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Sabeth schreibt

Poesie Melancholie Philosophie Feminismus Anarchismus

KAPITALISMUS, Neoliberalismus

Wolfgang Streeck:
 
"Ebenfalls zum Standardmodell gehörten möglichst umfassend organisierte Interessenverbände, insbesondere von Arbeit und Kapital."
 
Lobbyismus, Gewerkschaften
 
"(...) eine bis dahin für unmöglich gehaltene Koexistenz von Kapitalismus und Demokratie. Als historische Vernunftehe zusammengehalten wurde sie durch die geniale Friedensformel der Keynes´schen Wirtschaftstheorie, die die Demokratie zu einer kapitalistischen Produktivkraft umdefinierte."
 
BINGO! Und bekanntlich liegt (unter anderem) hierin das Problem inkl. aller bekannten Missstände: die permanente Kopplung von - überdies nur repräsentativer - "Demokratie" an Kapitalismus. Ideologie.
 
"Eine den Interessen der lohnabhängigen Mehrheit wahlpolitisch verpflichtete Regierung sorgte im Bündnis mit etablierten Gewerkschaften für jene fortlaufende und nachhaltige Umverteilung von oben nach unten, die (...) erforderlich war."
 
Soll man lachen? Weinen? WELCHE "den Interessen der lohnabhängigen Mehrheit wahlpolitisch verpflichtete Regierung" bitte: ?
 
Wolfgang Streeck setzt fort: "(...) um die effektive Nachfrage auf dem für Vollbeschäftigung und Wachstum nötigen Niveau zu halten."
 
Ja: Wenn man Kapitalismus will - mit all den global destruktiven Folgen für unzählige Menschen weltweit. Inklusive Vernichtung durch Armut.
 
"Länger als drei Jahrzehnte freilich hat dieses im Rückblick oft als demokratischer Kapitalismus bezeichnete Arrangement nicht gehalten. In den 1970er Jahren begann es überall zu erodieren."
Inflation, Stagnation, Arbeitslosigkeit
 
"Eine Suche, die sehr bald in den bis heute andauernden Prozess der sogenannten Globalisierung einmündete. [...]
Damit begann die Ära neoliberaler Reformen mit dem Ziel einer Revitalisierung des Kapitalismus zu dessen Bedingungen: Deregulierung, Marktöffnung, Freihandel, weniger Staat, mehr Markt und schwarze Nullen ohne Ende. [...]
 
Demokratie (...), weil unfähig, den Bürgern reinen Wein über die Gesetze der Wirtschaft einzuschenken, denen zufolge neues Wachstum gerade nicht durch Umverteilung von oben nach unten entsteht, sondern umgekehrt: durch Umverteilung von unten nach oben, durch Schaffung stärkerer Arbeitsanreize - am unteren Rand der Einkommensverteilung mittels Abbau von Mindestlöhnen und Senkung von Sozialleistungen, am oberen dagegen durch verbesserte Gewinnaussichten und höhere Bezahlung, gerne auch mit Hilfe niedrigerer Steuern."
 
In Deutschland nennt sich das bekanntlich Agenda 2010: Hartz IV, Niedriglöhne, Armut, systematische Ausbeutung von lohnabhängigen, unbemittelten, nicht-vermögenden Menschen als Objekte, verheizbares Menschenmaterial für Wirtschaft, Wachstum, Wohlstand: der Vermögenden.
 
"Wie bei jeder anderen wirtschaftswissenschaftlichen Doktrin handelt es sich auch bei ihm um eine verklausulierte Beschreibung der aus einer historischen, politischen Machtverteilung erwachsenden Handlungszwänge als Naturgesetze.[...]
 
Inflation, Staatsverschuldung, Öffnung der privaten Kreditmärkte und heute die grenzenlose, freie Produktion von Geld folgten einander als Notbehelfe. [...]
 
(...) so reduzierte sich politische Partizipation nach dem weltweiten Ende der Inflation auf die Beteiligung an Wahlen, bei denen es vor allem um die Verteidigung sogenannter sozialer Besitzstände ging. Besitzstände, die jedoch über kurz oder lang von allen sog. verantwortlichen Parteien für unhaltbar erklärt wurden.[...]
 
Seit den 1970er Jahren ging die Beteiligung an Wahlen aller Art in allen kapitalistischen Demokratien bemerkenswert stetig zurück und zwar weit überwiegend am unteren Rand der Verteilung von Einkommen und Lebenschancen, also bei denen, die umverteilende Politik eigentlich am nötigsten hätten. Zugleich verzeichneten die politischen Parteien über alle nationalen und ideologischen Unterschiede hinweg einen dramatischen Einbruch ihrer Mitgliederzahlen. Und dasselbe gilt für die Gewerkschaften, die seit den 1980er Jahren nur noch in Ausnahmefällen in der Lage waren, mit Aussicht auf Erfolg von ihrem Streikrecht Gebrauch zu machen. [...]
 
So zogen sich die staatstragenden Parteien der Mitte zunehmend aus der Gesellschaft ihrer Wähler in die Apparate ihrer Staaten zurück. (...) Das beständig sich weiter ausbreitende neoliberale Einheitsdenken. So wurden die etablierten Parteien der Mitte immer ununterscheidbarer und gab es für eine wachsende Zahl von Bürgern keinen Grund mehr, sich an Wahlen zu beteiligen, es sei denn als Abnehmer des Unterhaltungsprogramms der entstehenden Postdemokratie. [...]
Und tatsächlich bekämpfen sie die neue Politisierungswelle mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln: propagandistisch-kulturell, juristisch, institutionell."
 
Exakt.
 
"Mit dem Niedergang der Gewerkschaften, dem Aufstieg einer marktkonformen Technokratie und dem Übergang zu Global Governance war eine doppelte Umdeutung von Demokratie einhergegangen (...). [...]
 
Im Ergebnis wurde Demokratie damit zum Hoheitsgebiet einer neuen, meritokratisch und kosmopolitisch orientierten Mittelschicht, während sie als Artikulationskanal für im normalen Lauf der Dinge abgehängten Unterschichtinteressen delegitimiert wurde. [...]
Wer, Zitat `nichts von Politik versteht´, also das neoliberale Schulwissen nicht verinnerlicht hat, die globalisierungsoffenen, sogenannten demokratischen Werte nicht teilt, kann nunmehr als antidemokratisch von einem weiten Bündis aller Demokraten bekämpft werden."
 
