensch wird gefragt, ob und wie er wann wo leben, existieren möchte - aber er kann (könnte) wenigstens über sein Lebensende, sein Sterben, seinen Tod frei, selbstbestimmt entscheiden - auch d a s ist Ausdruck von Menschenwürde.
 
Nein, es würde keinen "Dammbruch" geben - weil die wenigsten Menschen tatsächlich sterben wollen, weil es immens schwer ist, sein eigenes Leben bewusst, absichtsvoll tatsächlich selbst zu beenden - auch dann, wenn es schmerz- und gewaltfrei geschieht (geschehen könnte, würde).
 
Aber ja: Es ist ein Zeichen und Ausdruck, ein Vollzug von Freiheit, Selbstbestimmtheit, Selbstermächtigung, Selbstverfügung.
Und genau d e s h a l b wird der Suizid auch und gerade heute noch (siehe Kapitalismus, Neoliberalismus, Verfügbarmachen von Menschenmaterial) geächtet, tabuisiert, verweigert und werden Suizidenten noch immer diffamiert - als "krank, gestört", als schwach, feige, selbstsüchtig, verantwortungslos und/oder bemitleidenswert bezeichnet, abgewertet, verurteilt.
 
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Herzlichen Dank an den dlf für diesen wunderbaren, wichtigen Beitrag zur Enttabuisierung des Suizids - längst überfällig.
 
Der Freitod, die Selbsttötung ist gerade kein Mord (Mord ist es, wenn ich jemand a n d e r e m gegen dessen Willen/ohne dessen Einverständnis dessen Leben nehme).
 
Der Suizid ist auch keineswegs grundsätzlich als Ausdruck von Narzissmus und/oder Scheitern, Versagen, Schwäche zu sehen - leider wird er jedoch noch immer massiv pathologisiert, unter fast ausschließlich dieser ("medizinischen", psychologischen) Perspektive betrachtet (aus Gründen ...), kaum aus soziologischer und vor allem philosophischer. - Umso mehr freue ich mich nun über diesen Beitrag.
 
Schade nur, dass, soweit ich es mitbekommen habe, Albert Camus und - wichtiger noch - Jean Améry ("Hand an sich legen") nicht erwähnt wurden.
 
Dank auch für das Erwähnen des Hungerstreiks (auch jener der Suffragetten und ihrer Beweggründe) und der Zwangsernährung als Foltermethode.
 
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Aktualisierung am 19. und 21. Februar 2019
 
Warum macht Spahn das:
 
1. für die Pharmakonzerne
 
2. um einem vermeintlichen "Dammbruch" vorzubeugen, da der Suizid auch ein effektiver Akt des Widerstands sein kann/war/ist - eben drum "muss" der Freitod nach wie vor tabuisiert, pathologisiert, unter Strafe gestellt werden.

Und zur Frage, ob "der Staat beim Sterben helfen" darf:
 
Er muss es sogar, wenn er ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat ist - hat mit dem Selbstbestimmungsrecht und Würde zu tun. Grundgesetz, Menschenrechte. 
 
Eine "lebensbejahende" Zwangs"beratung" - damit ist alles über die dahinterstehenden Motive ausgedrückt.
 
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Zur oben verlinkten Stellungnahme von Michael Schmidt-Salomon zu §217 StGB:
 
Kann nicht auch ein "Bilanzsuizid" ein "Verzweiflungssuizid" und ein Verzweiflungssuizid ein Bilanzsuizid sein?
 
Wer Bilanz zieht und sein Leben als für sich nicht mehr lebenswert, nicht mehr ertragbar, nicht mehr fortzusetzen möglich und/oder sinnvoll befindet, kann ein solcher Mensch nicht auch verzweifelt, jedenfalls Schmerz leidend sein?
 
Und kann ein Verzweifelter eben aufgrund seiner "Verzweiflung", seines Schmerzes, Leids, Ausweglosigkeit, fehlenden Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit ... nicht auch Bilanz ziehen?
 
Was ist mit politischem Suizid - als ebenfalls Bilanz- und Verzweiflungstat, bspw. in repressiven, totalitären Systemen, Regimen?
Und auch gerade als Akt des Widerstands, der Verweigerung.
 
Sollten wir - Gesellschaft, Politik, Medien, Familien, Schulen ... - nicht endlich grundsätzlich aufhören, "den" Suizid zu tabuisieren, ihn insbesondere nicht mehr generell pathologisieren?
 
