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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

Die zehn Angebote des evolutionären Humanismus (Giordano Bruno - Stiftung)

"[...] Wenn man das tendenziös nennen will, mag man das tun. Statt »tendenziös« freilich sollte man besser »moralistisch« sagen. Denn dieser Verbrechenshistoriker schreibt als Moralist – sowohl im alten wie im neuen Sinne des Wortes, sowohl als Beobachter der menschlichen Sitten wie als Kritiker der frommen Niedertracht. Das meistgebrauchte Satzzeichen ist das Ausrufezeichen eines Autors, der selbst angesichts der ewigen Wiederkehr der beschriebenen Verbrechen, ob aus barem Fanatismus begangen oder schnöder Machtgier, nicht aus der Entrüstung herauskommt, gar nicht herauskommen will.
Nein, abgebrüht, cool, enttäuschungsfest, gar zynisch ist Deschner nicht. Der entscheidende Impuls seiner Kritik ist sogar eine Moral, die man, in einem doppelten Sinn, christlich nennen kann: Sie orientiert sich einmal an humanen Prinzipien, zu denen sich die Bergpredigt und Teile des Urchristentums bekannt haben. [...]"
 
Aus dem ZEIT-Artikel "Kriminalgeschichte des Christentums" (von und über Karlheinz Deschner) entnommen, siehe oben stehenden Link.
 
Hierzu ist Folgendes anzumerken:
 
Es ist dies gerade kein Widerspruch oder eine Art Widerlegung oder gar Rehabilitierung von Religion(en), im Sinne dessen, dass Religion, religiöser Glaube erforderlich wäre, um Werte zu formulieren, wenngleich es manchem vielleicht so scheinen mag, denn:
 
Es bedarf gerade keiner Religion(en) - als einer Art Richtungsweiser, Orientierungsgeber -  um moralische Werte, ethische Grundsätze und ethisches, prosoziales Verhalten zunächst zu konzipieren, dann zu verankern und das je eigene Tun, Handeln danach auszurichten, diesem (zunächst theoretischen) Fundament lebenspraktisch, alltäglich entsprechen zu lassen.
 
Dass, wie es im Artikel heißt, Deschners Kritik "sich an humanen Prinzipien orientiert, zu denen sich die Bergpredigt und Teile des Urchristentums bekannt haben" ist daher durchaus präzise formuliert, denn nicht "das Urchristentum" oder "die Bergpredigt" ... haben (bestimmte) moralische Prinzipien, Werte und, grob formuliert, "Verhaltensrichtlinien" (erst) erschaffen, sondern diese humanen Prinzipien gingen den religiösen, auf "Moral" basierenden Ge- und Verboten (die sich auf "Moral" also berufen), stets voraus.  Dies liegt darin begründet, dass es etwas Urmenschliches ist, das Moral, moralisches Verhalten und ethische Grundsätze genuin hervorbringt: das angeborene Mitgefühl.
 
Und diese lässt sich tatsächlich nicht nur bereits bei Kleinkindern beobachten (auch deren daraus folgende, spontane wie tatkräftige Hilfsbereitschaft), sondern es lässt sich dies ähnlich ebenfalls bei anderen Primaten feststellen.
 
Religionen greifen dieses bereits Vorhandene, im Menschen natürlich Angelegte nur auf und instrumentalisieren es - für eigene Zwecke; und schreiben sich dann "Moral" auf die eigenen Fahnen, verkaufen sie als von Religion, religiösen Ideologien erschaffen, als eigenen Verdienst, selbst erbrachte Leistung, als eigene "Idee" und meinen, mittels dessen ihren Monopol-, Deutungs-, Hoheitsanspruch, letztlich also ihren Machtanspruch legitimieren zu können.
 
Ja, das darf man zurecht als infam bezeichnen, insbesondere, wenn man sich nochmals vergegenwärtigt, was alles die verschiedenen Religionen weltweit und durch die Jahrtausende bis heute an Zerstörung, Gewalt, Leid, Not und Elend, an massiver Ungerechtigkeit und Grausamkeit überhaupt erst hervorgebracht, initiiert, verschuldet, sogar "gerechtfertigt" und - eigentlich - zu verantworten haben. Und wie heuchlerisch und abstoßend es vor diesem Hintergrund ist, dass ausgerechnet Religion/en als "Hüter von Moral" noch immer gelten, sich selbst bezeichnen, darstellen und nach wie vor zu präsentieren versuchen.
 
Kein Mensch braucht Religion, religiösen Glauben, um sich intrinsisch moralisch (statt oktroyiert "moralisch") zu verhalten, um ethische Grundsätze zu finden, zu denken, zu formulieren, diese auch immer wieder zu modifizieren und ihnen in der Lebenspraxis zu folgen. Unabdingbar hingegen ist hierfür Empathie - die Fähigkeit, sich einfühlen und mehr noch mitfühlen zu können.
 
Das jedem Menschen - wie auch anderen Primaten - angeborene Mitgefühl wird stets und grundsätzlich in der (frühen) Kindheit gefördert, bestärkt oder aber beschnitten, gehemmt, verhindert, zerstört.
 
-
 

Erich Fromm - Humanismus und Psychoanalyse

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S
Ganz große Klasse. Kann sich jeder ausdrucken und immer im Auge behalten. Was in jedem "Gebot" etwas durchscheint: "Sei demütig"!
S
Nein, das meine ich nicht ironisch. Gut, nennen wor es Bescheidenheit. Doch, das finde ich schon. Bescheidener sein im Urteil gegenüber Anderen. Ja, und Selbstkritik. Dazu hilft - meine ich - Bescheidenheit.
K
Hui, das meinst du jetzt ironisch, gell? ;) Falls nicht ... ich empfinde es nicht so, dass die Angebote eine Art Aufruf zur Demut enthalten, eventuell Bescheidenheit, aber selbst das/diese vermag ich dort nicht wirklich heraus- oder hineinzulesen. ;) Eher eine Aufforderung bzw. Anregung zur Selbstkritik. :) - Angebot 1 hätte ich allerdings etwas anders formuliert, denn Philosophie, Wissenschaft und Kunst "besitzt" man nicht - man "hat" sie allenfalls (aber ... selbst darüber - Ausdruck - ließe sich noch streiten ;) ).