Das Narrativ.
 
"Der Riss zwischen denen, die andere als Populisten bezeichnen und denen, die von ihnen als solche bezeichnet werden, ist heute die dominante politische Konfliktlinie in den Krisengesellschaften des finanzialisierten Kapitalismus. Thema ist kein geringeres als das Verhältnis von globalem Kapitalismus und staatlicher Ordnung. [...]
 
Dabei reagieren die von den sogenannten Populisten abfällig und von sich selbst beifällig als solche bezeichneten Eliten auf die neuen Parteien, indem sie diese zu demokratischer Teilhabe für kognitiv und moralisch ungeeignet erklären."
 
Diffamierung.
 
"Der kognitiven Unmündigkeitserklärung folgt die moralische Disqualifizierung. (...), was dadurch erleichtert wird, dass die früheren Fürsprecher der plebejischen Klassen zur Globalisierungsfraktion übergewechselt sind und ihrer ehemaligen Klientel für die Artikulation von Protest nur das unbehandelte sprachliche Kondensat ihrer Deprivationserfahrungen zurückgelassen haben."
 
Man kann es auch als Verrat bezeichnen.
 
"Märkte haben sich nicht unabhängig von staatlicher Herrschaft entwickelt. In ihrer Mehrzahl wurden sie von staatlichen Institutionen für militärische Zwecke geschaffen. Wenn man sich die Ursprünge der Münzprägung im östlichen Mittelmeer, in Indien und China anschaut, überall kommen die Herrscher auf die gleiche geniale Idee, wie sie ihre stehenden Heere bezahlen können. Sie prägen ihr Bild auf handliche Gold- und Silberstücke, verteilen sie an ihre Soldaten und belegen dann alle in ihrem Herrschaftsbereich mit einer in Münzen zu entrichtenden Steuer. Das ist der Grund, warum Märkte geschichtlich immer im Umfeld der Heerlager entstehen. [...]
 
"Die Freiheit erlaubt mir, soziale Bindungen einzugehen und anderen Versprechungen zu machen. [...]
 
Übertragbare, quantifizierbare Versprechen sind die Basis des Geldsystems. Wenn dann noch staatliche Gewalt die Einlösung dieser Versprechen sicherstellt, hat sich der Charakter der sozialen Beziehungen dramatisch verändert. Dinge scheinen moralisch gerechtfertigt, die sonst nirgendwo im sozialen Raum zu legitimieren wären. [...]
 
Wenn soziale Beziehungen quantifizierbar und austauschbar werden, erscheint ein Zustand erstrebenswert, bei dem alle Schulden beglichen sind und niemand mehr jemandem etwas schuldet. Das deckt sich mit den großen Erzählungen von Adam Smith und anderen Theoretikern des freien Marktes. Darin ist vom Tauschhandel die Rede, der in diesen Darstellungen am Anfang stand. Es folgte die Erfindung des Geldes, um den Tausch zu vereinfachen. Schließlich folgten Kredit und Schulden. Eine geschichtliche Analyse zeigt, dass es genau anders herum war. Am Anfang steht der Kredit als Kitt der Gesellschaft und das Geld in physischer Form folgt erst zu einem späteren Zeitpunkt. Und auch die Vorstellung, dass der moderne Individualismus mit dem Markt geboren wurde, ist falsch. Auch in traditionellen Gesellschaften gab es einen sehr starken Individualismus. Allerdings zeichnete er sich durch das jeweilige Netzwerk sozialer Beziehungen aus, durch das, was die Soziologie soziales Kapital nennt. Die Marktgesellschaften erfinden das Individuum in gewisser Weise neu, indem sie alle diese sozialen Verpflichtungen in quantifizierbare Schulden verwandeln. Ihr Ideal ist der Mensch, der all diese Schulden beglichen hat. [...]
 
Das eigentliche Problem ist, dass wir uns alle Beziehungen als Tausch vorstellen. Der Tausch hat einen Platz in jeder menschlichen Gemeinschaft, aber es gibt viele andere Beziehungsformen. Sobald man alles unter dem Aspekt eines wechselseitigen Tausches sieht, wo jeder gleichermaßen nimmt und gibt, erscheint jede bleibende Beziehung als Schuld. Daraus entwickelt sich dieses reduktionistische Ideal der Freiheit: Ich gebe exakt das zurück, was ich bekommen habe. Dann bin ich frei und kann gehen. Das schließt dauernde Beziehungen aus. Aus diesem Grunde wollen die Menschen in vielen von Nahbeziehungen geprägten Gesellschaften ihre Schulden gar nicht vollständig begleichen. Man gibt immer ein bisschen weniger oder auch ein bisschen mehr. Andernfalls gäbe man zu verstehen, dass man mit seinem Gegenüber nichts mehr zu tun haben möchte. Sobald man alles als Markt sieht, auf dem ein ausgeglichener Tausch stattfindet, entwickelt man eine äußerst negative Vorstellung von der Natur gesellschaftlicher Beziehungen. Der erste Schritt zu nachhaltigeren Gesellschaftsformen ist deshalb die Frage, welche anderen Handlungsmotive gibt es? Ich habe drei wichtige unterschieden. Da ist das, was ich Alltagskommunismus nenne. In der überwältigenden Mehrzahl der Nahbeziehungen handeln wir spontan kooperativ nach der Devise, jeder gibt nach seinen Fähigkeiten jeder nimmt entsprechend seinen Bedürfnissen. Wenn mich jemand nach dem Weg fragt, frage ich nicht zurück, was ich für die Auskunft bekomme. Auch Familienbeziehungen funktionieren so. Dann haben wir den mehr oder weniger ausgeglichenen Tausch. Er ist eigentlich nur mit Fremden möglich, denen wir auf Augenhöhe begegnen. Aber es gibt auch hierarchisch strukturierte Beziehungen, die ganz anders ablaufen. Auch dort wird nicht Gleiches mit Gleichem verglichen. Mit dem, was er gibt, bestätigt der Mächtige die Asymmetrie der Beziehung zum Unterlegenen. Wenn dieser das Gleiche zurückgeben würde, müsste der Mächtige das als subversiven Akt auffassen. Ich glaube, dass eine nachhaltige Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn kooperative Beziehungen überall dort greifen, wo es um die Grundbedürfnisse der Menschen geht. Nur so kann existenzielle Sicherheit hergestellt werden. Auf der Basis dieser Sicherheit kann man dann frei entscheiden, welches Spiel man spielen möchte."
 