Wie lässt sich mit dem Menschenwürdeprinzip und universellen Menschenrechten vereinbaren, dass es in einem sogenannt freiheitlich-demokratischen Rechts- und Sozialstaat n i c h t das gesetzlich verbriefte Grundrecht auf würdevollen (damit humanen, schmerzfreien, nicht entstellenden, sicheren), selbstbestimmten Freitod gibt?
 
Verhält es sich möglicherweise so, weil es nicht mehr vorrangig, jedenfalls nicht ausschließlich religiöse Dogmen sind, die das verhindern - siehe auch Dammbruchargument - sondern kapitalistische Gründe:
Was, wenn Untertanen, kapitalistisch ausbeutbares Menschenmaterial sich dieser Ausbeutung sowie anderen Repressalien und Beschädigungen durch einen menschenwürdigen, sicheren, selbstbestimmten Freitod entziehen könnte/würde? Nicht, weil Menschen mehrheitlich so gerne sterben (wollen), sondern als Ausdruck eben des Widerstands, der Verweigerung und der/ihrer letzten, vielleicht einzigen tatsächlichen und "vielleicht" auch verzweifelten Form, Aktes von Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit, Würde?
 
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Aktualisierung am 02. Mai 2019
 
Ethisches und gesetzliches Recht auf Suizid
 
Stefan Rehder argumentiert (in oben verlinktem Text "Gibt es ein Recht auf Suizid", die-tagespost.de) an keiner Stelle.
 
Warum seine Äußerungen Nonsens sind, ist im Folgenden begründet:
 
1. Rehder spricht vom Selbst und lässt dabei - absichtsvoll-manipulativ?, versehentlich?, auf Basis persönlicher Kenntnis-/Verständnislosigkeit? - vollumfänglich außen vor, dass der Suizident, wie jeder Mensch, ein Selbst hat bzw. ist: (nur) so lange er existiert.
 
Der Suizident verliert sein Selbst, d.h. seine persönliche, seine eigene Existenz mit dem, durch den, seinen Tod - wie jeder Mensch.
Der Suizident allerdings verliert bzw. beendet seine Existenz durch seinen Freitod, seine S e l b s t tötung: selbstbestimmt, d.h. auf die von ihm selbst für ihn selbst, für sein Selbst gewünschte, bewusst gewählte, bestimmte Weise, idealerweise auch den von ihm gewählten Zeitpunkt und Ort.
 
Es geht folglich um die Zeit v o r dem Tod, somit auch vor dem Freitod, dem Suizid. Nur für diese Zeit lässt sich generell ein/das Selbst eines Menschen, eines Individuums, einer Persönlichkeit bestimmen und nur mit diesem Selbst, dieser Persönlichkeit, seinem Bewusstsein, seiner Reflexions- und Urteilsfähigkeit kann dieses Selbst, d.h. dieser Mensch überhaupt etwas bestimmen, bedenken, entscheiden und handeln.
Nach seinem - wie auch immer gearteten - Ableben hat und ist kein Mensch mehr (s)ein "Selbst".
 
Der Ausdruck von und Akt der Selbstbestimmung kann sich demnach grundsätzlich nur auf das beziehen und das umfassen, das ein (bewusster) Mensch v o r seinem Tod, auch seinem Freitod, noch während seines Existierens entscheidet, befindet, bestimmt, unternimmt, will, denkt, fühlt.
 
2. Tatsächlich verhält es sich ähnlich mit der Würde:

Würde kommt bekanntlich nur geborenen, existenten, lebenden Menschen zu - siehe das Menschenwürdeprinzip, den Menschenwürdegrundsatz auch im GG.
Ein Mensch, der nicht mehr existiert, sondern tot "ist", kann demnach nicht mehr Würdeträger sein - denn es fehlte solcher Würde eben dies: deren Träger.
 
Wie beim Selbst geht es auch bei der Würde im Zusammenhang mit Suizid und Tod generell um den Würdeträger, der er grundsätzlich nur so lange ist, als er (noch) existent ist.
 
Wenn Rehder äußert, Würde besäße ein Würdeträger nicht wie eine Eigenschaft, sondern sie sei etwas, das, Zitat "sie als solche konstituiert", so fragt man sich unweigerlich: wer oder was ist "sie", die die Würde konstituiert? Die Würde (?) konstituiert sich - personifiziert? - selbst? Wozu braucht "sie" - wer oder was immer sie, die Würde, für Rehlder also ist - dann überhaupt Würdeträger? Sind es nicht Menschen, die Würde definieren und Würdeträger sind, sie folglich auch "konstituieren"?
 