David Graeber
 
 
"[...] Es liegt im Wesen der Macht, nicht nur ihre Erhaltung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern sich materiell und ideell immer stärker zu machen, ja, ihre Ausdehnung und Kräftigung als einzigen Inhalt allen ihrer Handlungen zugrunde zu legen. Menschen und gesellschaftlich lebenden Tieren ist das Machtstreben nicht angeboren. Erst jahrtausendelange Gewöhnung an Vorrecht und Entrechtung hat die Menschen, nur sie, zu dem Glauben gebracht, es sei in ihrer Natur bedingt, daß der Wettstreit um den Platz an der Sonnenseite des Daseins in der Form von Machtkämpfen geführt werden müsse. Gerade aber erst die Machtkämpfe haben mit der Spaltung des Menschengeschlechts in Herrschende und Beherrschte verursacht, daß es eine Sonnenseite und eine Schattenseite des Lebens gibt. Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist. Wer nach Macht strebt, kann sein Ziel nur erreichen, indem er andere ohnmächtig macht. Die größte und umfassendste Macht der bisher erlebten Geschichte ist die vom Kapitalismus entwickelte Macht. Zweck der halt- und grenzenlosen Kapitalshäufung ist jedoch keineswegs, dem Kapitalisten bloß ein Wohlleben zu verschaffen. Seine Absicht, in Reichtum zu leben und Aufwand zu treiben, läßt sich erreichen, ohne daß Milliardenwerte, ungeheure Ländereien, Bergwerke, ganze Industrieausbeuten unter die Verfügung eines Einzelnen zu gelangen brauchten. Der Großkapitalist rafft seine Güter durchaus nicht zusammen, um sich ein bequemes Leben zu schaffen; er verwendet im Gegenteil außerordentlich mühevolle Tätigkeit auf die Erhaltung, Vermehrung und Vervielfältigung seines Kapitals, obwohl er weiß, daß sich durch die Ausdehnung seines Eigentums an seiner Lebensführung gar nichts ändern wird und obwohl jede Vergrößerung seines Reichtums größere Anforderung an seine organisatorische Spannkraft stellt.

Der Kapitalist weiß sogar, daß bei gerechter und natürlicher Bewirtschaftung der Erde im Sozialismus, bei gleicher Berücksichtigung aller in der Regelung des Verbrauchs, für niemanden, also auch für ihn nicht, eine Verarmung im Sinne von Mangel an Gütern und Freuden eintreten würde. Denn der Boden trägt, wenn er sozialistisch gepflegt wird, genügend, um guten Wohlstand für alle Menschen zu verbürgen, und wir kämpfen für die kommunistische Anarchie nicht, um den Reichtum, sondern um die Armut abzuschaffen. Der Kapitalist macht sich reich, um andere arm zu machen. Sein Antrieb zur Kapitalanhäufung ist nicht Habsucht, sondern Machtgier. Je mehr Menschen er durch seinen Reichtum in Armut treibt, um so mehr Menschen macht er sich hörig. Je ärmer jemand ist, um so abhängiger ist er, je abhängiger er ist, um so besser kann er beherrscht werden. Darum bleibt es sich auch für den arbeitenden Menschen ganz gleich, ob seine Arbeitskraft von einem Privatmann oder einer Ausbeutergesellschaft gedungen wird oder vom Staat. Dadurch, daß ihm der Ertrag seiner Leistung vorenthalten bleibt, wird Macht geschaffen, von der er abhängig ist. Die Staatsmacht braucht seine Armut genau so wie der Private, um durch sie Macht auszuüben. Die Macht des Staates ist aber gefährlicher als jede andere Macht, weil sie mit dem Anspruch auftritt, Ausdruck des allgemeinen Willens zu sein und die von ihr der Arbeit abgenommenen Reichtümer dem allgemeinen Nutzen zuzuführen. In Wahrheit dienen diese Reichtümer ausschließlich der Erhaltung des Staates selbst, das heißt der Macht der Obrigkeit, die die Ohnmacht der Regierten braucht. [...]"
 
Erich Mühsam, 1932
 
 
"[...] Der zentrale Motor der Geschichte war dabei für Kurz die Selbstunterwerfung des Menschen unter den ökonomischen Prozess der Geldvermehrung, was er mit dem von Adam Smith geprägten Bild der „schönen Maschine“ (S. 41) umschreibt. Deren „völlig unpersönlicher“ (S. 41) und „blinder Mechanismus“ werde als quasi „Naturgesetzlichkeit“ unreflektiert vorausgesetzt. Das einzige „Ziel“ der „schönen Maschine“ sei die „Verwertung des Werts“ (S. 85), die unaufhörliche Anhäufung von „Geld“ und „Quanten abstrakter Arbeit“ (S. 145). Mit diesem von Karl Marx übernommenen Begriff charakterisiert Kurz die Unterwerfung unter eine Form des Produzierens, die letztlich „sinnvergessen“ (S. 16) sei, da es nicht mehr auf ihre Inhalte ankomme, sondern nur noch um die „Verausgabung von Arbeitskraft schlechthin“, die Auslieferung an den „abstrakten Selbstzweck des Geldes“, um eine „fremdbestimmte, jenseits der eigenen Bedürfnisse und außerhalb der eigenen Kontrolle liegenden Tätigkeit“. Das Festhalten an diesem Prinzip der „abstrakten Arbeit“ bilde letztlich die große Gemeinsamkeit aller Gesellschaften und ihrer Kritiker seit Beginn der Neuzeit. Selbst die Vertreter der bürgerlichen Revolutionen und der Arbeiterbewegung hätten sich von diesem Paradigma nicht lösen können. [...]
 
Kurz beginnt seine historische Analyse des Kapitalismus mit dem Anfang des 17. Jahrhunderts, in dem sich ein Gesellschaftsmodell der „totalen Konkurrenz“ (S. 18) entwickelt habe. Dessen zugrunde liegendes Welt- und Menschenbild sei seiner Meinung nach „für das gesamte westliche Denken der Moderne bis zum heutigen Tag hegemonial“ geworden.
Das aufstrebende marktwirtschaftliche Unternehmertum habe sich eine starke gesellschaftliche Stellung gesichert. Gleichzeitig habe es sich jedoch „nicht mehr an die traditionelle Struktur der autoritären Hierarchie gebunden“ (S. 18) gefühlt und seine eigene „Herrschaftsideologie“ zur Legitimierung seiner spezifischen Interessen entwickelt.
 
Der „große Stammvater des Liberalismus“ (S. 18) ist für Kurz Thomas Hobbes. Da jener den Menschen als ein prinzipiell von Natur aus egoistisches Wesen auffasse, der sich natürlicherweise in einem „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes) (S. 20) befinde, bedürfe es laut Hobbes einer übergeordneten Macht, des Staates, der den „menschlichen Raubaffen zur negativen Gesellschaftlichkeit zähmen sollte“ (S. 21). Dieser Rechtfertigungsgedanke des „absoluten Staates“ finde sich laut Kurz bis heute (S. 22). „Freiheit“ bestehe für Hobbes vor allem darin, „zu kaufen und zu verkaufen und miteinander Handel zu treiben“ (S. 19), nicht etwa in der Möglichkeit, „sich nach eigenen Bedürfnissen und Vereinbarungen kooperativ zu verhalten“.
Die Wendung des Konkurrenzstrebens zu einer positiven Eigenschaft – was Kurz als „Umwertung aller Werte“ (S. 25) bezeichnet – sei durch Bernard Mandeville vorgenommen worden. Durch gegenseitige Konkurrenz könnte der naturgemäß faule, egoistische und geldgierige Mensch eine Gesellschaft im Endresultat zu einer „blühenden Gemeinschaft“ (S. 25) machen. Dabei wird das „Mit-Fühlen und Mit-Leiden bei Unglück und Elend anderer“ zu einem Gefühl der „schwächlichsten Gemüter“ erklärt, dem die „Männer des Marktes“ nicht nachgeben dürften (S. 27).
 
Übertroffen, so Kurz, werde dieser Zynismus von Marquis de Sade, der die Ideologie vom „Recht des Stärkeren“ in einer radikalisierten Gestalt bis hin zum Mord vertritt (S. 31). Jegliches soziale Mitleid werde von De Sade als eine negative „Natureigenschaft“ der Frauen gebrandmarkt (S. 32). Durch die Reduzierung der Sexualität auf die Verrichtung des Koitus verwandele er sie „gewissermaßen in einen (analog zum kapitalistischen Produktionsprozess) maschinellen Vollzug“ (S. 34). [...]
 
Das ethische Prinzip des „größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl“ von Jeremy Bentham propagiere eine Gesellschaft, „die jedem Menschen das Recht gibt bzw. geben sollte, ‚sein Glück zu machen‘“ wie es auch in der Formel des pursuit of happiness in die Unabhängigkeitserklärung der USA Eingang gefunden habe. Der objektive Maßstab für Glück sei letztlich das Geld, wobei nach Bentham das Eigentumsrecht in keiner Weise angetastet werden dürfe.

Biologistischer Unterbau
Eine zentrale Entwicklung im 19. Jahrhundert ist für Kurz der Darwinismus, der einen für die moderne Naturwissenschaft typischen Charakter aufweise:
„Eine wirkliche große Entdeckung verschmolz vollständig mit einem irrationalen ideologischen Impuls und unreflektierten Interessen des kapitalistischen Fetisch-Systems, um sich schließlich mit einer enormen Zerstörungskraft aufzuladen“ (S. 154).
 
Kurz sieht Darwin in der Tradition der Aufklärung und ihrem Programm der „Vernaturwissenschaftlichung“ der Welt (S. 155). Die Freigeister hätten jedoch keine echte Aufklärung im Sinn gehabt: die scheinbare Aufhebung der Religion durch die Naturwissenschaften sei nur der intellektuellen Elite vorbehalten gewesen bzw. habe doch nur einer raffinierterer Form der Gängelung und Selbst-Disziplinierung der Massen gedient.
Darwin habe geglaubt, den Mechanismus für die Evolution, d. h. die allmähliche Veränderung und Höherentwicklung der Lebewesen, im ‚Kampf ums Dasein‘, d. h. in der Selektion gefunden zu haben. Die Rückprojektion dieser Lehre auf die Gesellschaft sei eine willkommene ‚naturwissenschaftliche‘ Rechtfertigung für das kapitalistische Konkurrenzkonzept gewesen. Der sogenannte „Sozialdarwinismus“ sei dann schon bald von „imperialistischen Ideologen wie Friedrich Naumann, Walter Rathenau oder Max Weber“ zur Formulierung deutscher Weltmachtansprüche verwendet worden.
 
Für Kurz verbinden sich Darwinismus und Kapitalismus in den „Eugenik“-Bewegungen, die eine „wissenschaftlich“ basierte menschliche „Zuchtwahl“ hätten entwickeln wollen. Der Sozialdarwinismus habe die „negative Selektion“ zur Ausschaltung der „biologisch Minderwertigen“ der Gesellschaft eingeführt, die besonders Kriminelle und alle, die im „kapitalistischen Sinne“ arbeitsuntauglich gewesen seien, betroffen habe. Diese Ideologie des Sozialdarwinismus sei zunächst als eine Art „Fortpflanzungshygiene“ realisiert worden:
„Während die ‚Minderwertigen‘ und ‚Entarteten‘ notfalls gesetzlich und mit Polizeigewalt daran gehindert werden sollten, sich fortzupflanzen, galt es andererseits als gesellschaftspolitisches Ziel, ‚erbgesundes‘ Menschenmaterial nach landwirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammenzuführen“ (S. 161).
 