Einen Aspekt, Ausdruck und Akt von Würde, von Menschenwürde, stellt es gerade dar, noch existent (also vor dem Tod) über den (nur) eigenen Tod zu entscheiden, zu bestimmen - dies juridisch zu dürfen und es ggf. mit erforderlicher Unterstützung umsetzen zu können, zu dürfen, d.h.:
 
nicht wie ein unbewusstes, trieb-, instinktgesteuertes Tier hingegeben-kreatürlich willenlos, handlungsunfähig auf den Schnitter, den Tod warten zu müssen, sondern Art und Weise/Methode, Zeitpunkt und Ort des eigenen (!) Sterbens je selbst/persönlich, bewusst und (weitgehend) frei bestimmen zu können sowie diesen Suizid - ggf. mit Unterstützung, so erforderlich - vollziehen zu können: sicher, schmerz-, qualfrei, selbstbestimmt: würdevoll.
 
Eben da der Mensch(enaffe) ein mit Vernunft (nicht nur Verstand) ausgestattetes Lebewesen, Säugetier ist.
 
Der hanebüchene Vergleich mit einem Grundrecht auf fehlerhaftes Rechnen ist rein polemisches Ablenkungsmanöver, denn durchgängig entbehrt Rehders Text jeglicher schlüssiger Argumentation. Weder sind an irgendeiner Stelle Prämissen auffindbar noch eine Konklusion.
 
3. Interessant wird es am Ende: Rehder bezieht sich auf "die" Suizidforschung und pathologisiert in üblicher Manier den Suizid, den Suizidenten und den Suizidalen. Er behauptet überdies, Suizidalität sei, Zitat "heilbar", ohne dies auch nur ansatzweise belegen zu können - eben da es schlicht falsch ist. Suizidalität ist per se keine Krankheit, schon deshalb nicht heilbar.

Es mag Erkrankungen, Störungen geben, die mit Suizidalität einhergehen können, ob diese Erkrankungen behandel- oder tatsächlich heilbar sind, ist eine Angelegenheit für sich. Nicht jeder Suizident ist jedoch zwangsläufig psychisch und/oder physisch krank oder "gestört".

Selbstredend muss Rehder das aussenvorlassen, da seine Behauptungen anderenfalls wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrächen.
 
Daher geht er mit keinem Satz auf eine philosophische Betrachtung des Suizids ein, somit auch nicht auf Wilhelm Kamlah ("Meditatio mortis"), Jean Améry ("Hand an sich legen") oder auch "nur" auf Albert Camus (das Absurde, "Mythos des Sisyphos" ...).
 
Schließlich kriminalisiert Rehder den Suizid sogar, indem er von "Selbstmord" schreibt, obgleich auch ihm bekannt sein dürfte, dass und warum Selbsttötung nicht Mord ist, dies nicht sein kann: Der Mörder nimmt einem a n d e r e n Menschen dessen Leben ohne dessen Einverständnis, Zustimmung, Erlaubnis.
Der Suizident nimmt s i c h selbst s e i n eigenes (!) Leben. Er tötet s i c h absichtsvoll und willentlich - er ermordet niemanden.

Da hilft es Rehder auch nicht, Wittgenstein zur Rückendeckung herbeizuzitieren.
 
Im Übrigen differenziert Rehder mit seinem Wittgensteinzitat nicht einmal wenigstens zwischen Moral und Ethik, von Letzterer hat er, Rehder, augenfällig nicht die basalste Kenntnis, da er im Zusammenhang mit dem Recht auf Suizid (Wittgenstein zitierend) vom Ende, Zitat "jeder Moral" schreibt.
 
Und zu seinem BVerfG-Zitat - exakt: "Die von Anfang an im menschlichen Sein angelegten potenziellen Fähigkeiten genügen, um Menschenwürde zu begründen“ (BVerfG Bd. 39, 1, S. 41)."
 
Zu diesen spezifisch menschlichen, dem Menschen angelegten potenziellen Fähigkeiten gehört insbesondere sein Wissen um seine eigene, seine menschliche und je persönliche Endlichkeit, seinen Tod und die Möglichkeit, sein eigenes Leben selbst, bewusst, selbstbestimmt beenden zu können.
 