Mit dem Darwinismus habe sich auch der moderne Rassismus verbunden, der von Kant („Race“) über Hegel bis zu Auguste Comte („Stadientheorie“) gereicht hätte und Joseph Arthur Graf de Gobineau den „Mythos der ‚arischen Edelrasse‘“ habe erfinden lassen.
Die mit dem Darwinismus verschmolzene Rassentheorie habe – so Kurz – unmittelbar biologistischen Charakter angenommen. Houston Stewart Chamberlain sei dabei der Lieferant einer Interpretation der „gesamten Geschichte einschließlich der Kunstformen nach ‚rassischen‘ Gesichtspunkten“ gewesen (S. 164). Diese Verbindung von Darwinismus und Rassenwahn im Kapitalismus habe zu einer dualistischen Rangordnung zwischen „Herrenmenschen“ und biologisch inferiorem „Menschenmaterial“ geführt. Der gesellschaftliche Wahn habe eine Projektionsfläche für die „Verkörperung seiner eigenen Negativität“ und einen ‚negativen Übermenschen‘ „in Gestalt der Juden“ gefunden; eine Entwicklung, in der sich für Kurz die europäische Tradition des Antisemitismus in die kapitalistische Moderne transformiert habe: vor allem in der Idee einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘. [...]
 
Die Konkurrenz der Unternehmen habe die Marktteilnehmer nun zu einer permanenten Produktivkraftentwicklung genötigt, um das eigene Angebot marktfähig zu halten. Im Kampf um die Preise sei es zu einer Art „Standortdebatte“ um die günstigsten Arbeitslöhne gekommen, die beginnende internationale Konkurrenz habe als Mittel der sozialen Erpressung gedient (S. 59).
Bald sei der Kapitalismus gewissermaßen als „gesellschaftliches Naturereignis“ betrachtet worden. Das Paradoxon, dass er einerseits eine „bis dahin niemals für möglich gehaltene Arbeitsersparnis durch das Maschinenwesen“ erreicht, diese aber andererseits „nicht als Steigerung der gesellschaftlichen Wohlfahrt und als Lösung der sozialen Probleme“ (S. 59) habe nutzen können, begegnete man nach Kurz’ Ansicht allein mit der Hoffnung auf eine „naturwissenschaftlich-technische Erlösung, die doch irgendwann einmal aus den Maschinenkräften selber kommen sollte“.
Kurz glaubt, dass die kapitalistische Produktionsweise in einen „unlösbaren logischen Selbstwiderspruch“ geriete, da sie einerseits „abstrakte Arbeit“ in Waren verwandele, andererseits aber menschliche Arbeit fortlaufend „durch technisch-wissenschaftliche Agenzien“ ersetzt und so die Substanz der „Wertschöpfung“ selbst aushöhle. [...]
 
Mit dem Fabrikproletariat sei eine neue Kategorie von „arbeitenden Armen“ entstanden, Kinder und Frauen seien zu Niedriglöhnen in den Fabriken beschäftigt worden. Die Opfer hätten aber Widerstand geleistet, wodurch es zu Sozialrevolten gekommen sei. [...]
 
Nur wenige Intellektuelle – allen voran Karl Marx und Friedrich Engels – seien durch persönliche Erfahrungen „umgedreht“ worden. Historische Folgen seien jedoch ausgeblieben. Marx habe zwar stets Sympathie für die sozialen Aufstände geäußert, deren Impuls aber „im wesentlichen als eine Verirrung gegen ‚die Produktivkräfte’ betrachtet“. Kurz wirft dem Marxismus die Übernahme des „positivistischen, technisch-naturwissenschaftlich verkürzten Fortschrittsbegriff des Liberalismus“ vor. Eine radikale Kritik an der Modernisierungsgeschichte und ihres gewandelten Arbeitsbegriffs sei auch in der „Linken“ bis heute ausgeblieben. [...]
Kurz charakterisiert den Beginn des 20. Jahrhunderts als eine
„eigentümliche schizophrene Mischung aus Fortschrittsgläubigkeit und Untergangsphantasie, technokratischem Machbarkeitsdenken und biologistischer ‚Veterinärphilosophie’, Staatsräson und Marktkonkurrenz, individuellen Ansprüchen und wahnhafter Kollektivsubjektivität von ‚Nation’ und ‚Rasse’“. [...]
 
Besonders in Deutschland habe „die Mischung aus Krisenangst, phantasmagorischen Projektionen und Spekulantenhatz den alten, tiefsitzenden Dämon des Antisemitismus“ erneut geweckt, insbesondere in Gestalt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. [...]
 
Bei einer Betrachtung der gesamten Modernisierungsgeschichte liege es Kurz zufolge nahe, „Kapitalismus, Liberalismus und Marktwirtschaftsdemokratie nicht als übergreifendes Positivum zu verstehen“, sondern als „negative und repressive Zwangsvergesellschaftung durch die monströse ‚schöne Maschine’ der ‚Verwertung des Werts’“.
Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wurzeln für Kurz in der kapitalistischen Produktionsweise und seien Erscheinungsformen des liberalen Kapitalismus. Er behauptet weiter:
„Aus dieser negativen, kritischen Perspektive kann besonders Auschwitz nur als die nicht mehr zu überbietende äußerste Konsequenz der liberalen Ideologie in der Tradition von Hobbes, Mandeville, de Sade, Bentham, Malthus u. Co. verstanden werden“,
deren „Naturalisierung und Biologisierung des Sozialen“ eine „historische Schicht von Auschwitz“ darstelle.
In den Diktaturen des 20. Jahrhunderts habe sich „nur der liberale Terror des Frühkapitalismus auf höherer Stufenleiter der Entwicklung und mit verschobenen ideologischen Legitimationsmustern“ wiederholt. [...]
 
Kurz bemerkt kritisch, dass Keynes selbst zugegeben habe, dass es sich bei dessen Theorie „im Grunde nur um einen ‚Aufschub‘ der absoluten Grenze kapitalistischer Produktion handeln kann. Ebenso unfreiwillig enthüllt er die Absurdität der dem Kapitalverhältnis inhärenten Logik“. Die erste Runde des ‚Keynesianismus‘ sei in einen neuen Rüstungswettlauf gemündet: wieder einmal sei der Krieg der Vater aller Dinge, Hitler gewissermaßen der „Exekutor dieser mörderischen ‚List‘“ des Aufschubs gewesen.
 
Als Ergebnis dieser Entwicklung sieht Kurz den Zweiten Weltkrieg, über den er das folgende Resümee zieht:
„Dieser neuerliche Triumph der ‚schönen Maschine‘ kostete insgesamt 55 Millionen Menschen das Leben, große Teile Europas und Asiens wurden verwüstet. Aber merkwürdig: Die abermaligen und ungeheuerlichen ‚Kosten der Modernisierung‘, die quantitativ wie qualitativ allen bisherigen Terror und Horror des Kapitalismus übertrafen, riefen kein geistiges Echo der tiefen Erschütterung mehr hervor […] Es war, als liefe das bis ins Mark demoralisierte Menschenmaterial geradezu gleichgültig und bereits roboterhaft kalt durch eine Feuerwand in den kommerziellen, endgültig entgeistigten Stumpfsinn des kommenden trostlosen Konsumparadieses hinein.“
In der Nachkriegszeit sei es dann darum gegangen, „die kriegswirtschaftlichen Strukturen […] in ‚zivilökonomische’ Regulationsformen zu überführen und zu einem dauerhaften System auszubauen“. [...]
 
Kurz sieht die zweite industrielle Revolution wesentlich durch den Begriff des „Totalitären“ gekennzeichnet. Er wirft den gängigen Totalitarismus-Theorien vor, dass in ihnen der Begriff „totalitär“ nur im „staatlich-politischen“ Sinne definiert werde, „während der ökonomische völlig ausgeblendet“ bliebe, obwohl der politische Totalitarismus eine ökonomische Grundlage habe. So seien „sowohl die stalinistische als auch die Nazi-Diktatur ebenso wie der italienische Faschismus auf dem Boden des warenproduzierenden Systems entstanden“. [...]
 
Kurz glaubt, dass die Vorstellung, dass mit dem Kapitalismus immer mehr Freizeit und Spaß für den Menschen einhergehen werde, im Hinblick auf den Zusammenhang mit einer „Arbeitszeitverkürzung“ zu relativieren sei. Diese beschränke sich zum ersten nur auf wenige reiche kapitalistische Zentren, vor allem die Länder des kontinentalen Westeuropas. Zum zweiten sei die Arbeitszeitverkürzung nur eine temporäre Erscheinung in der Phase schnellen Wirtschaftswachstums gewesen. Zum dritten würde die Zeitverkürzung durch eine übermäßige Steigerung der Arbeitsbelastung für den einzelnen überkompensiert. Auf der anderen Seite sei Freizeit nur „scheinbar frei disponible Zeit“, denn im „Freizeitkonsum“ – im Massentourismus etwa würde die „Mobilmachung“ auch auf die freie Zeit ausgedehnt – setze sich die „kapitalistische Konditionierung“ fort, so dass es letztlich keinen sozialen Raum mehr außerhalb dieser gebe.
 
Totalitäre Demokratie
Kurz ist der Ansicht, dass auch die Demokratie ein totalitäres Element enthalte. So habe bereits Erich Ludendorff erkannt, dass „das Menschenmaterial des Verwertungsprozesses in keiner anderen Staatsform so widerspruchslos und kostengünstig an der Leine geführt werden kann wie in der Demokratie“.[6] Der Grund sei, dass das gesellschaftliche Leben letzten Endes nicht durch bewusste gemeinsame Entscheidung der demokratischen Gesellschaftsmitglieder gesteuert werde, da die demokratischen Prozeduren von freier Meinungsäußerung, politischer Willensbildung und freien Wahlen den Wirkungen der ‚Gesellschaftsphysik’ von anonymen Märkten nur nachgeschaltet seien: alle demokratischen Entscheidungen seien immer schon im Voraus durch die Automatik des ökonomischen, naturgesetzhaft verstandenen Systems festgelegt.
 
Hinter den drei staatlichen Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative stehe nach Kurz also immer auch die strukturelle (vierte) Gewalt eines totalitären Marktsystems, welches seit Rousseau unter dem Namen des abstrakten „Gemeinwohls“ firmiere, und auf die sich die postulierte ‚Volkssouveränität’ nicht erstrecke. Ein letzter totalitärer Charakter zeige sich ebenfalls in der totalen Bürokratie der Menschenverwaltung in den Demokratien. [...]
 
Am Wendepunkt der wirtschaftlichen Prosperität Anfang der 1970er Jahre wurden laut Kurz deren Folgen sichtbar: die umfassende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Er führt diese Entwicklung auf die Logik der „abstrakten Arbeit“ zurück, die ihre Kosten auf die Gesamtgesellschaft, die Zukunft und eben auch auf die Natur abwälze. Letzteres sei bereits dem jungen Friedrich Engels in seiner Analyse „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“[7] aufgefallen. Jedoch erst mit der kapitalistischen „Totalmobilmachung“ sei die Natur nun der abstrakten betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik vollständig ausgeliefert gewesen.
 
Im Jahr 1972 seien erstmals die „Grenzen des Wachstums“ nach einer gleichnamigen Studie des Club of Rome weltweit debattiert worden, in der das Verhältnis von Wachstumszwang und natürlichen Rohstoffen zur Sprache gekommen sei. Kurz kritisiert an dieser Studie, dass darin „der destruktive Charakter betriebswirtschaftlicher Rationalität bestenfalls indirekt“, als „bedauerliche Nebenwirkung der ‚Industriegesellschaft’“ vorkomme. Kurz meint zu erkennen, dass die offizielle Gesellschaft die Debatte über die Grenzen und destruktiven ökologischen Folgen des Wachstums nur aufnahm, um das Problem besser verdrängen zu können: die eigentliche Ursache der ökologischen Katastrophe sei folgenlos zerredet, oder in die unverbindliche Propaganda einer „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“ überführt worden.
 
Erst die revoltierende Studentenbewegung habe wieder von einer Welt träumen können, die „vom kapitalistischen Selbstzweck der ‚schönen Maschine’ erlöst“ sei und die Produktionstätigkeit auf vielleicht zwei oder drei Stunden am Tag reduzieren würde.
„Erstmals seit vielen Jahrzehnten gab es wieder so etwas wie den Versuch, eine authentische Reformulierung der Marxschen fundamentalen Kapitalismuskritik zu wagen. Der Pariser Mai schien das System in seinen Grundfesten zu erschüttern“.
Kurz zieht allerdings die Bilanz, dass die „Bewegung von 1968 im Sinne der sozialen Emanzipation restlos gescheitert“ sei. Die radikale Kritik an Warenform und ‚abstrakter Arbeit’ sei schließlich nicht weiter verfolgt worden, stattdessen seien die Studenten wie schon zuvor die Arbeiterbewegung „auf die schiefe Bahn der ‚Politik’“ geraten. [...]
 