Gerade weil kein Mensch gefragt wird, gerade weil kein einziger Mensch bewusst und frei s e l b s t entscheiden kann, ob er geboren werden will, wann er wo und in welche Verhältnisse geboren werden und aufwachsen, leben will, gerade weil jeder bewusste, denk-, reflexions-, urteilsfähige Mensch sich seiner Vergänglichkeit, seines gewissen Todes bewusst ist, hat er das ethische Recht, dieses ihm aufgezwungene Leben, diese seine eigene Existenz selbstbestimmt beenden zu dürfen.
 
Eben darin drückt sich Würde aus:
Gerade weil der Mensch nicht über seine Geburt, den Zufall seiner Geburt und nicht tatsächlich über sein Leben weitgehend selbst bestimmen kann, sondern etlichen Gegebenheiten, Bedingungen, Widerfahrnissen, auch Schmerz, Leid, Ungerechtigkeit, Gewalt, Fremdbestimmung etc. ausgesetzt ist, hat er alles ethische Recht, wenigstens dieses sein eigenes, ohnehin gewiss endendes, endliches Leben, seine (ihm) eigene Existenz bewusst, selbstbestimmt zu beenden.
 
Darüber "gründlich nachzudenken" sei Rehder hiermit ausdrücklich empfohlen. ;)
 
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24.09.2020
 
Zu obigem Link/Text "Vatikan: Aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid ethisch verboten", auf katholisch.de
 
Diese patriarchal-autoritär-reaktionär-dogmatische Einstellung und Verhaltensweise mit implizierter, vermeintlich moralischer Lebenspflicht (das Existieren unter egal welchen Umständen als "Geschenk Gottes" oktroyiert, wobei "Gott" schon ein Phantasma, ein menschliches, zumeist anthropomorph und androzentrisch-patriarchal geprägtes Konstrukt ist, das auf Selbstbetrug zwecks Selbstschonung, Selbstberuhigung, Eskapismus, Unreife ... basiert) hat schon etwas von Sadismus. Mit "Seel s o r g e", gar Respekt von und für Selbstbestimmung, mit bedürfnisorientierter Fürsorge, statt paternalistischer, autoritärer Bevormundung, hat es jedenfalls nichts zu tun. Wie nicht anders zu erwarten von autoritärer, dogmatischer Kirche/ Religion.
 
 
Zitat: "Schmerz und Tod könnten nicht die letzten Kriterien sein, nach denen sich die Menschenwürde bemesse, so die Glaubensbehörde. In komplexen Gesundheitssystemen drohe das Verhältnis zwischen Arzt und Patient auf technische und vertragliche Aspekte reduziert zu werden."
 
Exakt: siehe Intensiv- und Palliativmedizin, siehe Beatmungs-WGs - wie lukrativ diese sind - nur halt nicht für die darin, daran, darunter Leidenden - deren Leid dabei noch maximal profitabel ausgeschlachtet wird. So viel zur Menschenwürde und "Seelsorge".
 
Zitat: "Hinter dem Verlangen von Schwerkranken nach einer Beendigung ihres Lebens stehe fast immer der Ruf nach Hilfe und Liebe, heißt es in dem Schreiben. "
 
Nein, HERRGOTT! Dahinter steht der legitime Wunsch nach Selbstbestimmung, nach Selbstverfügung, nach Respekt vor individuellen Entscheidungen - gerade, wenn es um Leben, Leiden, Sterben geht.
Dahinter steht der Wunsch, dass das, das je nur das jeweilige Individuum für je sich selbst als (noch) lebenswert und würdevoll erachten kann und dies gerade unter ethischen Aspekten dürfen muss, respektiert und gewährt wird - statt verweigert, verboten, bestraft, diskreditiert, verunmöglicht.
 
Es möchte nun mal nicht jeder ein Pflegefall sein: nicht, um anderen nicht zur Last zu fallen, sondern der eingeschränkten bis völlig verlorenen Selbstbestimmung wegen.
 
Und es ist auch nicht jede/r Masochist_in und genießt das Leiden und Sterben, wie es die katholische Kirche aber offensichtlich exakt so abverlangen, aufzwingen will - wie gesagt: hat deutliche Züge von Sadismus und Sadomasochismus. Nicht im Mindesten verwunderlich ... .
 
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