Die Dritte industrielle Revolution hat für Kurz ihre technologische Basis in der Elektronik und den Informationswissenschaften. Die mit ihr verbundene Automatisierung führt seiner Ansicht nach „zu einer qualitativ neuen Stufe der Massenarbeitslosigkeit und damit der Systemkrise“. Die logisch einzig mögliche Verlaufsform der Automatisierung im Kapitalismus sei Massenarbeitslosigkeit. Das Hauptproblem bestehe darin, dass jene Menschen, die nun „überflüssig“ seien, aus dem System des Geldverdienens und der Konkurrenz ausgestoßen würden, obwohl dieses weiterhin ihre unausweichliche Existenzgrundlage bilde. Das „Ende der Arbeitsgesellschaft“ droht Kurz zufolge in einen „wirklichen historischen Systemzusammenbruch“ zu münden, da mit der Arbeit die „Substanz des Kapitals selbst“ auszugehen drohe. [...]
 
Die Lösungsversuche des zeitgenössischen Liberalismus zu dieser Problematik hält Kurz für grotesk. Die Argumentation Ralf Dahrendorfs, eine radikale Absenkung des Niveaus von Reallöhnen und Sozialleistungen vorzunehmen, hält er nicht nur für einen nicht funktionierenden Ausweg, sondern empfindet selbst das Ansinnen solcher Zumutungen für die Lohnarbeiter als absurd. Die „einzig vernünftige Konsequenz“ bestehe für Kurz darin, im Einklang mit dem technischen Fortschritt „mehr Muße für alle einzuklagen, bei voller Beteiligung aller an den Früchten der ungeheuer angewachsenen Produktivität.“
 
Kurz sieht mit „der fortschreitenden Dehumanisierung des Kapitalismus“ einen „demokratischen Gulag“ heraufziehen. Dieser Gulag gliedere sich in drei Abteilungen:
 
Die erste Abteilung bestehe in Menschenverwahrung und -Einschließung; Institutionen, in denen immer mehr „überflüssige“, „delinquente“ oder sonstwie „unverwertbare“ Menschen verschwinden würden, und die selber zu einem gewaltigen Kostenfaktor angeschwollen seien: Gefängnisse, Zuchthäuser, Drillanstalten, „Heime“ aller Art, Armenkliniken, psychiatrische Anstalten usw.

Die zweite und größte Abteilung bestehe aus den Massen der Arbeitslosen und Herausgefallenen, die von der demokratischen Armuts- und Krisenverwaltung bürokratisch in Bewegung gehalten, drangsaliert, gedemütigt und zunehmend auf „Hungerrationen“ gesetzt werden würden.
Die dritte Abteilung bildeten die ganz am Rande der Gesellschaft „vegetierenden“ Obdachlosen, Straßenkinder, Immigranten, Asylbewerber und sonstigen Illegalen, die nicht einmal mehr durchgehend verwaltet würden, sondern nur noch sporadisches Objekt von Polizei- und gelegentlich sogar Militäreinsätzen (oder in manchen Ländern von privaten Todesschwadronen) seien.
 
Kurz’ Fazit: Die dritte industrielle Revolution habe in nur knapp 20 Jahren die größte Krise seit 1929 heraufbeschworen, die nicht nur die überwunden geglaubte Massenarbeitslosigkeit zurückgebracht, sondern auch die Geldwirtschaft in vielen Ländern bereits zusammenbrechen lassen habe. Hier trete der immanente Selbstwiderspruch des Kapitalismus final zutage. [...]
 
Sozialstaat
Der Liberalkonservatismus sei zur Abwendung sozialer Revolten geneigt gewesen, „dem Staat eine gewisse soziale Verantwortung zu übertragen – selbstverständlich […] untrennbar vermengt und verbunden mit seiner Repressionsfunktion“. Kurz bezeichnet dies als „Wiederverheiratung“ des Liberalismus mit dem „absolutistischen Apparat“, der in allen wichtigen Ländern Europas stattgefunden habe. [...]
 
Für Kurz haben die ökonomischen Krisen der beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, einhergehend mit dem staatlichen Rückzug aus der sozialen Verantwortung und dem Erstarken des Neoliberalismus zur größten Welle von Massenverarmung seit dem frühen 19. Jahrhundert geführt. Dabei sei der größte Teil der Dritten Welt vollständig ruiniert worden, inklusive der aufstrebenden südostasiatischen Länder, ebenso die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und in ganz Osteuropa. Aber auch im Westen würden jährlich größere Regionen und Bevölkerungsgruppen der Massenverarmung anheimfallen. Kurz zieht daraus den Schluss, dass das globale kapitalistische System vollkommen versagt habe.
 
Kurz führt das Phänomen der Verarmung an verschiedenen Beispielen aus. So gebe es weltweit eine wachsende Verelendung von Kindern: die Kinderarbeit in der Dritten Welt, aber auch in Deutschland und den USA nehme zu; das Phänomen der Straßenkinder habe sich ebenfalls massiv ausgedehnt. Seit den 1990er Jahren sei es zudem zu einem weltweiten Anschwellen des Hungers gekommen. Auch in den westlichen Industrieländern nehme die Unterernährung und damit einhergehende Mangelerkrankungen zu. In der medizinischen Versorgung würden die gesetzlichen Krankenversicherungen überall zur „Armenkasse“ umfunktioniert. Jenseits der großen Industrienationen gebe es in den meisten östlichen und südlichen Ländern medizinische Hilfe ohnehin nur noch gegen Barzahlung. Zunehmend würde „die Geldarmut sogar dazu ausgenutzt, die Armen als regelrechte Organbanken für die Besserverdienenden auszuschlachten“, wozu sich die „vom Weltmarkt ruinierte Dritte Welt“ geradezu anbieten würde[8] – für Kurz das wohl „letzte noch denkbare Stadium der Angebotsökonomie“. Die allgemeine „Dehumanisierung des kapitalistischen Medizin- und Gesundheitswesens“ setze sich auch vor allem darin fort, wie mit pflegebedürftigen Alten umgegangen werde. Selbst engste Angehörige hätten oft nur noch den Status entfernter Verwandten, sobald sie hinter den Mauern einer Pflege- oder Aufbewahrungsanstalt verschwunden seien. Dabei nähmen die Altenheime für die verarmten Massen unter dem zunehmenden Kostendruck „KZ-ähnlichen Charakter“ an.

Fazit des Autors
Im Epilog des Buches zieht Kurz das Fazit, dass der Kapitalismus auf seine eigene Selbstvernichtung zulaufe, die auch in einer Zerstörung der menschlichen Gesellschaft enden könne. Um dieser Gefahr entgegenzutreten, müssten „radikale theoretische Kritik und Rebellion zusammenkommen“. Kurz sieht zwei mögliche Wege zur Überwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems: der kürzeste Weg sei „die Besetzung der Produktionsbetriebe, Verwaltungsinstitutionen und sozialen Einrichtungen durch eine Massenbewegung, die sich die gesellschaftlichen Potenzen direkt aneignet und die gesamte Reproduktion in eigener Regie betreibt, also die bislang herrschenden ‚vertikalen’ Institutionen schlicht entmachtet und abschafft“. Denkbar wäre auch eine „Übergangsphase, in der sich eine Art Gegengesellschaft bildet, die bestimmte soziale Räume gegen die kapitalistische Logik eröffnet, aus denen Markt und Staat vertrieben werden“. Als ein mögliches institutionelles Gefüge der Zukunft, das „Marktwirtschaft und Demokratie ablösen könnte“, sieht er die Einrichtung von „Räten“, d. h. „beratende Versammlungen aller Gesellschaftsmitglieder auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Reproduktion“. Hierzu müsste eine bewusste „Palaverkultur“ geschaffen werden, um „alles zu bereden und abzuwägen“.
 
Kurz sieht für eine solche zukünftige Gesellschaft vor allem drei Aufgaben:
die „vorhandenen Ressourcen an Naturstoffen, Betriebsmitteln und [..] menschlichen Fähigkeiten so einzusetzen, dass allen Menschen ein gutes, genussvolles Leben frei von Armut und Hunger gewährleistet wird“;
„die katastrophale Fehlleitung der Ressourcen […] in sinnlose Pyramidenprojekte und Zerstörungsproduktionen zu stoppen“;
„den durch die Produktivkräfte der Mikroelektronik gewaltig angeschwollenen gesellschaftlichen Zeitfonds in eine ebenso große Muße für alle zu übersetzen“.
 
Bei der Lösung dieser Probleme handle es sich letztlich „weder um ein materielles noch um ein technisches oder organisatorisches Problem, sondern allein um eine Bewusstseinsfrage“. Für Kurz ist es aber wahrscheinlich, dass der dazu notwendige „Bewusstseinssprung“ nicht mehr vollzogen wird. Der Kapitalismus sei aber dennoch nicht überlebensfähig, was „die unaufhaltsame Entzivilisierung der Welt“ nach sich ziehe. Die einzige Handlungsalternative sei „eine Kultur der Verweigerung“. Dies bedeute, „jede Mitverantwortung für ‚Marktwirtschaft und Demokratie‘ zu verweigern, nur noch ‚Dienst nach Vorschrift‘ zu machen und den kapitalistischen Betrieb zu sabotieren, wo immer das möglich ist“. [...]"
 
Quelle: Wikipedia - "Schwarzbuch Kapitalismus"
Großartig:
 
"[...] Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter sind vom Wesen des Kapitalismus ebenso unzertrennliche Erscheinungen wie die Arbeitslosigkeit, Überproduktion und Unterkonsum der Arbeiter. Sie sind oft ein Mittel, den Anteil der Arbeiter an der Arbeitsproduktion herabzusetzen und nehmen zeitweise durch politische, religiöse und nationale Verfolgungen anormale Dimensionen an.
 
Der Kongress vermag ein Mittel zur Abhülfe der von der Aus- und Einwanderung für die Arbeiterschaft etwa drohenden Folgen nicht in irgendwelchen ökonomischen oder politischen Ausnahmemaßregeln zu erblicken, da diese fruchtlos und ihrem Wesen nach reaktionär sind, also insbesondere nicht in einer Beschränkung der Freizügigkeit und in einem Ausschluß fremder Nationalitäten oder Rassen.
 
Dagegen erklärt es der Kongress für eine Pflicht der organisierten Arbeiterschaft sich gegen die im Gefolge des Massenimportes unorganisierter Arbeiter vielfach eintretende Herabdrückung ihrer Lebenshaltung zu wehren, und erklärt es außerdem für ihre Pflicht, die Ein- und Ausfuhr von Streikbrechern zu verhindern.
 
Der Kongress erkennt die Schwierigkeiten, welche in vielen Fällen dem Proletariat eines auf hoher Entwicklungsstufe des Kapitalismus stehenden Landes aus der massenhaften Einwanderung unorganisierter und an niederer Lebenshaltung gewöhnter Arbeiter aus Ländern mit vorwiegend agrarischer und landwirtschaftlicher Kultur erwachsen, sowie die Gefahren, welche ihm aus einer bestimmten Form der Einwanderung entstehen.
Er sieht jedoch in der übrigens auch vom Standpunkt der proletarischen Solidarität verwerflichen Ausschließung bestimmter Nationen oder Rassen von der Einwanderung kein geeignetes Mittel, sie zu bekämpfen. Er empfiehlt daher folgende Maßnahmen:
 
I. Für das Land der Einwanderung:
 
1. Verbot der Aus- und Einfuhr derjenigen Arbeiter, welche einen Kontrakt geschlossen haben, der ihnen die freie Verfügung über ihre Arbeitskraft wie ihre Löhne nimmt.
2. Gesetzlichen Arbeiterschutz durch Verkürzung des Arbeitstages, Einführung eines Minimallohnes, Abschaffung des Sweating-Systems [heute: System von Subunternehmen oder Sweatshop] und Regelung der Heimarbeit.
3. Abschaffung aller Beschränkungen, welche bestimmte Nationalitäten oder Rassen vom Aufenthalt in einem Lande und den sozialen, politischen und ökonomischen Rechten der Einheimischen ausschließen oder sie ihnen erschweren, weitgehendste Erleichterung der Naturalisation [Einbürgerung]. [...]"
 
Quelle: klassegegenklasse.org - "Grenzkontrollen sind `fruchtlos und reaktionär´ - Sozialistenkongress von 1907"

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